Venedig Marathon

Gefilde legendären Wirkens und Handelns

chtsahnend und unbekümmert beim Vereinstraining unterwegs, bin ich letztens fast schwer verunglückt. Verschluckte mich, weil ich mein unkontrolliertes Loslachen unkontrolliert runterwürgte. Drum gestolpert. Habe schon gesehen, wie meine Augenhöhle, kurz vor dem Bodenkontakt des Kinns, doch noch die Ferse meines Vordermannes einholt. Eine Gummisohle stempelt ihr raffiniertes Profil in meine Rübe. Ein Gesicht danach, wie die Swatch-Uhr, die zu Ehren Gelindo Bordins Marathon-Olympiasieg in Seoul, dessen Schuhsohlenabdruck aufs Armband gepresst kriegte.

Swatch Olympic Games Collection: mit dem olympische Marathonsieger-Schuhabdruck von 1988

Swatch Olympic Games Collection: mit dem olympische Marathonsieger-Schuhabdruck von 1988

Die Ursache dieser Fast-Katastrophe waren die Fortschritte einer Diskussion mit Graziella und Kollegen zum Thema Venedig, respektive was ich davon mitkriegte. Ihr Schwelgen von dieser sooo einmaligen Stadt endete wehmütig. Sie waren sich nämlich sooooo einig, es sei sooooooo schade, dass es in Venedig keinen Marathon gibt. Das hat ein Kollege anscheinend im Internet herausgefunden! Dann – wie gesagt – verschluckte ich mich und bin fast gestürzt.

Facts:

  1. Es gibt einen Venedig Marathon.
  2. Graziella war bereits auf der Startliste vom Venedig Marathon, wenn auch unwissendlich.
  3. Ich bin zum Glück oder leider – je nach subjektiver Gesinnung – doch nicht auf die Fresse gefallen.

Irgend jemand (eine aus juristischen Gründen nicht genannt wollte Person) hat Graziella beim Venedig Marathon heimlich gemeldet. Die in Italien vorausgesetzte ärztliche Bescheinigung für ihren Marathon-Start habe ich mit meinem Arztzeugnis, Tipp-Ex und dem Kopierapparat zusammengebastelt. Die Namen ausgetauscht. Genau so gefälscht, Graziellas Unterschrift auf der persönlichen Anmeldung. Ich kenne zwar ihre Unterschrift nicht, die vom Venedig-Marathon aber genau so wenig.

Unangefochten wieder eine Meisterleistung meinerseits, die Angebetete zum Geburtstag mit einer Reise in eine der exotischsten Städte der Welt zu überraschen. An die Gefilde Casanovas’ legendären Wirkens und Handelns zu entführen, um sie romantisch zu verwöhnen. Der Neid meiner Kollegen beim Laufverein über die hohe Kunst der Verführung ist mir gewiss und Graziella wird argwöhnische Seitenblicke, als Indiz der Missgunst ihrer Freundinnen, genugtuend zur Kenntnis nehmen. Triumph auf der ganzen Linie!

Und bevor jetzt noch einer an den Osterhasen zu glauben beginnt, folgendes: Es ist Herbst. Optimale Temperaturen. Marathon-Höchstsaison. Die Venedig Marathon-Strecke ist flach und sehr schnell.

  1. Es geht hier nicht um Romantik AUF VENEZIANISCH!
  2. Es geht hier um persönliche Bestzeiten AUF ASPHALT!
  3. Bin Marathonläufer – Casanova ist tot!

Die Gefilde Casanovas’ legendären Wirkens und Handelns – dass ich nicht lache! Wir sind an den Gefilden Gelindo Bordins legendären Wirkens: Sieger des Venedig Marathon 1990

zu Gelindo Bordin: 1986 Europameister (Stuttgart), 1987 Weltmeisterschafts-Bronce in Rom, 1988 Olympia-Sieger (Seoul), 1990 Europameister (Split), 1990 Sieger beim Boston Marathon und in Venedig (2:13:42)

Giacomo Casanova? Der wollte ursprünglich Priester werden. Fiel am 19. März 1741, während einer Predigt betrunken von der Kanzel in San Samuele. Drei Jahre später hängte er seine Mönchskutte an den Nagel und widmete sich Dingen, die er zugegebenermassen besser beherrschte als besoffen zu predigen, der Vielweiberei bekanntlich. Und genau so bekanntlich ist die Vielweiberei keine olympische Disziplin – jedenfalls noch nicht. Aber Marathonlaufen ist eine. Daraus gehen Helden hervor. Gelindo Bordin ist einer davon. Zu einem Bordin schaue ich mein Läuferleben lang hoch, hingegen was Casanova kann, das kann ich schon lange. So sieht’s aus!

Und so kommt es, dass sich Graziella – in Gedanken bei Casanova – zum Piazzo Marconi nach Stra aufmachte, um einen romantischen Marathon zu laufen. Auch ich machte mich auf nach Stra, allerdings mit den Gedanken bei Gelindo Bordin und um einen schnellen Marathon zu laufen.

Das Spannendste vom ganzen Tag war morgens um sechs der Weg zum Besammlungsplatz, quer durch die Lagunen-Stadt. Menschenleer. Dunkelste Nacht. Die Gassen und Kanäle echt eindrücklich nebelverhangen. Düster, finster und kalt. Nebelschwaden über dem Canale Grande erinnern an irgend welche Szenen in „Pirates of the Caribbean“ – an Venedig nicht!
Graziella findet’s romantisch – ich unheimlich. Ich lass‘ sie vorsichtshalber voraus gehen. Man weiss ja nie, ob nicht ums nächste Eck der Beelzebub lauert. Sich hinter einer venezianischen Maske versteckt. Und per Holzknüppel eine der 6’500 limitierten Startgenehmigungen ergattern will.

Venezianische Maske... womöglich der Beelzebub?

Venezianische Maske… womöglich der Beelzebub?

Weil der Teufel zu faul ist – oder nicht so blöd –, um 42 Kilometer laufen zu wollen, mussten wir um 09:15 Uhr selber losspurten. Stra, das liegt etwa 25 Kilometer westlich von Venedig auf dem Festland. Die Strecke führt durch die Riviera del Brenta, durch drei, vier nette Städtchen, an alten, aus dem 18. Jahrhundert stammenden Herrschaftshäusern vorbei, ostwärts Richtung Mestre.

Noch leises Grollen. Es ist eine Rock-Gruppe in 500 Meter Entfernung. Die beschallen de facto einen Kilometer der Strecke und spielen dabei exzellent. So läuft das zu Beginn, einzelne Musikgruppen und kleine Menschenansammlungen säumen den Weg, dann wieder ruhigere Passagen, immer links des Flusses Brenta entlang.

Doch das interessiert mich alles nicht, denn es ist topfeben mit feinsten Nuancen Bergablaufens. Die Luft ist geschwängert von… Es riecht nach persönlicher Bestzeit. Ganz eindeutig! Was kümmern mich die idyllische Landschaft, gepflegte Parks und morsches Gemäuer? Perfektestes Wetter wird durch kühle Marathon-Temperaturen ergänzt und lässt Siegerstimmung aufkommen. Der Blick auf die Uhr bestätigt immer wieder, was der Prospekt verspricht: Der Venedig Marathon ist flach und schnell. Unterdessen, beim Halbmarathon, da hat sich nichts geändert. Es ist flach; ich bin schnell. Die Stadtgrenze Mestres, der Verbindungsort vom Festland nach Venedig, ist erreicht.

In Mestre, im Parco San Giuliano, befand sich gestern die Startnummerausgabe und die Marathon-Messe. Beim Mizuno-Stand, ein Schuh, der viel weniger wiegt, als mein aktueller. Auf der einen Seite, dieser Turbo-Finken, der schneller zu sein scheint, als es die Polizei erlaubt. Auf der anderen Seite, das erste der 10 Gebote: „Benutze niemals einen Schuh, den du nicht eingelaufen hast!“
Wer Bestzeiten laufen will, überlässt nichts dem Zufall. Ich grübelte; ich rechnete. Gewichtsdifferenz der Schuhe (schätze 30 Gramm), multipliziert mit 40’000 Schritten, dividiert mit 1’000. Aus psychologischen Gründen noch 3 Kommastellen geschoben, ergibt 1,2 Tonnen. Das heisst, auf der gesamten Distanz kumulieren sich 1,2 Tonnen die ich weniger oder eben mehr an den Füssen hochhebe. Von wegen 10 Gebote – ich bin Sünder! Dieser Schuh, zwar nicht eingelaufen, aber garantiert pfeilschnell. Der Mensch lebt durch Leidenschaft, durch Vernunft existiert er bloss. Der Schlappen muss her!

In Mestre gibt uns das Publikum das Tempo vor: Vollgas! Nicht dass jetzt doppelt so viele Zuschauer anwesend sind, als bei einem anderen Marathon. Es sind weniger; sie schreien einfach doppelt so laut. Italienisches Temperament halt. „Dai! Dai! – Bravi! Bravi!“

Kreuz und quer durch die Stadt geht das so, bis zum Parco San Giuliano am Meer. Da dümpelt etwas im Dunst vor der Küste: Es ist Venedigs Silhouette.
Venedig Marathon ist flach und sehr schnell – bis zum Kilometer 29. Jetzt ist es nicht mehr flach – ich nicht mehr schnell. Der Prospekt: doppelt daneben!
Zwei Brücken in und aus dem Park brechen den Laufrhythmus. Und die Moral bricht, weil Venedig unterdessen im Rücken liegt; wir sprinten um 180 Grad vom Ziel weg. Wo der Damm durch die Lagune beginnt, findet die Strecke, im Gegensatz zu mir, zu den alten Werten zurück. Es ist wieder topfeben. Die Himmelsrichtung stimmt auch wieder. Nur ich, ich bleibe langsam.
Mir stinkt’s gewaltig. Die Gefilde Gelindo Bordins legendären Wirkens? Sein Mythos … entmystifiziert!
Wäre jetzt lieber Casanova. Der war eigentlich auch ein Held. Sass in den venezianischen Bleikammern, dem damals sichersten Gefängnis. Da hockte er, weil er zwei Nonnen vernaschte.
„Ha!“ Mararthon-Olympiasieger gibt’s zwei Dutzend, aber so etwas hat noch keiner wiederholt!

Zu Casanova: 1755 wurde er wegen „Schmähungen gegen die heilige Religion“ verhaftet. Der offizielle Grund ist ein von Casanova vorgetragenes, religiös zu leichtfertiges Gedicht. Des Weiteren war seine Affäre mit „C.C.“ und „M.M.“ – beide Nonnen des Klosters Santa Maria degli Angeli – bei einigen Inquisitoren bekannt geworden.

Schluss und endlich ist die Insel erreicht, beim Hafen, wo die Kreuzfahrtschiffe an der Pier liegen. An der Reling des Panoramadecks finden vollgefressene Kreuzfahrer Zeit für Sport: Sie gaffen Marathon.
Marathongaffen ist optimal. Es ist nicht anstrengend. Das geschehene Gesehene weckt aber Gedanken an Bewegung. Bewegung gibt Hunger. Und Hunger hilft, nach ausgedehntem Brunch und deftigem Mittagstisch, schnell wieder fit fürs Torten-Buffet zu werden. Man fährt ja nicht zum Vergnügen kreuz; man geht an seine Leistungsgrenze. Und wenn man sich übernimmt, wird gekotzt, wie beim richtigen Marathonlaufen auch.

Durchs Hafenquartier schleichend, holt mich die Realität wieder ein. Nach einer Kurve nötigen stechende Augen zum Blickkontakt.
„Dai! Dai! …“, das durchdringende Kommando. Ich habe aber gar keine Lust. Werde trotzdem schneller, denn der sieht aus, wie wenn er Kinder fressen täte. Kriege Hühnerhaut.
„Dai! Dai! Dai!“ ….. („Ja, rutsch mir doch den Buckel …“)
Danach verläuft die Strecke am Canale della Giudecca entlang – manchmal darin. Der abgesperrte Bereich für die Läufer ist nämlich ganz aussen auf der Mole und diese wird ab und zu von Wellen überspült.
„Mist!“ Die neuen Schuhe: nicht mehr schnell, dafür nass.

„13 ponti alla fine!“ 13 ist zwar meine Glückszahl, aber begeistern tut mich diese Vorhersage auf dem Schild nicht wirklich. Im jetzigen Zustand käme mir nicht im hundsmiserabelsten Albtraum in den Sinn eine Brücke hoch und runter zu laufen – geschweige den 13! Peter Maffai’s Gejammer: „Über 7 Brücken musst du geh’n …“, kommt mir in den Sinn. Blödmann, was sind schon 7?
Am äussersten Zipfel diesseits des Canale Grande geht es nicht mehr weiter. Es sind erst 40 Kilometer zurückgelegt. Über Nacht haben die Venezianer eine Ponton-Brücke nach San Marco aufgebaut, 160 Meter lang und 5 hoch, um die letzten 2 Kilometer vom Marathon zugänglich zu machen.

Ehrfürchtig krieche ich an der Piazza San Marco vorbei, beim monumentalen Palazzo Ducale, dem Dogenpalast mit seinen Bleikammern. Hier ausbrechen? Noch unmöglicher, als sich an der Unschuld unschuldiger Klosterfrauen schuldig zu machen. Casanova vollbrachte auch dieses Kunststück.

Ab San Marco sind es noch etwa „8 ponti alla fine“ und ein paar Tausend Zuschauer. Steckenposten haben alle Hände voll zu tun, als eine Horde japanischer Touristen die Strecke quert. Die können nämlich nicht als ein paar kleine, übersichtliche Gruppen, sondern nur als der komplette Schwarm von 30 oder 40 und unter hektischem Gegacker, Wege kreuzen. Das kann bei diesem Marathon-Verkehr nicht gelingen, was es auch nicht tut.
Schliesslich „3 ponti alla fine“, „2 ponti …“ und die Letzte. Das Ziel in Riva Sette Martiri, vor malerischer Hafenkulisse, ist erreicht.

Vor einer Stunde wusste ich schon, was ich jetzt sehen können würde, wenn ich an der Uhr ablesen täte, falls ich wollte, aber nicht möchte!

Venedig Marathon – schnell und flach? Beschiss! Ob ich das Startgeld wegen Irreführung einfordern kann? Der Schuh ist auch nicht so flink, wie ihn der Hersteller aussehen lässt. Vielleicht nutze ich das Rückgaberecht?

Und morgen?

Morgen, da besuche ich San Samuele. Unten an der Treppe zur Kanzel, wo einst Casanova sternhagelvoll gelegen hat, zünde ich in besinnlicher Andacht eine Kerze an. In besinnlicher Andacht an die Gefilde legendären Wirkens und Handelns von …
… von Gelindo Bordin. Und in besinnlicher Andacht an diesen einmaligen venezianischen Langsteckenlauf. Denn in ein paar Stunden werden Frutti di Mare, Pizze und vor allem Vini die schiefe Gemütslage verdrängt haben. Die heute noch einfältigste Idee, wird morgen als genialer Einfall mein Bewusstsein erleuchten. Nämlich demnächst beim Maratona Ticino zu starten, denn ich habe im Prospekt gelesen: „Maratona Ticino: Der ist flach und verdammt schnell!“

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