1000er-Stägeli

Kim kommt zum ersten Mal beim LSVB-Longrun mit. Und der heutige wird einer der anspruchsvolleren Sorte werden. 1000 Höhenmeter, das behalten wir mal für uns und somit Kim im Ungewissen. Die wird noch früh genug auf die Welt kommen, wie man so unschön sagt. Und eine Zangengeburt wird es werden.

In der Regel bist nicht die hellste Kerze auf der Torte, wenn im Winterhalbjahr Ausflüge südlich des Juras planst. So auch dieses Mal. Bei uns bescheint Sonneschein. Steigst in Olten aus dem Zug, benebelt der Nebel. 11 Laufende – wie es gendermässig korrekt, aber sprachlich saudämlich zu schreiben ist – sind da. Brigitte, Nummer 12 ist bereits einen Zug früher hingefahren. Wir wollen sie noch einholen. Flach der Aare entlang nach Aarburg gehts gemütlich und langsam. Denn das 1000er-Stägeli steht bevor. Ich kenns. Jedes Mal, wenn ich darauf zulaufe, kriege ich Schiss. Das ist nicht übertrieben, da willst eigentlich gar nicht hinlaufen. Hinlaufen ginge ja eigentlich noch, aber dann hochlaufen. 1150 Stufen, nicht ergonomisch angeordnet. Treppenverhältnis kennst? Das dacht ich mir, ich schreibs dir hier mal auf.

Das Treppenverhältnis beträgt etwa 65 Zentimeter. Es ergibt sich aus der Stufentiefe plus der doppelten Stufenhöhe. Hast jetzt eine grössere Stufenhöhe, baust die Treppe weniger in die Tiefe und umgekehrt. Denn liegst um die 65 Zentimeter, ist die Treppe angenehm zu besteigen, regelmässig, in etwa der Geometrie unseres Fahrwerks entsprechend, egal wie steil sie ist.

Zum Beispiel:

  • Stufentiefe 27 cm, plus Stufenhöhe 19 cm zweimal, dann kommst auf 65 cm
  • Tiefe 33 cm, plus Stufenhöhe 16 cm zweimal, gibt 65, Treppenverhältnis passt
  • Die von der Treppe zu überwindende Höhe ist logischerweise vorgegeben. Die Länge der Treppe kannst eventuell selber wählen. Die Anzahl Stufen musst du bestimmen, so dass dein Treppenverhältnis aufgeht.

Wieso ich das aufschreibe? Andrea hat einen Bericht dieses epischen Longruns erbeten. Viel Gscheites zum Schreiben fiel mir dazu nicht ein, wie immer eigentlich, drum schreib ich mal das Treppenverhältnis auf. Jetzt weisst Bescheid, wenn selber mal eine Treppe zimmerst. Und eben dieses Verhältnis passt beim 1000er-Stägeli nirgends. Der wo die Treppe baute, hatte noch ganz anderes nicht im Griff. Der konnte nur bis 1000 zählen und rechnen, denn es sind 1150 Stufen. Jede hundertste ist markiert.

Du läufst los. Kopf und Blick vor dir zu Boden gerichtet, damit nicht das ganze Drama vor dir ständig anschauen musst. Du blickst also nur nach unten. Läufst gebeugt. Atemnot setzt langsam ein und dann? Dann kommt die Stufe mit dem Schildchen «100».

  • «100» 10 Prozent geschafft, denkt der Ahnungslose. Ich weiss, es ist erst ein Zwölftel.
  • «200» ich brech bald zusammen, das schaff ich nicht.
  • «300» den Puls spürst bereits an der Gurgel oben hämmern.
  • «400» die Oberschenkel sind sauer.
  • «500» die Hälfte geschafft, denkt der Ahnungslose.
  • «600» die Hälfte geschafft, denke ich: man nennt mich Homo sapiens.
  • «700» leck mich am Arsch. Ich Idiot, meine Idee wars.
  • «800» Maximalpuls! Aber schon seit «400».
  • «900» Schild nicht wahrgenommen weil Hirnausfall infolge Sauerstoffmangel.
  • «1000» Was soll die Scheisse, schreit der Ahnungslose. Wieso noch weiter?
  • «1100» Nahtoderfahrung. Sehe es hell leuchten über mir. Eine Lichtgestalt. Es ist Toni. Anton. Erzengel Sankt Anton vom Kap der guten Hoffnung. Er steht über der Treppe auf einem Vorsprung im Nebel. Die vor sich in die Höhe gehaltene Hand, unterstreicht seine Erhabenheit. Mystisch. So muss es an der Himmelspforte aussehen. Und der Türsteher da ist Toni. Dass der speziell ist, wusst ich schon immer – aber gleich so!
  • 1150 Stufen. Endlich! Hinsetzen. Sprechen geht grad nicht. Erbrechen ginge. Erst mal das Würgen abwürgen.

Dann – plötzlich kommt ein klitzekleines, vereinsamtes Sauerstoffmolekül bei meiner Hirnrinde vorbei. Da, noch eins. Immer mehr. Als Folge gedenkt das Denken wieder mit Denken weiterzufahren und denkt sich: «Was seh ich denn da?» Die vor sich in die Höhe gehaltene Hand, unterstreicht seine Erhabenheit – so ein Schwachsinn! Der hält ja nur sein Smartphone hoch und filmt unser elendiges Hochsteigen von oben herab – im wahrsten und doppelten Sinne des Wortes.

Immer mehr von uns treffen ob ein. Je schwächer die Laufenden, umso böser der Blick der Blickenden, den ich ernte. Die hauen mir nur nicht aufs Geweih, weil sie so gottverdammt froh sind, lebendig oben angelangt zu sein. Des Weiteren trage ich heut gar kein Geweih.

Wir laufen weiter nach Hägendorf. Dann durch die wildromantische, nebelverhangene Tüfelsschlucht. Trail running at its best. Allen gefällts. Die Stimmung hebt sich allmählich. Langsam fangen sie an mich zu loben. (Das wird sich wieder ändern, also lies weiter.) Die Tüfelsschlucht ist wirklich extrem wunderschön. Das kann ich gar nicht beschreiben. Am Besten kommst nächstes Mal persönlich mit und schaust sie dir an. Auf dem Berg «Allerheiligen» verdrängt die Sonne den Nebel. Mit dem Hinweis auf die markante Wolkensäule, die im Osten aus dem Nebel heraus, weit nach oben aufsteigt, wird nicht vorhandene Allgemeinbildung bewirtschaftet. «Da liegt das Kernkraftwerk von Gösgen drunter.» Alle schauen hin – niemand interessierts. Ja, sie sind lieb, meine Mitläufer, sind tun als ob und meinen ich merk das nicht.

Der Nebel kommt nochmal zurück. Nur kurz, dann taucht ein Ungeheuer aus den Schwaden und die Sonne siegt endgültig. Das Geheuer soll wahrscheins Kunst darstellen, aber das kannst nur erkennen, wenn bekifft bist. Keiner hat was zum Rauchen dabei, drum können wirs heut nicht endgültig aufklären.

Wettermässig kann die Grenze vom Baselbiet nicht mehr weit weg sein. Denn es ist schön. Das Wetter ist schön. Das Baselbiet ist schön. Der Waldrand ist schön. Da wartet Brigitte.

Vollzählig laufen wir über Kuhweiden, durch Wald und Flur. Ein letzter fieser Anstieg. Über den Kulminationspunkt, hernieder nach Langenbruck. Die ersten haben genug von der vollen Nase und steigen in den Bus. Der Rest verläuft sich nach Waldenburg. Ein schlechter Weg, sind sich Anita und Daria einig. Mir kommts auch so unbekannt vor, denk ich. Verdammt nochmal, ich kenn hier doch eigentlich alles? Dann, ohne uns zu fragen, endet der Weg auf der Wiese einer Waldlichtung.

Was war zuerst da, die Wiese oder die Waldlichtung?
Das Huhn oder das Ei?
Wo gehts weiter?
Drei Fragen, eine Antwort. Nur ich – Homo sapiens – kenn diese Antwort.
Sie lautet: «Ich weiss es nicht.»

Aber zurücklaufen schliessen wir aus, zu weit. Hinterher betrachtet wärs schlauer gewesen. Hundert Meter gehts den Abhang runter. Als wir unserer ausweglosen Situation bewusst werden, ist der point of no return überschritten. Umkehren bringts jetzt nicht mehr. Scheissdreck. Daria kommt unten an. Sowas erlebte sie noch nie und setzt mich in Kenntnis, wenn das mit ihrem Freund passiert wäre, dann täte sie den vierzehn Tage lang auf Wasser und Brot setzten. Insofern liefs zu meinen Gunsten, da ein Namensvetter und nicht ich selber ihr Mitbewohner ist und ich unterdessen sau Hunger habe.

Die Gruppe um Toni war genau so weg-, ahnungs-, orientierungslos unterwegs und rutschte fünf Minuten früher als wir am selben Hang in die Tiefe. Am Bahnhof tauschen wir unsere Erfahrungswerte aus. Das hingegen interessierte den Zugführer der Waldenburgerbahn, liebevoll «Waldenburgerli» genannt, oder «Crème-Schnitten-Express», wie wir Eingeborene dazu sagen, in keinster Weise. Die durch unsere Diskussion verursachte Verspätung bei der Abfahrt, kommentierte er vorlaut und unaufgefordert über die Lautsprecher im Wagon mit:

«Wir haben einen Fahrplan – und keinen Warteplan!»

In diesem Sinne: Gute Fahrt und bis zum nächsten Mal, wenns wieder heisst:

«Leck mich am Arsch. Dätti der Idiot, seine Idee wars!»

2 Comments

  1. Ich kenne zwar Kim (noch) nicht, aber sie tut mir gerade etwas leid. Das erinnert mich an den ersten Longrum mit dem LSVB. Der fand damals ebenfalls mit Andy statt und wir sind auch durchs Baselbiet gestolpert. Es war gut dass ich damals vorher nicht wusste was auf mich zukommt. Andererseite hätte ich dann vielleicht auch etwas essbares mitgenommen. Aber andererseits kann ich mich so auch noch Jahre später dran erinnern. Wenn’s ein lockeres Läufchen gewesen wäre, hätte ich das längst vergessen.

  2. Schön war’s, erlebnisreich, herausfordernd, kollegial – bin nächstes Mal wieder mit dabei. Und danke, Andy, für wöchentlichen Longruns, deine Planung, Leitung und die psychologische Verarbeitung. Was dir hilft beim Aufschreiben, hilft mir beim Lesen und Nachspüren 🙂

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