Stilfser Joch, Du Saucheib!

Ein Leichtathlet auf Abwegen – Ein Tag aus dem Trainingslager von SRS in Sils

„Das Stilfser Joch (auch Stilfserjoch, italienisch Passo dello Stelvio) ist mit 2757 m s.l.m. der höchste Gebirgspass in Italien und nach dem Col de l’Iseran der zweithöchste asphaltierte Gebirgspass der Alpen. Das Stilfser Joch verbindet Bormio im Veltlin, Lombardei, mit Prad im Vinschgau, Südtirol“

Die Ostrampe von der Payerhütte (3029 m) aus gesehen

Die Ostrampe von der Payerhütte (3029 m) aus gesehen

Soviel lässt sich in den ersten Zeilen des Wikipedia-Artikels über das Stilfser Joch nachlesen. Die Ausdauersportbegeisterten und Radsportinteressierten im speziellen, werden jedoch das Stilfser Joch primär mit dem Giro d’Italia assoziieren. Ein Klassiker unter den Alpenpässen, wenn vielleicht nicht sogar der Alpenpass schlechthin! Die übliche Route führt den Gümmeler (so wird der Rennradfahrer von den Sportlern die nicht dieser Zunft angehören scherzhaft genannt) von Ost nach West. Der Grund weshalb man den Stelvio von dieser Seite her fahren sollte liegt in dem spektakulären Aufstieg. Knapp 2000 Höhenmeter sind auf über 27km zu bewältigen. Dabei neigt sich die Strasse bis zu 15% Steigung. Das eigentliche Highlight ist aber die Passstrasse an und für sich und wie diese Anfang des 19. Jahrhunderts angelegt wurde. Während 48 Haarnadelkurven schlängelt sich diese riesige Spagetti den Hang hoch. Derjenige, der diese gewundene Pasta mit reiner Muskelkraft bewältigen will, sollte aber auch genügend solcher italienischer Kohlenhydrate am Vorabend gebunkert haben. Denn bereits bei der ersten Kurve angekommen grinst dem Sportler ein Schild mit der Zahl 48 entgegen. Der Neuling wird dies nicht auf Anhieb zu deuten wissen, aber spätestens 2-3 Kurven später dämmert’s auch dem Hirn, welches aufgrund von Sauerstoffschuld nur noch auf Sparflamme läuft: Auf dem zweiten Schild in der zweiten Kurve steht 47, auf dem dritten Schild 46, usw. Der Schluss liegt nahe, und wird sich auch als richtig herausstellen, dass in der letzten Kurve, 500 Meter vor der Passhöhe, ein Schild mit der Zahl „1“ steht und sämtliche dazwischenliegenden Zahlen abgefahren werden müssen.
Lukas am Stilfser Joch

Lukas am Stilfser Joch

Zu Beginn scheint dies Vorhaben nahezu unmöglich. Die Geraden zwischen den Kurven sind so lang und man fährt und fährt und die Schilder wollen einfach nicht in den 30-er-Bereich kommen. Glücklicherweise bietet das Gebirge dem Sportler zu diesem Zeitpunkt noch keinen freien Blick zur Passhöhe. Sonst wagte ich zu behaupten, dass die Hälfte derjenigen, die am Vorabend noch topmotiviert ihre Pasta bunkerten entweder erbost und mit erhobener Faust ihren Drahtesel wenden, oder diesen fluchend ins Tobel werfen würden um anschliessend als heulendes Häufchen Elend den Strassenrand zu schmücken.
Für mich war die Ausgangslage am Stilfser Joch in doppelter Hinsicht schwierig. Erstens bin ich noch nie in meinem Leben als Rennradfahrer eine solch lange Tour von 130km und über 3000 Höhenmeter gefahren. Ahh, das habe ich gar noch nicht erwähnt: den Ofenpass haben wir auch noch zweimal gefahren. Auf dem Hin- und Rückweg, so quasi zum Ein- und Ausrollen. Muskulär traute ich mir das zu, keine Frage, es sind eher diese nervigen Begleiterscheinungen wie Arschweh und Nackenstarre die mir als reinrassiger Läufer Sorgen bereiteten. Das zweite Problem war, dass ich ein paar Tage zuvor mit den Rennradfahrern schon einmal durch die Gegend gedüst bin und mir dort ungewollt den Ruf des „Zersägers am Berg“ eingehandelt hab. So kam es dann, dass anscheinend die wildesten Geschichten über den erbarmungslosen Marathonläufer kursierten mussten, der zweimal im Jahr einen Pass fährt und alle Rennradprofis mit Haut und Haar auffrisst. David, ein Rennradfahrer der früher mal Rennen fuhr und beim ersten Mal noch nicht dabei war, aber davon Wind bekam, verabschiedetet sich am Fuss des Stilfser Jochs schon mal prophylaktisch. Bevor es überhaupt losging meinte er: „wir sehen uns dann oben“ und liess sich zurückfallen. Dabei ist das alles nur ein riesiges Missverständnis! Das Problem ist die Übersetzung von meinem Rennvelo. Auf den vorderen Kettenblättern habe ich eine klassische Zweifachkurbel und keine bergtaugliche Kompakt- oder Dreifachkurbel. Auch die hintere Kassette ist bei mir eher für’s Flachfahren ausgelegt. Daraus folgt, dass ich sehr schnell in meinen kleinsten Gang wechseln muss. Dann wenn die anderen noch fröhlich auf dem dritten und vierten Kranz drehen muss ich bereits meinen kleinsten Gang drücken und falle fast aus dem Gleichgewicht und vom Sattel. Wenn ich also am Berg eine einigermassen angenehme Trittfrequenz treten will, komme ich folgedessen nicht darum herum ein gewisses Tempo zu fahren. Ihr seht, ein riesiges Missverständnis! Ist Dir aber ein solches Attribut erst einmal angehängt, kannst Du dieses nicht mehr so schnell abschütteln. In diese Position gedrängt heisst es dann einfach durchbeissen. Ständig hörte ich die Bündner Steinböcke hinter der Schweizer Grenze spotten: „Luag mohl wie er kämpfa muas!“ „Kempfa, kempfa, kum!“ Denn eines ist klar: den Triumpf mich 500 Meter vor der Passhöhe zu überholen und mit mitleidigem Grinsen zu mir rüber zu schauen „Alles klar bei Dir? Geht’s noch?“ gönne ich niemandem! Glücklicherweise war da noch Michi, ein zweiter Leichtathlet, der souverän und ohne sich auf solche Spielchen einzulassen die Führung übernahm und seinen Vorsprung bis oben konstant hielt. Oben angekommen warteten wir natürlich bis wir komplett waren gratulierten uns ausführlich.
Vor den Abfahrten grauste es mir schon am Vorabend. Wenn ich sehe wie die Spezialisten in die Kurven liegen will sich mir der Magen drehen. So habe ich meine Kollegen schon mal vorgewarnt: „Beim runterfahren mach ich dann die Grossmutter“. Sandra meinte trocken: „Wenn Du die Grossmutter machst, dann mach ich die Ur-Grossmutter!“, begleitet von dem verständnisvollem, oder war es dem mitleidigem Nicken meiner Mitstreiter. Ich merke schon, ich werde hier nicht richtig ernst genommen. So kam es wie es kommen musste und die rüstige Ur-Grossmutter lies die zitterige Grossmutter nur einen flüchtigen Blick auf ihren sportlichen Hintern erhaschen. Gut gemeinte Ratschläge wie der von Charly – „Denk dran: wer später bremst, ist länger schnell!“ – versuchte ich wohl umzusetzen, aber das Unausweichliche war nicht aufzuhalten und weg war der Schnellzug. Gleiches was für die Passfahrt gilt, gilt natürlich auch für die Talfahrt und so wartete die Ur-Grossmutter mit den restlichen Pensionären in Santa Maria auf die durchgeschüttelte Grossmutter bevor wir das Dessert, „den Ofenpass zum Zweiten“ in Angriff nahmen.
In Zernez im Engadin angekommen war dann aber definitiv Schluss. 130km und über 3000 positive Höhenmeter muss für einen Leichtathleten reichen.

4 Comments

  1. Da hab ich wieder was dazu gelernt. Denn ich dachte der zweithöchste Pass wäre der Col de la Bonnet, der ist aber „nur“ 2715 Meter hoch, aber auch sehr anstrengend.

    Aber man kann vom Pass noch ein Stück höher fahren auf 2802 Meter, dass ist dann die zweithöchste Strasse in den Alpen (hab ich gerade bei Wikipedia gelesen).

    Damals war ich ja noch Hobby-Radprofi und fand so was lustig. Heute ginge es mir wohl eher wie dir… Auch in den Abfahrten merke ich dass ich älter und vielleicht auch weiser geworden bin. Keine Wettrennen mit Autos und Motorradfahrern mehr usw…

    Toller Bericht jedenfalls….

  2. Wo ist das Problem beim Bergabfahren. Bei meiner Abfahrt dort vor einigen Jahren mit einem Trekking-Bike habe ich ein Rennen mit einem VW-Testfahrer in seinem Passat gemacht und im Bereich der oberen Haarnadelkurven gewonnen, indem ich ihn zweimal klassisch links ausgebremste. Schräglage als Töfffahrer ist ja kein Problem!

  3. Nette Aktion, Gratulation! Werde den Stelvio nächstes Jahr im Rahmen meiner „die Schweiz ausserhalb der Landesgrenzen umrunden“-Aktion auch überqueren. Dieses Jahr reichen meine Ferien leider nicht mehr um Bregenz-Como und Como-Genf zu fahren 🙁

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