Winterthur Marathon

Nahkampf am Tössstrand

Zwei identische Runden, Asphalt, Single Trails, Waldwege, Wurzeln, leicht ausgefahrene Forstwege, eine ruppige Steigung zu Beginn und später eine länger anhaltende, die einen Viertel der Runde ausmacht. Mit dem Rezept für einen Geländelauf, hat das OK den 9. Winterthur Marathon gekocht. Ein deftiges Menü, nichtsdestotrotz Punkte-verdächtig im Gault Millaut-Führer für Marathonläufe – wenn es den denn gäbe! Übertroffene Teilnehmerzahlerwartungen haben dem Organisator Engpässe und dem Anlass ein kleines Defizit beschert, sind aber auf der anderen Seite ein eindeutiges Indiz für die Nachfrage nach solchen Konzepten. Ein gelungener Marathon, der auch als Team-Wettbewerb, als Halber und ein Teil davon als 10-Kilometerlauf abgewetzt werden konnte.

Was im familiären Rahmen aufgetischt wurde, windet sich als Parcours durch die Randgebiete der Stadt, der idyllischen Töss entlang ins Leisental, später über Felder und Wiesen. Da wird’s nicht langweilig, auch wenn es zum zweiten Mal um den Eschenberg geht. Zum Glück eigentlich, weil man nach der Hälfte genau weiss, was einem noch erwartet. Jedenfalls, hätte ich nicht gewusst, wie viel Würze in der Streckenführung am Tössstrand und hoch zum Eschenberg liegt … Gepfeffert, mein lieber Mann! Gut kalkulierte Kraftreserven sind gefragt.

Nun denn, so gut kalkuliert auf der zweiten Runde unterwegs, gab’s dann doch noch Überraschungen. Hieb-, Kratz-, Stechgeräusche. Das nervt nicht nur Wild, Wald und Jäger, sondern stören auch penetrant die Idylle. Die Kyburg liegt in der Nähe. Vielleicht das Geschepper heimkehrender Kreuzritter in ihren rostigen Rüstungen? Das Ungemach wird immer lauter. Plötzlich liefert mein Unterbewusstsein dem Gedächtnis längst verächtlichst ignorierte Informationen aus der Ausschreibungen: „Da gib’s eine Walking-Kategorie.“

Der gemeine Walker – so hoffte ich – stellt, durch die Art und Weise seiner Fortbewegung eine mindere Form des aufrecht gehenden, modernen Menschen dar, allerdings mit ausgeprägtem Besitzanspruchssinn von Wald und Flur. Eine weitere Möglichkeit wäre, es sind Ausserirdische oder Roboter. Aussen Fleisch, innen Maschine. Androiden, die die Gattung Mensch unterwandern. Der Existenzkrieg ist unter Umständen längst im Gang, wie es das Schreiben vom Treiben dieser Athleten nachfolgend festhält.

Ab dieser Stelle gibt’s nicht mehr viel vom Winterthur-Marathon zu lesen. Der war toll, keine Frage. Jetzt folgt Kriegsberichterstattung! Der aussichtslose Kampf des einsamen Läufers gegen die Armada der Walker. Nach einer langgezogenen Kurve streckt sich der Weg wieder zur Geraden. Blick frei auf die ganze Bescherung: vier gewaltige, wankende Wirbelsäuleenden (um nicht Ärsche zu sagen). Dicht und lückenlos neben einander aufgereiht, bilden sie die Silhouette eines Schlachtschiffs, parat zur Breitseite; wirken durch die in die Geographie ragenden Alu-Rohre, die Bordgeschütze, noch bedrohlicher. Es macht Angst!

Marathonläufer vor mir suchen sich einen Pfad neben der Wegtrasse. Zertreten zarte, grüne Waldpflänzchen. Sie habe keine andere Chance – die Läufer nicht und nicht die Pflänzchen -, denn das Kriegsschiff weicht keinen Meter. Ich beobachte dieses Treiben von weitem; komme immer näher. Die Angst weicht; jetzt herrscht Panik. Ich bin in Reichweite der Geschütze, weiche in die Botanik, um Treffer zu vermeiden.

Ich weiss schon: „Blödmann, hättest ja rufen können!“, wird der interessierte Leser ungefragt mitdenken. Man muss sich aber versinnbildlichen, ich laufe an etwa 70. Position. 70 Marathon-Läufer vor mir, mussten bereits die Walker passieren. Nur, geschnallt haben’s die Alu-Rohr-Piraten immer noch nicht, dass da noch andere und vor allem schnellere unterwegs sind. Zweitens bin ich beim Kilometer 36 und habe nicht mehr all zu viel Luft, Energie und ganz sicher keine Lust mehr, alle paar Meter von neuem in den Wald zu rufen, um meine Anwesenheit zu verkünden. Einige Walker haben die Situation erkannt. Machen Platz, laufen zu dritt oder in Zweiergruppe. Dabei fällt auf, halten sie die Lücke links für den überholenden Läufer offen, dann macht’s die nächste Gruppe garantiert und sicher auf der rechten Seite. Psycho-Terror. Die haben das abgesprochen, ohne Zweifel. Kalter Krieg mit Gehhilfen.

Auf Vierergruppe folgt Zweiergruppe, Dreiergruppe, Dreiergruppe, Vierergruppe, einer alleine (keine Kollegen?), Dreiergruppe, Zweier, Vierer … usw. und daneben treten die Marathonläufer den Bärlauch flach und unbrauchbar. Bärlauch diente früher den Bären als erste Nahrung nach dem Winterschlaf, drum der Name. Mangels Bären sind wir zwar meilenweit von einer Bären-Hungersnot entfernt, auf der anderen Seite ist in der Region Winterthur die Bärlauch-Ravioli-Saison beendet, bevor sie beginnt. Dreiergruppe, Zweiergruppe, Vierergruppe, drei, vier… . Das ganze Programm wandelnder Palisaden – nur Platz machen fehlt im Repertoire. Hätt‘ ich’s nicht gesehen, glauben täte ich es keinem.

Blockade in Wald und Fluhr

Blockade in Wald und Fluhr

Vor bald 2 Millionen Jahren kam es dem Homo erectus – Der nicht wegen der Erektion die ihm ab und zu widerfuhr, sondern weil erectus aufrecht bedeutet, so heisst! – … Dem Homo erectus also, dem Vorfahren des Homo sapiens (des „wissenden“, des heutigen Menschen), kam es in den Sinn, zwischen den Erektionen erigiert, also aufrecht zu gehen! Auf zwei Beinen. Hatte freie Hände zum Tragen von Werkzeugen, Nahrung et cetera. Zum Beispiel die Banane erectus (der aufgerichtete, gerade Vorfahre der heutigen, krummen Bananen) musste nicht mehr im Maul herumgetragen werden. Das Maul war frei, unter anderem um Sprache zu entwickeln. Alles wichtige Meilensteine in der Evolution des Homo sapiens und begonnen hat es mit dem aufrechten Gang. Der Herrgott hat das so erfunden. Wenn jetzt wieder Leute anfangen die Hände für die Fortbewegung zu benutzen, kann man nur schlussfolgern, dass das eine Umkehrung der Evolution nach sich zieht und wo das enden wird.

Ganz vergessen, die Stöcke dienen ja dem Trainingseffekt. Dazu überlegte ich mir an der Töss, wenn ich in einer Walker-freien Zone dazu Gelegenheit kriegte, folgende Gemeinheiten, die aber erst ‚mal widerlegt werden müssen.
Erstens, die hohe Kunst des Marketings: Das Promoten der Walking-Stöcke durch die Industrie. Als jeder endlich seinen umgebauten Ski-Stock besass, hiess es plötzlich, die sind zu schwer (obwohl sie erfunden wurden, um den Oberkörper zu trainieren – anscheinend doch nicht so hart trainieren). Ab sofort mussten diese in den Keller und leichten High-Tech-Stangen weichen, womöglich aus Karbon, vibrationsarme oder vibrationslose, in jedem Fall schweineteuere, die der Extremsportler – ohne einen Walking-Ellenbogen zu riskieren – durch den Wald schleift.
Zweitens: Es gibt spezielle Walking-Schuhe. Warum? Sehen aus wie die zum Joggen. Wo liegt der Unterschied? Auch dazu fand mein Weitblick die Lösung. Damit der Wandervogel die eigenen Füsse nicht mit seinen zugespitzten Stecken perforiert, braucht er Sicherheitsschuhe mit Stahlkappen. Die gab’s schon früher. Im Baumarkt für 90.- Franken. Jetzt stehen sie im Extremsport-Fachgeschäft und kosten 190 Franken.
Drittens, obwohl sich die Europäer ganz sicher sind, viel schlauer zu sein, als es die Amerikaner je sein werden – was wir auch sind -, meinen wir immer denen jeden Mist nachzuahmen. Ein Widerspruch. Strebe nie nach Dingen, die auch Dümmeren gelingen! (wie Walking, Bodybuilding …)

Vor mir liegt wieder ein Schlachtschiff quer. Mächtig, macht aber kaum Fahrt. Die manövrierunfähige Bismarck im Nordatlantik? Ich bin schon ganz links, neben dem Weg, als es passiert. Die äusserste Walkerin beginnt grobmotorisch im Riechbolzen zu bohren. Dabei muss man wissen, dass ja ihre Pfoten fest mit Klettverschluss an den Griff ihres Knüppels gefesselt sind. Der vollzieht jetzt, als Verlängerung des hartnäckig in der Nase grübelnden Zeigfingers synchron dessen Bewegungen, was sich in hektischen Fuchtelbewegungen zur Seite hin, in meine Richtung offenbart. Wie ein Heuwender. Ich kann dem Treffer nicht mehr ausweichen. Um mit dem Metallstift nicht den Meniskus arthroskopiert zu kriegen, ziehe ich in letzter Sekunde das Knie weg und der Stock fädelt zwischen meinen Beinen ein. Dadurch komme ich zu weit nach rechts und streife das Schlachtschiff. Meine rechte Schulter rammt die Bismarck backbord. Zwischen meinen Schenkeln wirbelt ausser Kontrolle geratenes Gestänge ums Gehänge. Diese Querschläger verfehlen mich und vor allem da, wo’s am meisten geschmerzt hätte. Ich bin vorbei. Der Kommentar hinter mir – wirres Gegacker – ist nicht zu verstehen; nichtsdestotrotz kann ich den Inhalt deuten. Quittieren per Fingerzeichen spar‘ ich mir. Genugtuung herrscht vor, ich hatte Schwein, denn alles hängt noch da, wo es schon immer hing. Zudem habe ich die Bismarck torpediert; sie liegt mit Schlagseite in meinem Fahrwasser und im Seekriegsrecht sind Schiffbrüchige zu verschonen.

Nach ein, zwei Kilometern komme ich in ruhigere Gewässer. Die Walk-Piraten sind umschifft, abgehängt oder wie gelesen, halb versenkt. Wir schliessen auf das Feld des 10-Kilometer-Laufes auf. Das sind doppelt so viele als die Walker, aber Probleme beim Überholen gibt’s keine.

Schliesslich erhielt die Geschichte vom neunten Winterthur Marathon doch noch ihr wohlverdientes, glimpfliches Ende. – Vorläufig.

Im folgenden Dienstagslauftreff beim Laufsportverein Basel, eine Lektion zum Thema „Schlacht gewonnen, Krieg verloren“. Unser technische Leiter empfahl die Gründung einer Walking-Gruppe im Verein. – Mir wurde schlecht. Sein Blick war leer, glänzte metallisch. Der ist nicht von dieser Welt. Mich dünkte’s, ich sah kurzes Aufblitzen einer roten Leuchtdiode hinter dem, was eine organische Pupille sein sollte. Ein Android, ein Terminator. Die haben das gesamte System untergraben. Homo sapiens noch eine Frage der Zeit. – Endsieg der Roboter?

Meine Kameraden gehen schon mal prophylaktisch nordisch walken üben. Mit der Angetrauten versteht sich, durch sie erhalten ein legitimes Alibi gegen jämmerliches Läufergespött. Meine – verdammt noch mal -, die läuft selber Marathon. Mit ihr kann ich nicht unauffällig den neuen Trend testen. Obwohl ich das nicht unbedingt laut sagen möchte, zum Aqua-Jogging wollte sie mich auch schon vergewaltigen.

Meine geschiedene Frau, die walked neuerdings. Meine Ex-Freundin walked ebenso. (… Etwas spät, aber mir wird jetzt einiges klar!) Mit denen üben gehen, funktioniert aus zweierlei Gründen nicht. Erstens sei ich der blödste aller blöden Blödmänner, mit dem sie nie mehr etwas zu tun zu haben gedenken. Zweitens ist nicht einmal der blödste Blödmann sooo dämlich, dass ich mich in Reichweite ihrer Stecheisen begeben würde.

Vielleicht teste ich Walking wie damals meine Waffenlaufpackung: nachts, im Wald, bei Neumond und wolkenverdecktem Sternenhimmel voller Schwarzen Löchern? Geht ja nicht! Walking kann man gar nicht alleine üben. Walking ist nicht simple Fortbewegung, nein! Man muss mit Komplizen Wege blockieren choreographieren. Und andere behindern und abstechen. Es braucht also zusätzlich noch Opfer. – Langstreckenläufer!

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