Transalp 2019 – ein einmaliges Abenteuer

Bericht verfasst von Toni Tauro

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Überblick

Ganz kurz erklärt ist die Transalp 2019 die sinnlose Idee in sieben Tagen vom Genfersee bis zum Bodensee zu laufen.

Der Gepäcktransport ist organisiert und man läuft von Hotel zu Hotel und überwältigt dabei täglich mindestens die Strecke eines Marathon (42.1+ KM), falls man das schafft.

Die Idee kommt von unserem geliebten Dätti (keine Überraschung) und ich fand es von Anfang an eine bescheuerte aber sehr interessante Idee. Ich habe nämlich noch nie versucht am Tag nach einem Marathon oder Ultramarathon nochmals die gleiche Distanz zu meistern. Daher hatte ich vor diese Herausforderung sehr viel Respekt und war recht ahnungslos wie mein Körper und die Psyche darauf reagieren werden.

Die Totaldistanz ist auf 370 km vom Meister selbst geschätzt, und ich betone nochmals „geschätzt“, worden. Höhenmeter sind unbekannt, ich weiss nur vom Furka- und Oberalppass und erwarte daher maximal 3 bis 4 Tausend Höhenmeter. Meine Schätzung liegt natürlich auch total daneben. Wenn ich das doch nur im Voraus gewusst hätte, hätte ich sowieso trotzdem zugesagt. So verrückt muss man halt sein.

-1 Tag, Freitag 12.7.2019

Ich habe heute frei genommen. Die Zeit brauche ich um mich bestens auf die kommende Woche vorzubereiten. Mein Tag fängt mit ein Tierarzttermin an. Danach muss ich bereits los um letzte Einkäufe zu erledigen. Ein Besuch bei Decathlon reicht um mich mit viel zu viele Energie-Riegel einzudecken. Im Nachhinein muss ich zugeben, dass ich viel Geld gespart hätte, wenn ich auf die Riegel verzichtet hätte.

Eine Sonnenbrille steht auch auf meiner Einkaufsliste, denn die Sonne im Unterwallis macht mir auch Sorgen. Noch ein Lauf-Shirt und weisse Mütze einpacken und ich bin „Good-to-go“.

„Ob das nur gut kommt“ denk ich mir. Die Nervosität steigt exponentiell. Zum Glück darf ich meinen Abend mit meiner Partnerin Romina und ihrem Vater Valentin im Joggeli verbringen und mich von Baschi und Julius Bär live beschallen lassen. Für wenige Stunden vergesse ich was noch auf mich zukommt.

Um 23 Uhr ist Schluss mit Musik. Ich gehe nach Hause und leg mich hin, denn mein Wecker geht bereits um 6:30 Uhr los.

Samstag, 13.7.2019 – Lac Léman – Fully

Geplant: 48 km – flach

Kaum habe ich meine Augen geöffnet befinde ich mich bereits am Bahnhof SBB in Basel. Ich warte da noch auf Cyrill, doch leider taucht er nicht auf. Darum entscheide ich mich mit meinem Migros-Müesli und Kaffe einzusteigen. Ich besetze einen Zweierabteil. Der Zug nach Interlaken ist heute fast leer. „Wer fährt schon Samstags um sieben Uhr dreissig nach Bern?“, denk ich mir. Die eine oder andere Wandergruppe steigt noch ein bevor der Kondukteur zur Abfahrt pfeifft und somit mein Schicksal endgültig besiegelt.

Da kommt plötzlich einer mit Laufkleidern daher gerannt, Cyrill hat es doch noch geschafft. Wir zügeln zu einem Viererabteil. Cyrill hat vor, die heutige Etappe von 48 Km zu meistern. Das wird seine längste Laufdistanz sein und gleichzeitig auch sein erster Marathon, bzw. Ultramarathon. Wir unterhalten uns und die Zeit vergeht wie im Flug. Schon sind wir in Bern und müssen umsteigen. Wir treffen auf Pia und Melanie. Die Fahrt geht weiter nach Lausanne und von dort aus nach St. Maurice. Dort verabschieden wir uns bereits wieder von den Frauen, denn sie laufen heute von St. Maurice los. Das ist viel sinnvoller als was wir vorhaben, denn wir fahren nun weiter nach Le Bouveret um danach wieder nach St. Maurice (25 Km) zu laufen und dann noch weiter bis nach Fully. In der letzten S-Bahn sind wir nun auch auf Christoph gestossen. Er wollte eigentlich per Schiff nach Le Bouveret kommen, aber die SBB hatte andere Pläne.

Am Genfersee warten schon Dätti, seine Tochter Farah und Freund Robin. Sie ist für den Gepäcktransport zuständig und Robin wird versuchen die ganze Distanz diese Woche per Rennfahrrad zu meistern. Ich denk mir nur das sei eine viel bessere Idee als was wir uns vorgenommen haben. Wir treffen auch auf Christian, er wird heute auch die Etappe mitlaufen.

Kaum habe ich meinen letzten Kaffee getrunken laufen wir schon los. Etappe 1 startet um ca. 11:30 Uhr. Die ersten Kilometer sind sehr schnell vorbei. Ab Kilometer 16 bin ich mit Cyrill alleine und wir bemerken schnell, dass wir wohl ein bisschen zu schnell unterwegs sind, daher versuchen wir uns zu bremsen.

In St. Maurice wird kurz ein Schluck Wasser getrunken und ein Riegel verdrückt  bevor es weiter geht. Cyrill ist taff und hält auch die Marathongrenze sehr gut aus. Jedoch ist es sehr heiss und wir haben beinahe kein Wasser mehr dabei. Da heisst es bei Ankunft in Fully schnell eine Beiz aufsuchen. Wir trinken unsere Flaschen aus als wären wir seit Tagen in der Wüste unterwegs gewesen.

Unser Hotel befindet sich ein paar Kilometer weiter, aber wir können die Distanz ohne Probleme meistern. Pia und Melanie warten schon auf uns. Dätti und Christoph treffen nach kurzer Zeit auch noch ein.

Zum z’Nacht teile ich mir ein „Tomaten-Gschwellti-Fondue“ mit Farah, da dies aber im Wallis aus dem Caquelon ausgelöffelt wird und mit Gürkli und Silberzwiebeln serviert wird, erinnert mich das mehr an Raclette als an Fondue.

Tagesticker: 49.31 km – 271 hm – 6:08 h

Sonntag, 14.7.2019 – Fully – Aussenberg

Geplant: 65 km – flach

Es ist 6 Uhr,ich wache auf. Meine Beine fühlen sich fit an. Ich denk mich nur „Wieso? Nun habe ich gar keine Entschuldigung heute nicht zu laufen“. Auf dem Programm stehen ziemlich flache 65 km, mit anschliessendem Aufstieg nach Aussenberg.

Ich steig um 07:02 Uhr in den Bus ein. Nein ich gebe nicht auf. Ich muss zurück ins Hotel wo die anderen LSVB-ler übernachtet haben, denn ich war zu spät das richtige Hotel zu buchen und übernachtete darum in einem Studio 3 Km entfernt von der Gruppe. Dafür stimmen die restlichen Hotelbuchungen der Woche.

Die Königsetappe startet mit Dätti, Christoph, Melanie und mir. In Sion sollten wir auf Johannes treffen, darauf freue ich mich schon.

Bis Sion bin ich mit dem Marathonmann unterwegs, er ist locker drauf. Kurz vor Sion kaufen wir uns was in einer Tankstelle. Dort gönne ich mir ein „Pain au chocolat“. Die Kalorien werden heute so oder so draufgehen. Melanie ist bereits weit vor uns. Wahrscheinlich hat sie noch ihre schnellen 100 km vom Bieler 100er in den Beinen und ist daher mit der gleichen Pace losgerannt. Ich versuche ganz locker zu sein und nicht zu übertreiben. Daher bleibe ich meinen 7 min/km treu.

In Sion eingetroffen begrüssen wir Johannes. Er und Melanie ziehen gemeinsam vorne weg und ich sehe sie nach wenigen Minuten nicht mehr. Auch die Distanz zu Dätti und Christoph vergrössert sich immer wie mehr, einfach in die andere Richtung. Es geht nicht lange und ich bin zwischen Sion und Sierre alleine unterwegs. Nicht so eine angenehme Situation, denn ich bin mehr ein Schwätzer als Läufer, daher schalte ich mein Handy ein und gönne mir unterwegs einen Podcast. Die Kilometer zwischen Sion und Sierre vergehen somit schnell.

Nach Sierre bleibe ich auf der linken Seite der Rhône, was, wie sich später herausstellt, eine blöde Idee sein wird. Bei einem Campingplatz gehe ich noch kurz baden. Das kühle Nass tut meinen Beinen sehr gut.

Kaum bin ich wieder am laufen befinde ich mich in einer komischen Lage. Meine Uhr zeigt mir an ich soll einer Hauptstrasse ohne Trottoir und mit Tunnel folgen. Das will ich mir nicht antun und entscheide mich daher für etwas noch Blöderes und gehe runter zum Fluss. Da verbringe ich viel zu viel Zeit damit, einen Weg zu finden. Nach mehrmaligem Überqueren kleinerer Flussläufe muss ich mich geschlagen geben und klettere wieder zur Strasse hoch um die letzten 2 km nach Leuk zu bewältigen.

Kaum in Leuk angekommen treffe ich auf Melanie. Sie hat 3 Km mehr als ich zurückgelegt. Später erfahre ich, dass rechts der Rhône der etwas längere, aber richtige Weg gewesen wäre.

Melanie reichen die bis dahin zurückgelegten 50 km und sie nimmt daher den Zug. Ich entscheide mich weiterzugehen, denn ich fühle mich ja gut. Meine Uhr meint „noch 17 Kilometer“. Nach 3 Kilometern Trailweg befinde ich mich auf einem langen Wanderweg Richtung Raron. Und da fällt mir ein: Ich habe seit 12 Uhr keine Kalorien mehr zu mir genommen. Meine Uhr zeigte 15:00 Uhr an. Ich kann auch keinen Riegel oder Gel mehr runterdrücken, denn mich beschleicht das Gefühl, kaum hätte ich es geschluckt, wäre es rückwärts wieder rausgekommen. Darum suche ich vergebens nach flüssigen Kalorien. Aber scheinbar gibt es keine Beizen der Rhône entlang.

Nach mehreren sehr schweren Kilometern, und viel Marschieren, treffe ich endlich in Raron ein. Auf der Suche nach einer offenen Beiz an einem Sonntag, lande ich bei einem Platz mit Brunnen. Dort sitzt Christoph im Schatten. Doch was macht er schon da? Ich habe ihn in Sion zuletzt gesehen und er war hinter mir, zumindest dachte ich mir das.

Er gibt mir kurz eine Erklärung. Ein Zug von Leuk nach Raron verhalf ihm bereits um 16:00 Uhr da zu sein. Nichtsdestotrotz bin ich froh, denn ab jetzt muss ich nicht mehr alleine die letzten 5 Kilometer bewältigen. Um genau 17:00 Uhr kommen wir oben in Aussenberg an und eine Stunde später trifft auch Dätti ein.

Zum Znacht gibt es Rösti mit einem Spiegelei, zwei Spiegeleiern und sogar 5 Spiegeleiern. Die Kalorien haben wir ja heute sowieso verbrannt.

Tagesticker: 65.89 km – 729 hm – 8:55 h

Montag, 15.7.2019 – Aussenberg – Oberwald

Geplant: 56 km – 1400 hm

Beim Frühstücken sehe ich, wie es draussen regnet. Na toll, das fehlt noch. Regenjacke anziehen und zusammen mit Christoph und Dätti geht es los auf die heutige Gomseretappe.

Nach rund 10 Minuten ziehen wir die Regenjacken wieder aus. Der Regen hat aufgehört und es wird langsam warm. Die Temperaturen sind mit T-Shirt sehr angenehm und Dätti und ich können eine gute Pace laufen bis nach Mörel. Wir plaudern viel und die ersten 23 km vergehen wie im Flug.

Heute möchte ich meine Kalorieneinnahmestrategie verbessern und passe mich dem Meister an. Daher trinke ich, wenn er trinkt und fange auch an Süssgetränke zu bestellen, was ich sonst nie mache. Doch es hilft. Ich spüre die Energie und ein halber Liter Citro lässt sich viel besser runterspülen als so ein Riegel oder Gel.

Bei Filet heisst es endlich „Höhenmeter“. Wir steigen auf bis nach Bächerhyschere und von dort aus wieder runter nach Ernen. Mittagspause ist angesagt. Ich fühle mich wie ein Kind als ich mit eine kleine Packung Chips (inkl. Überraschungsspielzeug) und Capri Sonne aus dem Coop rauslaufe. Aber es tut gut. Sich auf solch langen Strecken einfach nach Lust und Laune konventionell zu verpflegen, gefällt mir gut und mein Körper reagiert auch gut drauf.

Noch 25 km bis Oberwald. Kurz vor Münster trinken wir noch was. Die Kellnerin fragt mich von wo wir gestartet sind. Ich wusste gar nicht, dass man so grosse Augen machen kann als ich „Visp“ sage.

Die letzten 15 km sind wir schnell unterwegs. Fast zu schnell, denk ich mir. Doch Dätti hält mit – oder halte ich mit? Keine Ahnung wer jetzt Schuld ist an diese selbstmörderische Tat. Ich denke schon an morgen und hoffe, dass ich ohne Muskelkater aufstehen darf.

Wir treffen in Oberwald  ein und wollen gleich einchecken. Die Frau an der Reception findet aber unsere Namen nicht und unsere Koffer sind auch nirgends zu finden. Da merken wir das wir im falschen Hotel sind und das gibt uns somit noch einen Zusatzkilometer. Man kann ja nie genug kriegen.

Im Hotel warten wir alle noch gespannt auf Christoph. Als er eintrifft sieht er sehr zerschlagen aus, hat jedoch die gesamte Distanz von fast 60 Kilometer alleine gemeistert. Ich ziehe meinen Hut vor dieser Leistung, ich weiss nicht ob ich das alleine bewältigt hätte.

Zum z’Nacht gibts „Chässspätzle“. Käse scheint mir gut zu tun diese Woche.

Tagesticker: 59.52 km – 1152 hm – 7:47 h

Dienstag, 16.7.2019 – Oberwald – Sedrun

Geplant: 47 km – 2000 hm

Endlich. Jetzt kommt meine Lieblingsdisziplin! Meine Beine fühlen sich erstaunlich gut an. Kein Zeichen von Muskelkater. Ich frag mich langsam was das soll. Ich dachte nach drei Tagen wäre ich bereits am Ende aber nein, die Beine wollen mehr und mein Kopf spielt heute sowieso mit. Wir dürfen den Furka- und Oberalppass überqueren. Meine Vorfreude bemerken alle am Frühstückstisch.

Ich packe alles Mögliche in meinen Tagesrucksack ein. Handschuhe, Notfalldecke, Regenjacke, Armlinge. In den Bergen weiss man ja nie. Herr Marathonmann kommt wie immer, ohne Wasser, ohne Rucksack, ganz casual mit Hemd, als wäre er auf einem Abendspaziergang unterwegs. Ich weiss echt nicht wie er das macht.

Heute werden Melanie und Brigitte auch von Anfang an dabei sein. Kaum raus aus dem Hotel, geht es bereits die ersten Höhenmeter hoch. Melanie begleitet mich und später holt uns auch Dätti wieder ein. Christoph und Brigitte sind weiter hinten aber kommen sehr gut vorwärts.

Nach 2 Stunden und 20 Minuten erreichen wir den Furkapass. Die Sonne scheint, das Wetter stimmt, die Aussicht wunderbar, kurz gesagt ein Traum. Etwas trinken und es geht runter nach Realp. Wir sind schon im Urnerland. Zur Mittagszeit gibt es für mich ein Citro und ein Käseplättli mit Brot. Ich bekomme sehr viel, verschlinge aber alles ohne zu zögern. Robin, der mit seinem Fahrrad unterwegs ist,  nimmt auch noch kurz was zu sich.

Als Melanie eintrifft, meldet sie uns leider etwas Unerwartetes. Sie hat sich den Fuss umgeknickt beim Runterlaufen vom Furka. Schade, es sieht bereits blau und angeschwollen aus. Sie kommt noch mit bis Andermatt, wäre aber lieber bereits in Hospental in den Zug gestiegen, wenn er uns nicht gerade vor der Nase abgefahren wäre.

Unterwegs treffen wir auf Urs Schüpbach. Er hat sich entschieden, einen Teil der Route auf dem Velo zu absolvieren um die Lauftruppe auf dem Weg zu verpflegen. Schade haben wir unsere Mägen soeben auf der Realp gefüllt. In Andermatt gibt es noch kurz ein Fanta Lemon und Dätti und ich machen uns auf den Weg rauf zum Oberalppass. Um ca. 15:00 Uhr sind wir oben angekommen. „En suure Moscht“ – das hilft.

Die letzten Kilometer vergehen wie im Flug und kaum sind wir los, befinden wir uns schon in Sedrun. Beim Hotel warten schon Melanie, Pia und Urs auf uns. Pia hat heute Geburtstag und bereits ein Apéro geplant. Nun müssen nur noch Brigitte und Christoph eintreffen. Die lassen auch nicht lange auf sich warten, pünktlich zum Apéro sind sie da und bekommen sofort das erste Sektgläsli in die Hand.

Wir feiern und geniessen ein feines z’Nacht. Ich bemerke aber das ich seit 1-2 Tagen abends nicht mehr so viel essen mag. Keine Ahnung wieso. Ich denke mir, dass sich vielleicht mein Magen an kleine Portionen gewöhnt hat. Ob das nur gut kommt.

Tagesticker: 50.93 km – 2005 hm – 8:55 h

Mittwoch, 17.7.2019 – Sedrun – Trin Mulin

Geplant: 55 km – 900 hm

Um 7 z’Morge. Punkt 8 gehts los. So lautetet der Plan seit einigen Tagen. Ich bereite mich im Hotelzimmer vor für die Rhyschlucht-Etappe. Am z’Morgetisch darf bei mir nie Müesli fehlen, sonst werde ich recht schnell „Grumpy“.

Ein paar Minuten nach 8 starten Dätti, Christoph und ich auf ein neues Abenteuer. Christoph bleibt auf der Hauptstrasse, was sinnvoller ist als was Dätti und ich an diesen Morgen machen. Dem Wanderweg folgen bis Disentis lautet der Plan. Nur leider ist dieser Wanderweg unnötig lange und mit mehreren Zusatzschleifen auch länger als angedacht.

Bei der erste Rheinüberquerung treffen wir wieder auf Christoph. Urs ist auch heute mit seinem Fahrrad dabei und gibt uns Tipps wo es am besten durch geht.

Wir fahren bis Sumvitg mit unserer Strategie weiter und bleiben links vom Rhein. So können wir ein paar Höhenmeter umgehen. In Sumvitg gibts ein halbes Citro und ein Eis für Dätti. Wir gehen weiter nach Trun und danach verpassen wir unseren Wanderweg und enden auf eine Hauptstrasse Richtung Ilanz.

Janu, bleibt nichts anderes übrig als auf der linken Seite der Strasse zu laufen und bis zum nächsten Dorf, Tavanasa, durchzuhalten. Dätti reisst dabei eine Pace an die wir später vielleicht bereuen werden. Meine Uhr zeigt 5:30 min/km an. In Tavanasa gibts wieder ein Citro. Dabei schmeckt das Citro ganz speziell, ist mal was anderes. Dätti probiert auch ein 3 dl Glas davon. [Anmerkung der Redaktion: Es war Bergamotte, eine Art von Citro – sehr lecker.]

Wir folgen nun rechts vom Rhein dem Wanderweg. Ich verliere Dätti hinter mir, laufe aber weiter, möchte meinen Rhythmus nicht brechen. Nach ca. 90 Minuten bin ich in Ilanz angekommen. Dort ist Markt heute und ich gönne mir ein Soft-Ice. Das reicht aber bei weitem nicht und ich muss noch kurz im Denner Chips und ein Süssgetränk holen. Noch kurz beim Rheinufer stoppen und ein Foto schiessen.  Plötzlich verschrecke ich ab einem „Hallo“ von hinten. Es ist Dätti, der mich wieder eingeholt hat. „Besser so“, denk ich mir. Weitergehts in die Rheinschlucht zu zweit.

Es ist heiss und wir entscheiden uns, noch im kalten Rhein kurz zu baden. Danach folgt nochmals ein Getränk in Valendas und los gehts, hoch und runter, auf wunderschönen Single-Trails. Dabei kann ich es nicht lassen und lass meine Beine und die Gravität die ganze Arbeit tun. Unterwegs gibt es immer wie mehr Wanderer und ich darf dem einen oder anderen im letzten Moment ausweichen.

Kurz vor Ankunft in Versam, fragt mich Dätti nach meinem Jahrgang. „88!“ antworte ich. Dabei getraue ich mich nicht dasselbe nachzufragen [Anmerkung der Redaktion: „62!“]. Er ist schon den ganzen Tag unterwegs, und selbst wenn ich ab und zu ein bisschen schneller unterwegs bin haltet er sehr gut mit. Dätti ist ein echter Laufexperte. Es gibt wahrscheinlich sehr wenig was er nicht bereits kennt oder erlebt hat. Aber die Rheinschlucht ist für uns beide das erste Mal.

Am Bahnhof in Versam treffen wir auf Farah, ihr Bruder und seine Partnerin. Sie sind von Ilanz gestartet und den ganzen Weg gewandert. Es gibt Chips und Wasser für uns. Wir laufen weiter Richtung Trin Mulin, die Strecke wird sehr steil auf den letzten 3 km. Zuoberst darf ich einer Touristengruppe als Kameramann dienen während ich auf Dätti warte.

Danach sind es nur noch 1 bis 2 Kilometer bis Trin Mulin. Wir kommen an. Christoph erreicht später unser Hotel auch, er sieht heute nicht so am Ende aus wie auch schon.

Zum Nachtessen gibts überteuerte Pizokel. Nebst den Kaloriendefizit habe ich heute auch ein Kontodefizit.

Tagesticker: 60.99 km – 871 hm – 8:06 h

Donnerstag, 18.7.2019 – Trin Mulin – Triesenberg (FL)

Geplant: 51 km – flach

8 Uhr – Frühstück. Wieso erst um 8? Unser Hotel in Trin Mulin schafft es nicht früher etwas bereitzustellen. Wir hätten uns früher melden müssen. Naja, was bei allen anderen Hotels kein Problem war ist hier scheinbar etwas Unmögliches.

Wir entscheiden uns somit um 9 loszulegen. Wir essen dabei so schnell das es auch für 8:45 reicht. Heute bin ich mehrheitlich mit Christoph unterwegs, denn anders als Dätti, haben wir uns entschieden nicht durch Chur und Landquart den Rhein entlang bis Triesenberg zu laufen. Das wäre nämlich viel zu langweilig. Wir entscheiden uns nochmals einen Pass zu bezwingen. Kunkelspass heisst unser Hindernis heute. Auf 1357 ü.M. liegt unser erstes Zwischenziel. Danach gehts der Taminaschlucht entlang bis Bad Ragaz und von dort aus nach Triesenberg.

Brigitte und Pia finden die Idee auch gut. Sie können sich aber mit 51 km nicht anfreunden und entscheiden sich von Vättis aus zu starten. Sie wollen eben am nächsten Tag noch fit sein für die Schlussetappe, was auch Sinn macht.

Bis Tamins laufe ich wiedermal mit Dätti. Danach gehts hoch zum Pass. Christoph nimmt die Strasse in Angriff. Mich reizt heute der Bergwanderweg viel mehr. Völlig verschwitzt komm ich um 10:20 Uhr oben an. Ich frag bei der Bedienung der Passbeiz nach ob ich mit Postkärtli zahlen darf, denn ich habe kein Bargeld mehr. „Leider nein“. Ich bestelle trotzdem was, Christoph ist noch auf dem Weg und hat sicher Bargeld dabei.

Nach einer kleinen Pause trifft auch Christoph ein. Er will sofort weiter, aber Moment, er muss noch meinen Holundersirup zahlen. Ich verspreche ihm später ein Bier, oder zwei. Wir ziehen weiter und treffen in Vättis auf Brigitte. Pia ist schon los. Ihre Worte waren scheinbar „Dir holet mi denn scho no i“. Das denkt sie zumindest.

Beim Damm nach dem Mapraggsee trennen wir uns. Brigitte und ich nehmen den Wanderweg, Christoph entscheidet sich für die Strasse. Als wir uns kurz eine Pause gönnen, verirrt sich immer wieder eine Bremse auf meinen Oberschenkeln. Ich versuche Sie zu verscheuchen, ihr passt das nicht und beisst rein. „Cheibe Viech!“, schrei ich. Wobei die Wortwahl nicht ganz so nett ist. Ich blute ganz wenig, das wird wahrscheinlich noch anschwellen.

Die Taminaschlucht ist sehr schön und ich empfehle jedermann sich da mal eine Wanderung zuzumuten. Wir verpassen Bad Pfäffers, können aber sehr schöne Wanderwege durchlaufen und warten kurz auf Pia. Zusammen laufen wir weiter nach Bad Ragaz. Dort geht Pia weiter und Brigitte und ich entscheiden uns auf Christoph zu warten. Wir wollen bis zum Schluss zusammen die letzten Kilometer bis Triesenberg meistern.

Als Christoph ankommt vergleichen wir unser GPS Uhren. Er hat 3 km mehr gemacht. Uns ist aber unklar wo. Es zieht uns weiter rechts dem Rhein entlang und die letzten Höhenmeter bis Triesenberg werden für uns eine Qual. Die Sonne scheint sehr stark und verbrennt meine Waden Merguez-Rot.

Ankunft im Hotel nach 18 Uhr. Bier ist ziemlich schnell in unseren Händen und wir geniessen beim Hotelrestaurant eine Superaussicht. Die wird auch immer wie besser, ist mir aber nicht klar ob die zwei Flaschen Rotwein dabei verhelfen.

Tagesticker: 52.31 km – 1522 hm – 9:22 h

Freitag, 19.7.2019 – Triesenberg (FL) – Bodensee

Geplant: 56 km – flach

Letzter Tag. Und genau heute fühlen sich meine Beine nicht so fit an. Kein Wunder nach rund 340 Kilometer. Morgenessen ist bereits um 6:30 Uhr möglich. Sehr schön, dann können wir problemlos um 8 starten. Dätti entscheidet sich trotzdem alleine loszugehen und erst um 9 Uhr Triesenberg zu verlassen.

Heute wollen Christoph und Brigitte wiedermal die ganze Etappe absolvieren. Ich schliesse mich Ihnen an und wir laufen um Punkt 8 los. Die ersten Kilometer geht es runter bis nach Vaduz. Danach bewegen wir uns langsam Richtung Rhein.

Kaum am Rhein angekommen, verlassen wir ihn wieder um mehr ins Landesinnere zu gehen. So können wir einem Kanal entlanglaufen und vielleicht 1-2 km sparen.

In Oberriet machen wir eine kurze Pause. Wir bemerken schon, die heutige Etappe wird reine Kopfsache. Es gibt nicht vieles zu sehen, nichts zu bestaunen. Bis Widnau müssen wir noch weitere 10 km diesem Kanalweg entlang rennen. Das macht mich psychisch kaputt.

Auch physisch bin ich heute nicht auf der Höhe. Mein rechtes Bein ist vom Insektenbiss stark angeschwollen und ich spüre es ein wenig beim Laufen. Das führt dazu das ich meine linke Hüfte zu viel beanspruche die sich nun nach mehr als 30 km anfängt zu melden. Ich denk mir nur „Letzte Etappe, danach ist Ausruhen angesagt“. Somit versuche ich mich im langsamen Tempo weiter zu pushen.

Wir sind aber gut unterwegs und setzen unsere Energie gut ein. In Widnau gehen wir in eine Beiz rein um uns zu verpflegen. Kaum habe ich mein Frucht-Smoothie runtergewürgt fühl ich mich schon fitter. Selbst das Anlaufen gelingt mir besser. Von Widnau aus geht es nach Au und danach der Strasse entlang bis St. Margarethen. Nun ist es nicht mehr lange bis zum Ziel. Vielleicht 12 oder 13 Kilometer.

Ich gönn‘ mir noch ein Red Bull und salzige Nüssli vom Kiosk. Die Hitze ist heute stark und das hilft meinen Salzgehalt aufrecht zu halten. Die Wanderwege bis zum Bodensee sind nichts Besonderes, gehen meist links oder rechts neben der Autobahn entlang. Die letzten Kilometer laufen wir immer noch zusammen und es kommt jedem unendlich lange vor. Dann sehen wir plötzlich den Flughafen und danach ein Campingplatz, das muss es sein!

Noch 2 Kilometer weiter und wir sehen am Horizont eine Figur die uns zuwinkt. Das muss Urs sein. Das heisst wir sind am Ziel.

Wir wollen noch bis zum Bodensee laufen, leider ist das aber nicht möglich, da der Ufer privatisiert ist und wir noch Eintritt zahlen müssten. Schade. Somit gehen wir zur Beiz und nehmen mal ein Bier. Erst Minuten später realisieren wir was wir diese Woche geschafft haben.

Meine Freundin kommt kurze Zeit später auch an, sie holt mich heute ab. Ich bin sehr froh, denn auf Zugreisen hätte ich heute keine Lust mehr.

Dätti trifft später auch noch ein und geht direkt in den Bodensee. Er hatte am ersten Tag ein bisschen Genfersee-Wasser gesammelt und das hat er nun in den Bodensee geleert. Zumindest ergeben so diese 7 Tage einen Sinn.

Tagesticker: 54.93 km – 135 hm – 7:44 h

+ 1 Tag, Samstag 20.7.2019

Ich wache auf. Es ist bereits 9 Uhr morgens. Ich bin nicht mehr in einem Hotel, muss nichts vorbereiten und kann zusammen mit Romina brunchen. Es ist so schön nicht loslaufen zu müssen. Ich bemerke wie friedlich ich bin. Während diesen 7 Tage konnte ich mich so gut von der Arbeit und alle anderen Sorgen trennen wie noch nie in anderen „Ferien“.

Eine solch starke innere Ruhe habe ich seit langem nicht mehr gespürt. Ich bin daher sicher, ich werde so eine Woche sehr gerne wiederholen. Und ich werde jedem so ein Abenteuer empfehlen [eine Anregung aus der Redaktion]. Es kann auch Wandern oder Radfahren sein, aber Hauptsache weg, weg von unserem Alltag und Stress ohne zurückzuschauen.

Wochenticker: 393.79 km – 6687 hm – 57 h

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3 Comments

  1. Toller Bericht. Merssi vielmal. Ihr seid alles Pfundskerle! Ich beneide jeden und jede für so tolle Leistungen. Gleichzeitig geniesse ich es, vor dem Bildschirm etwas von den Abenteuer mit zu erleben.
    Rosemarie

  2. Super Bericht! Da kommen gleich wieder super Erinnerungen hoch und die Frage, wie das getoppt werden kann …

  3. Toller Bericht! Danke Toni.

    Präzisierung zu Tag 1: Toni schreibt «Unser Hotel befindet sich ein paar Kilometer weiter, aber wir können die Distanz ohne Probleme meistern.» Da ist sehr wohlwollend. Ich hätte geschrieben «Toni läuft souverän stoisch voraus, Cyril schleppt sich mit Mühe und Not und schmerzenden Füssen hinterher.»

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