Sardona Ultratrail 2013

Kampfbergwandern im St. Gallerland – von Bruno Thoma

Eigentlich wollte ich (und ein paar hundert andere) im September ja um den Zürichsee laufen, aber dieser Lauf wurde leider abgesagt. Wieder einmal ein typischer Fall eines Organisatoren der den „perfekten“ Lauf organisieren wollte. Nur leider hätte er trotz 200.- Startgeld etwa 1000 Teilnehmer gebraucht um nicht Defizit zu machen. Und die hat er nicht gefunden.

Ist etwas weniger flach als um den Zürichsee, dafür kürzer. Wer bei Berglauf im St. Gallerland nun zu gähnen beginnt kann das nächste mal gerne mitkommen. Zum Vergleich: Der Lauf entspricht von den Kilometern her den 8 Läufen der Jura Top Tour zusammengenommen, einfach nochmals knapp 1000 Höhenmeter drauf, und natürlich doppelt so steil denn es geht auch gleichviel abwärts.

Die Strecke verläuft in einer grossen Runde um das Weisstannental. Dieses ist dermassen abgelegen und steil dass es im Jahre 1911 als Ort für die Wiederansiedlung des Steinbockes ausgewählt wurde. Mit den Steinböcken war es nämlich so dass sie im Verlauf der Jahre immer häufiger den Weg in den Kochtopf fanden und bis auf einen Restbestand von etwa 100 Tieren im Jagdgebiet des Italienischen Königs am Gran Paradiso ausgerottet waren. Als die Schweizer dann merkten dass es für die Touristen doch noch schön wäre einige Steinböcke zu haben wurde versucht von Italien welche käuflich zu erwerben, was aber nicht gelang. So investierte man 1906 das Geld schliesslich in ein paar italienische Wilderer welche einige Jungtiere „organisierten“. Mit diesen „Leihgaben“ begann man im Tierpark Peter und Paul in St. Gallen mit der Zucht. 1911 wurden dann erstmals Tiere im Weisstannental ausgesetzt, und diese bilden den Grundstock für die heutige Population in den Alpen. Im Klartext für Graubünden Tourismus: Alle Steinböcke sind eigentlich St. Galler, mit italienischen Vorfahren. Bitte den Dialekt in der Werbung anpassen!

Lauf

Am Mittwoch vor dem Lauf stellte sich mir nach einem Blick in die Webcams des Pizolgebiets die Frage ob die wohl noch ein Bild des letzten Winters aufgeschaltet hatten. Auf 2200m weiss soweit das Auge reicht. Zum Glück wurde es etwas wärmer, und pünktlich auf Samstag war ein Zwischenhoch prognostiziert. Am Start um 08:30 waren wir 101 zuversichtliche Teilnehmer, und schon bald ging es auf schönen Singletrails via Gaffia und Baschalvasee hinauf zum Gamidaurspitz. Seen kamen bald noch mehr, schliesslich sind wir hier auf der berühmten 5-Seen-Wanderung. Weiter ging es via Schwarzsee und Schottensee zum Wildsee, und trotz etwas Schnee und unsicherem Wetter kamen uns viele Wanderer entgegen. Am Wildseeluggen geht es für die Wanderer wieder runter, aber für uns ging es nun in Richtung Lavtinasattel. Nach dem Wildsee sind die Wegmarkierungen plötzlich weiss-blau, d.h. Hochalpine Route. Kann das sein? Habe ich (und die 50 vor mir) etwas übersehen? Zum Glück sehe ich kurz darauf wie weit vorne die ersten Läufer umdrehen, d.h. das Feld hat sich voll verlaufen. Dieser Weg führt nämlich auf den Pizol. Noch kurz ein Steilstück und schon sind wir oben auf 2587m. Die bisherige Strecke war sehr schön, deshalb habe ich an einigen Stellen kurz angehalten und Fotos gemacht. Wobei wenn ich gewusst hätte wie knapp es mit der Zeit wird hätte ich darauf verzichtet. An diesem Lauf gilt „Grind abe und Seggle“, sonst droht der Cut-Off. Auf dem Lavtinasattel sieht man weit in die Berge hinein, und dass es nun voll das Loch hinunter geht. Auf den nächsten gut 3km werden 1010HM vernichtet, was lockere 30% gibt. Und ja, es gibt ein flacheres Mittelstück, und sogar einen Gegenanstieg. Und unten ist ein Cut-Off. Wer hier knapp mit der Zeit ist und hinunterhetzen muss kann nachher direkt zum Orthopäden.

Das Sardona-Gebiet ist ja deshalb UNESCO-Naturerbe weil hier eine besondere geologische Situation vorliegt, bei der älteres Gestein über jüngere Schichten geschoben wurde. Bekannt sind die Tschingelhörner mit dem Martinsloch oberhalb von Elm, wo man den Übergang schön sieht. Dass es hier verschiedene Gesteine gibt habe ich im Abstieg selbst gemerkt als beim Tritt auf eine Steinplatte der Grip plötzlich deutlich geringer war als im oberen Teil. Kurz darauf hat es mich gleich nochmals hingelegt, was dann aber für den Rest der Strecke gereicht hat. So hautnah erlebt man die Geologie selten.

SardonaUltraTrail03

Der Verpflegungsposten unten in Batöni war echt sehenswert. Er bestand aus einer Kartonschachtel mit Gels und Riegeln, einer Schachtel für den Abfall und dem Hinweis dass es in 20m einen Bach hat. Dass ich nur 30min Reserve auf den Cut-Off hatte beunruhigte mich ein wenig, aber der Organisator schreibt dass ab Spitzmeilenhütte die Wege einfacher werden und man im ersten Streckenabschnitt nicht verzweifeln soll wenn man das Gefühl hat dass man nicht vorwärts kommt. Ab Spitzmeilenhütte könne man dann Gas geben. Selten so gelacht. Nach Batöni geht es direkt wieder steil hinauf in Richtung Heidelpass. Hier hat man schöne Sicht ins Calfeisental, welches wohl die wenigsten kennen, und auf den höchsten Berg des Kantons St. Gallen, den Ringelspitz 3247m. Ganz so hoch hinauf wollten wir dann doch nicht, aber der Weg vom Heubützlipass zum Muotatalsattel hat den meisten bezüglich alpinistischer Leistung für heute vermutlich auch gereicht. Nun ging es mal wieder einen guten vertikalen km abwärts, und es wurde mühsam. Eigentlich hätte es nun ja einfacher werden sollen, aber leider wurden auf unserer Route vermutlich heute Vormittag die Kühe von der Alp getrieben, weshalb der Weg nun knöcheltief war, 2/3 Schlamm und 1/3 Darminhalt. Der versprochene Verpflegungsposten im Abstieg war zudem nicht so wie auf der Karte, sondern unten im Tal.

SardonaUltraTrail04

Nach der Verpflegung ist mir klar dass es nun zeitlich knapp wird. Praktischerweise geht es nach einem kurzen Schlammstück auf einer Strasse hinauf, und ich gebe Gas. Auf diesem Teilstück komme ich sehr gut voran und überhole 7 Läufer. Oben sollte es noch ein paar kleine Wellen haben und dann bald den nächsten Posten. Irgendwie zieht es sich aber in die Länge, wieder einmal habe ich das Gefühl dass es nicht vorwärts geht. Irgendwann muss doch diese Spitzmeilenhütte endlich kommen, laut Höhenprofil müsste ich schon längstens da sein. Ich hetze wie ein Irrer den Weg entlang, irgendwann ist 18:30, Cut-Off, ja leck mich am Arsch wenn die mich jetzt rausnehmen dann breche ich durch. Um 18:40 bin ich endlich an der Hütte und erfahre dass die Zeiten um 1h verlängert worden sind. Essen kann ich fast nichts, ich bin so fertig von der Hetzerei und gehe rasch weiter in den Abstieg. Hier hat es zuerst mal wieder ein Seil drin, aber dann kommt eine richtig gute Strecke, meine Uhr zeigt bis -1500HM/h. Bald bin ich unten, das letzte Stück geht es durch Wald, auf einer Wiese steht ein fussballgrosser Bovist, und es ist schon ziemlich dunkel. Wann kommen wohl die reflektierenden Markierungen wie die welche ich im Start/Zielgelände gesehen habe?

Kurz vor 8 biegt der Weg ab in den Aufstieg in Richtung Wildenberg. Natürlich beginnt es genau jetzt zu regnen, macht im Dunkeln ja auch mehr Spass. Meine Hoffnung den Aufstieg gemeinsam mit dem Läufer zu machen welcher kurz vor mir läuft zerschlägt sich nach ein paar Minuten Aufstieg, dieser hat nämlich die Schnauze voll und kommt mir wieder entgegen. Die Strecke ist nur mit weiss-roten Wanderwegmarkierungen und gelegentlich einem schwarz-gelben Flatterband markiert. Alle paar Minuten das gleiche Spiel, keine Ahnung wo es weitergehen könnte, am Boden nach Spuren suchen welche nicht von Kühen stammen, mit der Lampe die Gegend absuchen ob irgendwo eine weiss-rote Markierung zu sehen ist, dann mal ein Stück in eine Richtung gehen welche einem noch sinnvoll erscheint, weitersuchen, wenn ich für jeden Fluch einen Franken gekriegt hätte wäre es ein gutes Geschäft geworden. Irgendwann bin ich oben und es geht runter nach Wildenberg zum nächsten Verpflegungsposten. Auf meine Frage ob die weitere Strecke für die Nacht markiert ist erhalte ich Tipps für die nächsten km, hier hat es nämlich teilweise gar keine Markierungen da irgend ein Bauer die Bändel entfernt habe. Mit etwas Glück und einem Einheimischen welcher hier auf Bekannte wartet finde ich dank des Tipps, nach der Stelle wo er seinen Subaru parkiert hat unbedingt gut zu schauen weil es kurz später rechts weggehe, den Weg und mache mich an den nächsten Aufstieg. Wieder dasselbe Spiel, und als ich schon fast oben bin, um 23 Uhr, also 3h nachdem es komplett dunkel ist kommt mit einem Leuchtstab die erste Nachtmarkierung des Laufes. Danke! Super! Wie viel einfacher ist es doch wenn man nicht dauernd suchen und hoffen muss.

Der Abstieg nach Schwendi hat gegen 1000HM, ist aber meist auf Naturstrassen gut zu laufen, und der Regen hat nun endgültig aufgehört. Es ist leicht neblig, auf den Gräsern bilden sich kleine Tropfen welche im Licht der Stirnlampe ein spezielles Schimmern erzeugen, wie wenn sie mit Diamanten übersät wären. Es geht teils an Felswänden vorbei welche im Mondlicht surreal erscheinen, wie Wolken. Vielleicht bin ich aber einfach auch schon zu lange unterwegs. So komme ich um halb eins beim Verpflegungsposten Schwendi unten im Weisstannental an. Nachdem ich 4.5h alleine unterwegs war sitzen hier vier Läufer beisammen. Sie sind anscheinend schon eine Weile hier, um sich vor dem letzten Aufstieg zu stärken. Ich fülle nur kurz meine Flaschen auf und esse etwas, aber keiner will schon mit mir losziehen. Ich muss weiter, sonst beginne ich zu frieren.

Also alleine in die Wand, ein letztes Mal ist nun Höhenmeterfressen angesagt. 1400HM auf 8km, es geht direkt in Falllinie den Hang hinauf. Der Aufstieg sollte laut Höhendiagramm 17% haben, aber das ist nur Theorie weil es ein flacheres Mittelstück hat. Egal ob es nun 30% oder 40% waren, es ist zu steil. Wenn jetzt ein Steinbock einen dummen Spruch macht (Karbon statt Kondition… oder so) dann biege ich ihm die Hörner gerade! Schliesslich erreiche ich das Mittelstück, Naturstrasse, endlich habe ich mal wieder das Gefühl dass ich vorwärts komme. Nun ist aber wieder sehr spartanisch markiert, ob ich noch richtig bin? Egal, einfach weiter, und tatsächlich kommt ab und zu ein schwarz-gelbes Flatterband und später wieder Leuchtstäbe. Vermutlich hat sich der Streckenmarkierer gedacht dass es ja logisch ist dass dies der richtige Weg ist. Die angenehme Strasse führt bis nach Oberprecht, wo nochmals ein kleiner Verpflegungsposten ist. Dann wird es wieder steil, noch fehlen etwa 500HM, immerhin ist nun wieder besser markiert. Zuletzt geht es über Alpwiesen welche von ca. 100‘000 Kühen in eine Minikraterlandschaft verwandelt worden sind hinauf zum Gamidaurspitz. Kann sein dass es zwischen den Markierungen einen Weg gehabt hätte, ich habe keinen gefunden und bin einfach querfeldein gestolpert. Auf dem höchsten Punkt friert sich ein Helfer einen ab und zeigt mir wo auf den ersten Metern nun der Boden langsam zu gefrieren beginnt und es entsprechend rutschig ist. Die folgenden 800 Höhenmeter Abstieg sind vernünftig markiert, aber wie üblich sausteil, öfters braucht es die Hände um über grössere Stufen abzusteigen. Der einzige Aufsteller ist ein Alpensalamander direkt auf dem Weg, und dass es irgendwann vorbei geht und das Ziel in Sichtweite kommt. Nach 19h41min ist Schluss für mich, fertig mit dem Murks.

Fazit

Wo hört laufen auf, wo beginnt wandern? Ist es noch ein Lauf wenn man für die ersten 25km etwa 6h braucht? Was nützt einem die schöne Landschaft wenn man pausenlos auf den Boden schauen muss und nur noch gegen den Cut-Off kämpft? Ist es sinnvoll die Cut-Off‘s so zu setzen dass ganze 35% vor dem Cut-Off ins Ziel kommen, darunter auch solche wie ich welche am zweiten und dritten Cut-Off eigentlich darüber waren? Wie kann man eine Strecke für die Nacht 15km lang nur mit schwarz-gelbem Flatterband „markieren“? Ich behaupte jetzt einfach mal dass ein ordentlicher Teil der 57% welche es nicht bis ins Ziel geschafft haben einfach irgendwann die Schnauze voll hatten und deshalb aufgehört haben. Ich habe von km50 bis km65 auch nur einmal geflucht.

Nächstes Jahr wird die Streckenmarkierung sicher besser sein, und die Kombination aus Schneefall 2 Tage vor dem Lauf und Alpabzug am Lauftag (d.h. völlig vermatschte Wege) wird sich hoffentlich auch nicht wiederholen. Mit etwas grosszügigeren Cut-Off’s kann der Lauf in Zukunft durchaus Spass machen, die Landschaft ist besonders im ersten Teil Superschön, und wenn man es gemütlicher nehmen kann und nicht dauernd den Weg suchen muss sind schwierige Wege auch leichter zu ertragen. Sonst ist der Lauf nur sehr schnellen Läufern zu empfehlen (d.h. Top 10% bei Bergultraläufen), welche den grössten Teil bei Tageslicht schaffen.

Den vielen motivierten Helfern und den Organisatoren wäre es zu gönnen wenn sich der Sardona-Ultratrail zu einem Fixpunkt in der Schweizer Laufszene entwickeln würde. Dazu muss er aber vermutlich etwas entschärft werden (Cut-Off Zeiten etc.). Ein Lauf kann nämlich auch zu schwierig sein.

7 Comments

  1. Herrlicher Bericht, man macht die Strapazen fast schon selber mit, hab am Schluss schon nur durch die Vorstellung alle meine Muskeln gespürt! 😉 Super, vielen Dank! Und Gratulation im Nachhinein!

  2. Super Bericht! Toll, wie du deine Strapazen auf diesem Trail beschrieben hast. Auf jeden Fall hast du nicht aufgegeben (wie viele andere), sondern bist den Lauf fertig gelaufen. Gratuliere!!

  3. Ich werde in Zukunft nie mehr jammern wenn mir schon nach 3h die Haxen weh machen. Das sieht für mich eher nach Charakterbildung aus… Respekt! Matsch kann ja richtig Spass machen aber sicher nicht 20 h lang…

  4. Etwas spät gelesen, und selten so gut gelacht! Viel treffender kann man eine solche Übung echt nicht beschreiben. Habe solche Gedanken schon beim Schönwetter-K78 und beim 100km Lauf, vor so einem Geknorze über 20h habe ich da grossen Respekt, Gratulation!

  5. Gratulation zu dieser hervorragenden Leistung! Da brauchts einen starken Kopf um das durchzuziehen.

    Liebe Grüsse
    Dominik

  6. Toller Bericht. Ich habe ja „nur“ den mittleren der 3 Varianten absolviert. 3 Wochen zuvor war ich trainingshalber die Strecke bis Batöni mal abgelaufen um herauszufinden wie es sich mit den Cut-off Zeiten so verhält und da sah ich, dass diese für mich sehr knapp bemessen sind. Weil ich nicht herumhetzen wollte habe ich dann noch vom Ultra auf die Marathondistanz gewechselt und dachte mir die Ultradistanz kannst du auch ein Jahr später machen. Ich habe viele Teilnehmer getroffen, auch auf der Marathondistanz, welche diesen Lauf zeitlich völlig unterschätzt haben. Es ist einfach 100% Trail, genau gleich wie z.B. der Ticino Trail und je nach äusseren Bedingungen noch schwieriger als er bereits sonst ist. Trotzallem fand ich persönlich, dass dieser Lauf mit viel Engagement, Liebe und Herzblut ins Leben gerufen wurde und vor allem die Helfer und Bewohner dieser Region waren extrem freundlich und haben einem immer wieder aufgemuntert. Verbesserungspotenzial gibt es allemal, da stimme ich dir zu. Ich bin mir sicher das die Organisatoren für nächstes Jahr dies zu Herzen nehmen werden. Es war ja dieses Jahr auch erst das erste Mal, dass sie den Ultratrail über die volle Distanz austragen konnten.
    Bezüglich fehlenden Markierungen etc. habe ich zur Sicherheit immer mein GPS-Gerät mit gespeicherter Route dabei… in den Bergen weiss man ja bekanntlich nie…
    Chapeau für deine grossartige Leistung!!!

  7. Danke Bruno, super erzählt und tolle Bilder! Kenne dieses Gebiet vom Wandern und kann nur sagen: „Chapeau“, dies alles an einem Stück und laufend zu absolvieren!! Bleibt zu hoffen, dass der Veranstalter in sich geht und der Lauf erhalten bleibt.

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