New York City Marathon

Le Feu Sacré

Das Motorrad steht in der Scheune. Daneben liegt Josephine oder Hilde oder … Bertha. Egal, jedenfalls sieht sie besser aus, als die Bardot in Bestform. Ein Träger ihres Büstenhalters hängt an der Schulter runter. Das wird von ihrem bleichen Busen gnadenlos ausgenutzt. Der liegt halb entblösst in Sicht-, Griff-, Grabschweite.

Es ist halbdunkel, schummrig. Durchs halboffene Tor erhellt Morgenrot das Düster, als die warme Nacht in den Tag übergeht. Die Unbekannte ist beschäftigt. Draussen bewegt der Wind die Baumwipfel. Schatten von Pappeln, Zypressen und Pinien fallen durch die Öffnung. An spinnwebenbehangene Bretter projiziert, tanzt das Lichtspiel der mediterranen Vegetation; es erinnert ans romantische Flackern von Kerzenlicht. Oleander duftet, Thymian und Rosmarin. Körper an Körper, Haut auf Haut, liegen sie da. Es wird wärmer. Leichtes Schwitzen, es stört nicht. Im Gegenteil. Genau so wenig, wie das längst in Unordnung geratene Haar, das sich mit heftigen Kopfbewegungen immer mehr ins Heu arbeitet. Locken und Halme verheddern sich ineinander, wie die zwei, die sich da wälzen. Sie schwitzen noch mehr. Von Sinnen verlassen. Nichts kann sie mehr stören. Vieleicht ein heimlicher Beobachter? Auch der nicht, diese Möglichkeit macht’s nur noch aufregender – spannender. Die Bewegungen werden ungezügelter, ganz automatisch. Vom Geist unkontrolliert und doch passiert alles gewollt, von einer geheimnisvollen Routine getrieben. Zarte gegenseitige Berührungen machen sie noch wilder. Sie ringen vor Anstrengung nach Atem und doch passiert alles ganz leicht und von selbst. Das ändert sich schliesslich und endlich und auf unerwartetste Weise, als eine Berührung an der Innenseite ihres Schenkels… Nur ein ganz kurzer, sanfter Druck, sie in ganz andere Sphären versetzt. Sie schreit. Wildes, hemmungslos Geschrei. Dann heftiges Gestöhn, denn da wo noch kürzlich explodiertes Gas den Chromstahl der Motorradauspuffanlage blauglühend werden liess, versengte sie sich soeben die Haut ihrer knackigen, nackigen Wade.

Wildes, hemmungslos Geschrei und heftiges Gestöhn. Ja leck‘ mich doch Arsch! Genau so urplötzlich traf mich ein Schmerz an der Innenseite vom Schenkel, an der linken Wade. Doch liege ich nicht im Heu. Um mich herum hat auch keiner eine Brand-, Schlag- oder Stichwaffe. Ich bin beim New York City Marathon. Kilometer 25. Wadenkrampf. Der Muskel ist völlig blockiert. Die Kontraktion löst sich nicht. Der Wettkampf ist beendet. Der Wettkampf ist beendet, aber der Krampf weiss das nicht. Der macht weiter. Schmerzen! Ich gebe auf, nicht so der Krampf. Dehnen bringt’s auch nicht wirklich. Ich hinke weiter auf der unteren Ebene der Queensboro-Bridge, von Queens rüber nach Manhatten. Da will ich dann über die Abschrankung abhauen und mich ins Hotel verziehen. Der logische, der einzig mögliche Plan. Das Problem: Als ich die Brückenrampe runterkomme – Dämmerung. Nicht wie die romantische Morgendämmerung. Nein, in meiner Birne dämmert’s. Bei der Abschrankung ist kein Durchkommen. Tausende Zuschauer. Ein riesen Zirkus. Gekreische. Zum Glück und wie gerufen ein Sanitätszelt. Ich gehe rein und – und bereue auf der Stelle. Ich will zu Mami.

Eine Schwarze von der Gewichtsklasse, das gibt’s sonst nur bei der Handelsmarine: Bruttoregistertonne. Ich weiss, Afro-Amerikanerin, die korrekte Schreibweise. Nur, wer dieses Monster gesehen hat, der denkt nicht an ordnungsgemässe Wortwahl comme il faut. Der hat Panikschübe nicht zu knapp. Ich erkenne den Gesichtsausdruck; sie schaut drein wie Mike Tyson als er Holyfields Ohr abbiss. Tyson’s Mutter! Mein Hirn sucht ein Überlebensmuster – vergebens! Die frühstückt täglich zwei, drei solche wie mich, bin ich mir sicher. Morgenessen ist zwar schon durch; es beruhigt mich wenig, denn sie umklammert bereits meinen Arm mit ihrer Pranke. Und schon liege ich – „Mami!“ – auf dem Schragen. Nach zehn unromantischen Minuten mit schmerzvollen Kneteinheiten, kann ich wieder gehen. Hinkend, aber es geht. Ich bin so froh, bis mir in den Sinn kommt, womöglich hat sie mich nur nicht aufgefressen, weil meine Wade zu zäh zum Reinbeissen war. Erst ‚mal geniessbar kneten, dann dran knabbern, oder wie? Drum schleunigst und dankend verabschiede ich mich; verschwinde bevor sie wieder Appetit kriegt.

Vor zwei Stunden ging’s im New Yorker Stadtteil Staten Island, am Fusse der Verrazzano-Narrows-Bridge, Richtung Brooklyn los. UNO-Generalsekretär Kofi Annan hat uns auf die 42 Kilometer durch die fünf Stadtteile geschickt. Kofi Annan war’s. Ban Ki-moon ist nämlich Sekretär des südkoreanischen Präsidenten für Äusseres. Und wir sind im Jahr 1998. Ich laufe meinen ersten, einzigen und letzten Marathon. Ab Kilometer 15 mit persönlichem Begleiter: Muskelkater, immer stärker. Bei Kilometer 25 dann ein Schmerz im Bein, genau damals wo ich mir mal die Haut am Auspuff vom Töff versengte. Dabei lag ich übrigens nicht im Heu, sondern fiel schlicht und einfach auf meine Fresse. Und mein Mopet fiel auf seine Fresse. Kam aber mit dem Auspuff, den ich durch artgerechtes Angasen tüchtig aufgeheizt hatte, direkt auf meiner Wadenmuskulatur zu liegen.

Gelähmt durch Wadenkrampf, musste ich mich zehntausendmal überholen lassen, bis ich im Central Park gedemütigt die Ziellinie querte. Ich erreichte nämlich tatsächlich das Ziel. Rang 12593. Mein persönlicher Begleiter, der Muskelkater, war mein Verbündeter. Er wurde nämlich so schmerzhaft, dass ich zum Schluss nicht mehr fühlte, welches die verletzte Wade sein könnte. Da gab’s nicht mehr Ober- und Unterkörper. Es gab nur Oberkörper und unterm Bauchnabel Schmerz. Treppenlaufen unmöglich. Das war mir aber egal. Mir war alles so etwas von scheissegal. Bis ich bei der U-Bahn ankam. Weder Lift, noch Rolltreppe. Da geht’s nur die Treppe runter. Wie gesagt und ohne Scheiss: Das ging nicht mehr. Ich war gehindert, behindert, gehbehindert. In einem unbeobachteten Moment, kletterte ich irgendwie mit den Armen am Handlauf runter. Wie der Affe am Kletterbaum. Der kriegt dafür eine Banane. Ich Idiot habe für den Mist auch noch bezahlt. Tragisch. Die nächsten zwei Nächte werde ich vor lauter Muskelkater nicht durchschlafen. Tagsüber geht’s noch einigermassen, da kann man Bier saufen. Alkohol hilft nicht direkt, aber er lindert.

Die Rechnung ging also nicht auf. Mein persönliches Ziel, einmal einen Marathon würdevoll durchzulaufen, war kläglich gescheitert. Mir war klar, mich revanchieren zu müssen. Nur einmal. Einmal einen Marathon mit Anstand zu vollenden. Es geschah tatsächlich und perfekt, Monate später in Biel.

Persönliches Ziel erreicht. Punkt! Schluss! – Falsch!

Beim Biel-Marathon sah ich die Teilnehmer vom 100er. Beobachtete die; studierte sie. Mir wurde sofort bewusst, wie bescheuert ich sein musste, als ich mich meinen Freund fragen hörte: „Begleitest du mich nächstes Jahr als Coach beim Bieler?“ Und der Depp, der blöde, sagte auch noch ja. Weitere Marathons folgten, et cetera, et cetera.

Zwölf Jahre später, stehe ich wieder am Fusse der Verrazano-Narrows-Bridge. Da wo alles begann. Am Start zum New York City Marathon. Ich habe hier eine alte Rechnung offen; sie wird heute beglichen. Hoffentlich! Und die Start-Predigt hält nicht Kofi Annan. Es ist Michael Bloomberg, New Yorks Bürgermeister.

Arscheskälte bei zwei bis drei Grad. Ich trage zwei Lagen Bekleidung zum Wegschmeissen bevor’s los geht. Die drei Startsektoren sind umzäunt. Wer 45 Minuten vor dem Start nicht drin ist, muss warten, bis der Start der ersten Welle erfolgt ist und hinterher laufen. Wer drin ist, kann nicht mehr raus. Über den Zaun klettern oder sonst wie bescheissen? Vergiss es. Ankündigungen zeugen vom baldigen Lossprinten: European Champion Wigdr Roslin (Viktor Röthlin) wird vorgestellt (kennt keiner), andere Weltklasseläufer (kennt keiner) und dann der grosse Meister: Haile Gebrselassie – Applaus von der Menge!

Die Lautsprecher zitieren Sinatra: „Start spreadin’ the news, I’m leaving today, I want to be a part of it…“
Die Lautsprechen gehen aus und 45000 schreien: „…New York, New York!“
Die Lautsprecher kommen wieder (weil wir nicht singen können, höchstens blöd grölen und schon gar keine Texte kennen): „These vagabond shoes, are longing to stray. Right through the very heart of it…“

Wir wie bekloppt: NewYoooooork, NewYoooooork!

Die Hängebrücke hat eine Spannweite zwischen den Pfeilern von 1300 Metern und ist zweistöckig. Die oberen beiden Fahrbahnen und eine der unteren sind für den Verkehr gesperrt. Und wenn nach fünf, sechs Kilometern alle drei Wegstrecken auf eine einzige zusammengeführt werden, haben sich die Felder bereits so auseinander gezogen, dass ein flüssiges Laufen auf der gemeinsamen Strasse für jedermann möglich ist. Wer in London, Paris oder Berlin läuft, kann da nur von träumen. Ich laufe viel zu schnell, denn auf der Brücke, mit 70 Metern überm Meeresspiegel auch die höchste Steigung vom Marathon, pfeift der Wind lausig kalt. Die gemessenen liederlichen Temperaturen fühlen sich noch liederlicher an.

Mir läuft es prima, denn diesmal war die Vorbereitung auch nicht gut, weil gar nicht vorhanden. Aber die Routine nimmt mir die Sorge. Und so beim Sprinten durch Brooklyn fällt mir ein, hätte ich damals keinen Wadenkrampf gekriegt, ich wäre womöglich nie mehr einen zweiten Marathon gelaufen. In meiner Birne läuft ein Film ab. Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller: Ich. Titel: „Blöd laufen!“, oder: „Blöd gelaufen!“ (o.ä.). Jedenfalls ist es ein Dokumentarfilm und ich baue mir dabei meine Marathon-Top-Ten-Liste.

Platz 10: der König der Schweizer Bergläufe – Swiss Alpine Marathon
78 Kilometer, davon ein Drittel im hochalpinen Gelände. Brücken, Viadukte, Schluchten, Berghütten und knifflige Single Trials. Auf einem Motivationsplakat eines Zuschauer las ich ‚mal nüchtern und treffend: „Run hard or go home!“

Platz 9: der Geheimtipp – Lausanne Marathon
Auf der einen Seite die waadtländer Weinlagen, auf der anderen der Genfersee und die Savoyer Alpen. Sehr schön. Trotz leichten, langgezogenen Anstiegen immer gut für eine persönliche Spitzenzeit.

Platz 8: Tausend und ein Nacht – Istanbul Marathon
Das Historisch-kulturelle beeindruckt. Der Blick von der 64 Meter hohen Bosporus-Brücke. Das Panorama dem Bosporus entlang und am Marmara-Meer begleitet einem die halbe Wegstrecke. Byzantinische Paläste. Moscheen. Zum Schluss eine Steigung wie beim Berglauf – mein lieber Mann! Die Bosporus-Brücke ist normalerweise für Fussgänger gesperrt. Selbstmordgefahr. Hat einer 2009 prompt ausgenutzt und ist beim Marathon übers Geländer in den Tod gehechtet. Nicht gewonnen, aber erster am Ziel.

Platz 7: der Längste – Swiss Jura Marathon
350 Kilometer Panoramalauf in einer familiären Organisation. Alle landschaftlichen Highlights des Schweizer Jura werden angelaufen… und da kommt dann schon einiges zusammen.

Platz 6: der Traditionsreichste – Boston Marathon
Seit 1897 wird hier Marathon gelaufen. Der älteste Neuzeitmarathon und zudem der schwierigste der grossen Stadtparcours. 350 Höhenmeter. Jeder Langstreckenläufer muss einmal über den Heartbreak Hill gerannt sein. Die überlegene Leistungsfähigkeit weiblichen Mundwerks ist sprichwörtlich und bekannt. Was aber beim Girls-College von Wellesley abgeht, das schockt den abgebrühtetsten Chauvinisten. In diesem Streckenabschnitt kommt als Verletzung nur Tinnitus in Frage.

Platz 5: der Schwierigste – Napf Marathon
Technisch schwierigste Single Trials verlangen einem alles ab. Und es grüsst das Panorama der Berner Alpengipfel-Gilde. Kaum Publikum, aber ausgerechnet da, wo ich eine steile Bergwiese runterpreschte, sassen einmal zwanzig Wanderer und gafften. Anschauungsunterricht in Physik zum Thema Längsbeschleunigung. Objekt: ein innen noch sämiger, aber an der Oberfläche von der Sonne knusprig gebackener Kuhfladen. Da trete ich im Vollgalopp drauf. Die Schuhsolle entwickelt auf der Stelle die Geschwindigkeit des Lichts. Sie katapultiert sich nach vorne. Ich kann ihr nur mit Überschlag folgen. Die Wanderer waren begeistert.

Platz 4: der Märchenhafte – Venedig Marathon
Zu Beginn idyllische 20 Kilometer dem Kanal der Brenta entlang. Dann mal was anderes: fünf Kilometer pfeifengerade auf dem Damm durch die Lagune. Zum Schluss vier abwechslungsreiche Kilometer an der Stätte Casanovas Wirkens und Handelns. Kulisse: einmalig!

Platz 3: der Schönste – Jungfrau Marathon
Ein toller Berglauf. Es gibt viel Stimmung an der Strecke, eine perfekte Organisation und zum Schluss Eiger, Mönch und Jungfrau als Spalier.

Platz 2: der Lustigste – Le Marathon des Châteaux du Médoc
Fun and Run. Wein und Schlösser. Der Lauf durch die Weinberge des Médoc mit den 22 Weinproben ist auf 8000 Läufer beschränkt und hat Kult-Status. 7000 kommen ins Ziel. Wenige nüchtern. Und Unter-3-Stunden-Läufer können schon mal ausgebuht werden.

Number One – Gondo Event
Familiär wie der Swiss Jura Marathon, schwierig wie der Napf Marathon, schön wie der Jungfrau Marathon, hart wie der Swiss Alpine. Perfekt organisiert. Im Ziel keine Medaille, aber Muskelkater vom Arschbacken-zusammenkneifen angesichts der Abgründe am Wegesrand. Historische, abwechslungsreiche Trials auf dem Stockalperweg über den Simplon und am nächsten Tag wieder zurück nach Gondo.

Zurück nach Brooklyn, der Teufel ist los. 41 Kilometer lang wird das so sein. Nur bei Meile 10 ist tote Hose, im Judenviertel. Nicht dass da keine Zuschauern wären. Da gibt’s welche; sie beobachten lautlos, wie bescheuert wir aussehen, wenn wir durchs Quartier hetzen. Selber bescheuert, denke ich: Die Ringellöckchen und die nicht getrimmten und um so hässlicheren Vollbärte. Was beim Taliban beknackt aussieht, macht andere auch nicht sexy. Im Gegensatz zu mir, etwas später lese ich auf einem Schild „runners are sooooo sexy!“ Jaja, Ahnung hat sie, die fesche Amerikanerin.

Nach dem Halbmarathon wird Queens erreicht. Wenig später, nach der Queensboro-Bridge, habe ich meinen emotionalen Moment. Am Eck, wo das Sanitätszelt steht. Ob die Bruttoregistertonne auch wieder mit dabei ist?

Schnurgerade, kilometerlang liegt die sechsspurige First Avenue vor einem. Tausende auf der Strecke vor mir. Genau so viele stehen hinter der Abschrankung. Sie geben uns den Takt vor, verdammt laut, aber völlig falsch. Gemäss Takt müsste ich viel schneller sprinten. Ich laufe aber strikte gemäss Vorbereitung. Von Vorbereitung kann man bei mir aber nicht sprechen, genau so wenig, wie man bei dem was ich hier tue von laufen spricht. Passt also. Ums mal realitätsgetreu zu schildern. Der, der mich jetzt gerade überholt, hat zwei Kohlenfaser-Unterschenkel-Prothesen. Und einer mit „nur“ einer Prothese, hat mich bereits vor anderthalb Stunde stehen lassen. Klingt unglaublich, ist aber mit dem Zielfilm beweisbar.

Andere einbeinige Teilnehmer gehen an Krücken. Zwar nicht so schnell. Marschtempo. Der Hammer! „You-can-do-it“-Mentalität. Die geht bei einem Handbike-Piloten aber etwas zu weit. Er hängt bei Meile 3 bereits schief in seinem Sitz. So überfordert, er lässt jeden vollgefressenen Hunderfünzigkilo-Amerikaner beim Herzinfarkt frischer wirken.

Der New York Marathon quert alle fünf Stadtteile, drum geht’s zuoberst in Manhatten über den Harlem-River in die Bronx. Der einzige Stadtteil, der nicht auf einer Insel liegt. „Welcome in the Bronx!“, grüsst mich ein Afro-Amerikaner auf der Brücke freundlich. Anderswo in dieser Stadt ist das nicht so, da hauen schon mal Schwarze Weisse rot, grün und blau. Die Bronx ist an dieser Stelle heruntergekommen, hinterlässt ein schäbiges Bild. Daran wird gearbeitet; es hat viele Baustellen. Ein Tummelplatz von Generalunternehmungen für Wohnbausanierung.

Also nicht schade, wenn’s bald wieder Richtung Süden, zurück nach Manhatten geht. Die Fifth Avenue runter, oft an mondänen Backsteingebäuden oder Art Déco-Appartmenthäusern vorbei, entlang und später in den Central Park hinein. Elefantenfurz, Pferdepisse und Affentheater. Letzteres bezieht sich auf die Zuschauer, das andere auf den Geruch. Der Zoo liegt ganz in der Nähe. Es stört nicht, denn man weiss nun, dass das Ende nicht mehr so weit sein kann.

Ein Schild: „These pants make your butt look fast!“ Typisch Frau, guckt mir auf den Arsch und meint ich sei schnell. Achtete sie auf meine Beine, die Wahrnehmung wäre die gegenteilige. Die daneben imponiert mehr: „Bier this way!“ mit einem Pfeil der Richtung Ziel zeigt. Die letzten drei Hügel im Central Park fordern mir nichts mehr ab, weil ich nichts mehr habe, was abgefordert werden kann. Nicht vorhanden Reserven längst verbraucht. Ofen aus. Beine leer. Schnauze voll. Die letzte Steigung. Im Ziel.

Nach zwölf Jahre schliesst sich der Kreis an der Treppe zum U-Bahn-Stollen. Niemals hätte ich damals gedacht, dass ich mir 42 Kilometer zu Fuss ein zweites Mal antun würde. Und heute? Ich kann sogar freihändig die Treppe zur U-Bahn hinuntersteigen. Zwar steif aber okay. Ein nennenswerter Zufall ist, so stelle ich zu Hause fest, heute lief ich auf die Minute gleich schnell wie hier im November 1998.

Und wie sich der Kreis so am Schliessen ist, wird mir auf einmal bewusst, dass ich soeben meine Marathonkarriere beendet habe. Was ich dabei nicht wusste, ich war heute einmal schneller als Haile Gebrselassie. Haile wird seinen Rücktritt auch heute, aber später, zum grossen weltweiten Bedauern, bekannt geben. Er kann nun seine Memoiren schreiben. Und ich? Ich schrieb Erfahrungswerte von der Langstrecke, wie andere Kochbücher, was nu?

Johann Lafer schrieb zum Beispiel: „Der Kulinarische Weinberg“. Und ich vom „kulinarischen Marathon im Weinberg“. Oder: „Meisterhaft gewürzt im Handumdrehen“. Bei mir eher: „Meisterhaft gestürzt mit Halsverdrehen“. Lafer: „Traumhafte Rezepte für jeden Anlass“. Ich: „Alptraum bei jedem Anlass“. Und Paul Bocuse‘ Pfannenbibel heisst: „Le Feu Sacré!“ Das heilige Feuer. Heiligtümmer gibt’s auch beim Marathon. So wie sich Astralis, die Heimat der zu den Sternen entrückten Seelen über dem Irdische abhebt, so hebt sich über allen Marathonläufe dieser Welt, auch über den zehn oben genannten, einer ab. Unser aller heiliges Feuer. Der heilige Gral des Langstrecklers. Der New York City Marathon!

Wobei – mit den heiligen Feuern, ist das so eine Sache. Bei Bocuse‘ „Feu Sacré“ erfährt man, der lebt mit drei Frauen zusammen. Gleichzeitig! Dazu unterhält er drei Haushaltungen. Nun, dreifache Aussteuer ist nicht das Problem, denn der ist Millionär. Aber – beim heiligen Feuer – der hat Jahrgang 1926. 84 und drei Weiber. Besser gesagt: 84 TROTZ drei Frauen! Das ist wie Ultra-Marathon, aber ohne Rast, ohne Schonung. Übermenschlich. Und der behauptet sogar, er tue das, wovon andere Männer träumen. Im Alptraum, oder wie?

Trotzdem ist mir eingefallen, es könnte eine Option sein, in Folge beendeter Marathonkarriere mit Laufberichten aufzuhören und stattdessen im Alter auf Kochbücher umzusteigen. Das Thema Ausdauer im Zusammenhang mit Essen erörtern. Wenn kauen so anstrengt wird wie laufen und auch so lange dauert. Marathon am Mittagstisch. Wenn der letzte Zahn, anstatt im Kiefer, im Schnitzel stecken bleibt. Wenn es einfacher ist barfuss zu laufen, als barkiefer zu beissen. Ohne Schuh und ohne Zahn, bist du gleich ‚mal doppelt lahm. Nicht „Lederstrumpf“, „Lederschnitzel“ die Devise. „Al Dente für 84-jährige – sprich: Allerlei von Apfelmus bis Haferbrei“, mein erster Buchtitelvorschlag.

Und alle meine drei Frauen, Josephine, Hilde und Bertha – liebevoll „die drei Damen vom Grill“ genannt – könnten mir dann meine Lektüre vorkochen. Denn – im Ernst – romantisches Gesülz, Bettgeflüster und Erotik mit 84: Pfui Teiwel! Habe nicht vor, mit dem Anstrengendsten, was man angezogen tun kann, aufzuhören, nur um mit dem Anstrengendsten was man ohne Kleider tut fortzufahren. Zuviel Stress. Besser wir kochen. Also, sie kochen; ich koste. Das Problem dabei ist, mit Gekochtem aus meinen Rezeptbüchern wird kaum einer 84.

Na dann: Mahlzeit!

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