Frauenfelder Waffenlauf

Anna bestritt in Italien einen Langdistanz-Triathlon, Lut in Frauenfeld einen Waffenlauf-Marathon, beide um sich einen Mädchentraum zu erfüllen. Was die zwei rauchen, weiss ich selber noch nicht, aber der Droge Wirkung scheint beträchtlich, darum will ich mir damit selber mal eine Pfeife stopfen.

Anständige Mädchen träumen von Pferden, Prinzen, Prinzen auf Pferden, verzauberten Prinzen und Prinzen auf verzauberten Pferden. Letzteres sieht saublöd aus, doch auf dem Buckel vom Froschkönig zu galoppieren, fand ich unterwegs beim Frauenfelder nicht so weltfremd, anstatt selber mit 6,2 Kilo Gepäck auf dem Buckel zu galoppieren und dabei im Tarnanzug einen Marathon mit 520 Metern Höhendifferenz zurückzulegen.

Zurück zu den Wurzeln

1960 gründeten ein paar bewaffnete Basler Läufer die Wehrsportgruppe Basel – WSG. Bei der Generalversammlung dieser bewehrten Sportgruppierung im Jahr 1979 stellte einer den Antrag „Wehrsport ist nicht sexy“. Präsident Rolf Stauss rief umgehend zur Abstimmung auf. Die Anwesenden schauten sich gegenseitig prüfend – Frauen bei Männern, Männer bei Frauen – auf die Figur. Was sie sahen bewertete eine Mehrheit als sexy. Darum änderte sich der Name in SVB, Sexyverein Basel. Dummes Zeug: in SVB wie Sportverein Basel.

Jedenfalls bis 1998, weil nun liess die Vorstandsvorsitzende Therese Jöhl nochmal abstimmen. Seither heisst es Laufsportverein Basel, kurz LSV Basel, noch kürzer LSVB.

Die weitaus grössere Neuerung, ein Kulturwandel, manche sprachen vom Kulturschock, geschah ums Jahr 2000. Die autonom trainierende Frauengruppe des LSVB sollte in den regulären Trainingsbetrieb integriert werden. Doch Mittrainieren und Mitspracherecht kam damals überhaupt nicht gut an. Einige Männer, aber auch viele autonome LSVB-Ladies waren entschieden gegen eine Vereinsvereinigung. Sie waren nämlich schlau. Mitspracherecht fanden die schon gut, aber nicht umgekehrt. Männer könnten dann ja auch bei den Frauen reinreden. Wer wie ich bis 3 zählen kann, weiss aus eigener Erfahrung: keine gute Idee. Abends nach einem harten, zwölfstündigen Arbeitstag (5 Stunden in der Firma, 7 Stunden im Wirtshaus), nach dem Betreten der Wohnung, beim Versuch möglichst gerade zu stehen, wenn ich dann noch vom Mitspracherecht Gebrauch mache… mein lieber Mann.

Mein Tipp: nimm wie gefordert den Staubsauger gleich in die Hände und halt das Maul, dein Leben ist ein angenehmeres. Kleiner Extratipp: lass den laufenden Saugstauber einfach liegen. Während dem sie oben fern sieht, nimm dir ein Bier und leg dich aufs Sofa. Nach einer halben Stunde, auf dem Weg dein drittes Bier beim Kühlschrank abzuholen, schalte den Staubsauger aus. Sonst wird die nämlich misstrauisch und kommt kontrollieren. Und wie du dann aus dieser Nummer raus kommst, da neben dem propellernden Sauger liegend, dein Bier saufend, weiss ich nicht. Ich wünsche aber viel Glück dabei – du wirst es brauchen.

So war das damals. Diskussionen und stundenlange Beratungen beim LSVB bis ins Morgengrauen, wegen diesen bisexuellen Trainings. Das Thema ging nicht an einer Jahreshauptversammlung durch, es musste auf die nächste vertagt werden. Arbeitsgruppen trafen sich unter dem Jahr zum Diskutieren. Präsident Hans Senn schlichtete, beruhigte Gemüter und focht bei Gegenwind gegen Windmühlen. Es gab gehässige Szenen, empörte Vereinsaustritte. Ein weibliches Vorstandsmitglied trat empört zurück und vom LSVB aus. Denn es war für sie unmöglich: die Herren plötzlich gleichgestellt mit den Damen. Was Schweizer Frauen 1971 erkämpften, bekämpften vor allem weibliche LSVB-Trainierende dreissig Jahre später. Grabenkämpfe im Stellungskrieg der Geschlechter.

Der damalige Technische Leiter sagte mir mal, er erschrecke vor nichts mehr. Er hätte schon lange keine Angst vor niemandem, denn er sei seit 25 Jahren verheiratet. Diese Tugend half ihm zweifellos in diesen turbulenten, düsteren Vereinsjahren. So war das damals. Wie geschrieben, so geschehen!

Frauenversteher

Ich begreife die Männer nicht. Bekannt als Frauenversteher vertrete ich auch hier die Meinung der autonomen Frauen. Denn hätte man zu Beginn des Jahrtausends nicht so kurzsichtig, unüberlegt und emotionsgetrieben entschieden, Lut täte im Training mit den autonomen Läuferinnen über Fassungsvermögen von Windeln und den Graustich grauer Weisswäsche palavern. Ende der Konjunktive. Realität ist: die Autonomen zerschlugen unsere Autonomie. Eben wegen des damaligen Integrationswahn ist Lut heutzutage bei gemeinsamen Trainings in der Lage ihre Schnapsideen, wie zum Beispiel vom Frauenfelder, Kund zu tun. Und wir Blödmänner (Christoph Maier, Piero Mele, Ruppi Lange, Rolf Mägli, Christoph Schori, Simon Bieri, Andy Dettwiler) stimmten auch noch zu. Darum erschienen wir pünktlich beim Antrittsverlesen in der Kaserne Frauenfeld.

Christoph M., Lut, Simon, Andy, Rolf, Ruppi, Piero, Christoph S.

v. links: Christoph M., Lut, Simon, Andy, Rolf, Ruppi, Piero, Christoph S.

Kommando: Fahnenmarsch, marsch!

Tä-Tä-Tä – Tärätätä – tärätätä,
Tä-Tä-Tä – Tärätätä – tärätätä…

Wie der Fahnenmarsch geht, weiss ich selber nicht. Braucht auch keiner wissen, wie das Startkommando beim Frauenfeder funktioniert aber schon. Da steht eine Haubitze für den Startschuss parat. Wer darauf nicht gefasst ist und seine Lauscher nicht schützt, hat hernach einen braunen Strich in der Unterhose und weiter, beidseits bis in die Kniekehlen runter. Wer von den Freizeitsoldaten und wie viele die Kampfhose voll dröhnten, kann wegen der Farbgebung des Tarnmusters niemand erkennen. Dessen bewusst geworden mutmasse ich mal, man entwickelte Tarnanzüge nicht um den Träger vor dem Feind zu verstecken, sondern damit der Feind nicht sieht, wenn wir vor Angst die Hose voll scheissen.

Der Donnerhall ist nachhaltig. Man hört das Rauschen in den Vogesen im Gehörgang. Es schmerzt und begleitet den Donnerhallbeschallten noch vierzehn Tage lang. Dieser Begleiterscheinung ist durchaus etwas Gutes abzugewinnen, denn sie wird vom miesen Muskelkater und dem wund gescheuerten Rücken ablenken. Ich kenne mich da aus. Die anderen sind Hamburger, das heisst im Schweizer Militär-Jargon: Neulinge. Um mir zu einem psychologischen Vorteil zu verhelfen, setzte ich meine Kameraden von den Beinschmerzen und vom kaputten Kreuz unterwegs und in den Tagen nach der Zielankunft in Kenntnis. Vor der Explosion im Kanonenrohr beim Start warne ich nicht. So verhelfe ich mir a) gleich zum doppelten, psychologischen Vorteil und b) sammeln die anderen Erfahrungswerte, die sie im Leben nie mehr vergessen werden.

Zur Strecke: Es gibt einige legendäre Wegstrecken beim Langstreckenlaufsport:

  • Beim Boston Marathon: der „Heart Break Hill“ bei Kilometer 36
  • Beim Bieler 100er: der „Ho-Chi-Minh-Pfad“, ein bewurzelter Single-Trail in dunkler Nacht sechs Kilometer der Emme entlang
  • Einlauf ins Olympia-Stadion durchs Marathon-Tor beim München Marathon
  • „Die Kamelbuckel“ beim Frauenfelder

Eine treffende Bezeichnung für die Topographie am Stadtrand von Frauenfeld. Das ist bei Kilometer 3. Du vergisst zum ersten Mal deinen Rucksack, weil dein wirkliches Problem diese beiden widerlichen Steigungen sind.

Nach einer Weile, Christoph (el presidente) hat sich gerade wieder erholt und seinen Normalzustand erlangt. Das dachte er wenigsten. Dann sichtet er eine Behausung der Hobbits – fand sich in Mittelerde wieder. Angst. Es ist kalt, er kriegt heiss. Trotz Nasenpflaster, er hat Atemnot. Wäre ich bei ihm gewesen, ich hätte ihn beruhigt: das hier sind alles nette Leute. Die einzigen komischen Gestalten sind die, die hinter und vor ihm durch Mittelerde ziehen, er inklusive.

Wie geil ist das denn?

Geilo!… Das ist der geilste Wettkampf, bei dem ich jemals mitlief… Das ist das Dämlichste und Geilste was ich schon gemacht habe… Geil, dieses Läuferfeld… Geil, deine Idee mich mitzunehmen… Geilo!… Wie geil ist das denn?…

Neben mir laufend ist Ruppi laufend am Ausflippen, die ganzen 42 Kilometer lang. Seine ständigen Wiederholungen sind eintönig, es müsste nerven, doch sie kommen aus tiefstem Herzen. Wir sind wie zwei frisch verliebte, die erzählen sich auch den lieben, langen Tag den gleichen Scheissdreck. Aber aus tiefstem Herzen, darum gehen die sich dabei nicht auf den Wecker. Sowas ändert. Nach all den Jahren die ins Land zogen, wenn Graziella dauernd das Gleiche sagt (u.a. was ich wann, wie zu tun hätte) dann nervt mich das. Und sie nervt sich, weil ich nie etwas erzähle. Aber wir sind ja auch nicht frisch verliebt. Drum passt das; es ist normal. Auch meine Mutter meint, ich täte nie nie etwas erzählen, wie mein Vater. Ja also, alles ganz normal, ich sage nichts, mein Vater auch, beide Grossväter waren genau so. Darwin hat sich bei der Evolution schon etwas bei gedacht, der kennt sich aus. Aber die Frauen regen sich darüber wieder mal künstlich auf.

Wie geil ist das denn? Ruppis immer wiederkehrendes, rhetorisches Fragenstellen, lässt seine pazifistische Erziehung nicht erahnen. Denn seine Mutter stellte ihm Enterbung in Aussicht, täte er sich bei der Bundeswehr melden. Nun, beim Bund war der dann, etwas eigennützig, doch nicht. Aber heute läuft er in Uniform als getarnter Pazifist. Mit einem breitbegrinsten Gesichtsausdruck wie damals, als er zu Weihnachten seine elektrische Eisenbahn kriegte. Obwohl es meine zehnte Teilnahme ist, anerkenne ich uneingeschränkt Ruppis Argumentation. Es ist auch mein geilster Frauenfelder. Die Stimmung, das Publikum, da bleibt kein Auge trocken. Sowas war noch nie da im Thurgau. Bei Halbzeit am Wende- und Kulminationspunkt in Wil ist immer viel los. Dies‘ Jahr stehen aber auch unterwegs überall viel mehr von diesen freundlichen Hobbits in den Dörfern und lassen die Sau raus. Sie feuern die Halbmarathonläufer und die Marathonläufer an, lassen aber keine Zweifel aufkommen, ihre wahren Helden sind wir, die Waffenläufer.

Ruppi stellt fest, sein Chassis schmerze. Vor anderthalb Jahren sei er zum letzten Mal vier Stunden am Stück gerannt. Und die zwei-, dreimal zehn Kilometer Jogging im Vorfeld wären wohl doch zu wenig. Das Resultat dieser Aussagen zusammenhängend betrachtet ist in sich stimmig. Und so einer ist Arzt – Sportmediziner! Der läuft untrainiert Marathon, zum ersten Mal als Waffenläufer, mit sechs Kilo zusätzlich im Kreuz dabei und wundert sich, dass das Chassis schmerzt. Ja, wie geil ist das denn?

Die alte Weisheit, der Laie staunt, der Fachmann wundert sich, trifft es einmal mehr auf den Punkt. Ich war und bin zu blöd fürs Medizinstudium, auch für jedes andere, wundere mich aber in keinster Weise, dass unterdessen mein Chassis schmerzt, obwohl ich gut trainiert und vor zwei Wochen beim Niederbipper mit der Packung 21 Kilometer lang üben konnte.

Mit solchen Themen unterhalten wir uns gegenseitig. Es ist kurzweilig. Dann überholt uns Lut. Sie hängt uns ab. Nervös zu werden erübrigt sich insofern, weil ich weiss, was noch kommt, sie nicht. Bei Kilometer 38 erahnt man bereits die Agglomeration von Frauenfeld und beginnt sich darob zu freuen – vergebens, weil: Déjà-vu mit dem Kamel. Genau genommen kann keine Rede von einem Déjà-vu nicht sein. Bei unseren aktuellen körperlichen Vorfassung sind die Erfahrungswerte ganz andere, verglichen mit vor vier Stunden, bei der Erstbesteigung der Kamelhöcker. Ich kann nicht mehr. Ich will zu Mami.

Lut will auch zu Mami; sie kann nicht mehr. Wir holen sie wieder ein. Die zwei Kamelbuckel sind Spassbremsen, aber die letzten Kilometer bergab in die Stadt sind nicht minder unlustig. Alles macht weh. Noch um drei, vier Ecken und wir hechten vor der Kaserne ins Ziel.

Wenn ich uns drei beiden betrachte, schauen wir gar nicht so übel aus, wie wir uns fühlen. Piero, Simon und Christoph Schori sind bereits geduscht. Die waren alle zum ersten Mal dabei und alle sind sich einig: „Wie geil war das denn?“

    • Sandrine war Zuschauerin. Sie strahlt. Ihre Augen strahlen. Nicht wegen Piero, sondern des Waffenlaufes wegen. Ihre Skepsis ist weg: „Es ist ganz anders als gedacht!“
    • Schori meckert beim Bier wegen seiner Packung. Er hätte sich ständig mit der Birne am Holzschaft des hoch ragenden Karabiners gestossen und teilt mir vorwurfsvoll mit, für nächstes Jahr hätte ich ihm eine bessere Packung zu besorgen.
    • Mein Gehirn: „Nächstes Jahr?“
    • Ruppi: „Wie geil ist das denn?“
    • Simon grinst: „Das machen wir nächstes Jahr wieder.“
    • Piero korrigiert: „Das machen wir jetzt jedes Jahr.“
    • Ruppi: „Wie geil ist das denn?“
    • Rolf sieht zufrieden aus und ist nach 42 Kilometer ganz entspannt, als käme er gerade vom Glühweinstand am Weihnachtsmarkt zurück.
    • Lut schnitt keine Zwiebeln, es sind Freudentränen, belehre ich Ruppi.
    • Ruppi: „Wie geil ist das denn?“

17. November 2019

Kommando: Fahnenmarsch, marsch!

Tä-Tä-Tä – Tärätätä – tärätätä,
Tä-Tä-Tä – Tärätätä – tärätätä…

Wie gesagt, wie der Fahnenmarsch geht, weiss ich selber nicht. Als Motorradfahrer schaffte ich es immer bei Appellen, Antrittsverlesen und sonstigen Befehlsausgaben unauffindbar zu sein. Mein Armeemotorrad versteckte sich hinter einem Wirtshaus, ich versteckte mich drinnen bei der hübschen Bedienung. Unsere Blicke liessen einander nicht mehr los. Und sie schaute mich an, als sollte ich ihr die Frage aller Fragen stellen. Ich schaute zurück, konnte nicht mehr widerstehen. Und so fragte ich halt: „Darf ich von dir wissen, bist du gewillt mir… . Ich meine, … kannst du mir erklären, wie es möglich war, dass Hans bei Gegenwind gegen Windmühlen focht, wenn doch der Wind immer gegen die Windmühle, in Hans‘ Rücken also, bläst?“

Sie gab mir ein Glas Wein und zitierte: „Ein Mädchen und ein Gläschen Wein kurieren alle Not, denn wer nicht trinkt und wer nicht küsst, ist so gut wie tot!“ Das heisst, sie hat Goethe gelesen, aber von Windmühlen keine Ahnung!

So waren meine Kampfeinsätze bei der Schweizer Armee, ein wenig Goethe, ein wenig viel mehr Wein dabei und weit entfernt von Front und Kriegsgeschehen. Aber dreissig Jahre später bin ich mitten drin im Getümmel und mache freiwillig diese Manöver mit. Wie geil und blöd ist das denn? Weitere Antworten darauf gibt es im 2019.

Kommando: LSVB Fahnenmarsch, marsch! – Tä-Tä-Tä – Tärätätä – tärätätä…

1 Comments

  1. Echt geil!!! Ihr seid alles Kerle, sorry Kerlinnen.
    Aber das ewige Gejammer wegen den bösen Ehefrauen, pfui pfui pfui…..
    Nein ehrlich Andy, mach bitte weiter so. Und den Fahnenmarsch lerne ich dir auch noch. Erst wenn du den kannst, bisst du ein echter Kerl. Gell Graziella?
    Es guets Nöis allne mit oder ohni TräTrä Trällälää
    Rosemarie

Kommentar hinterlassen