Koş Mehmet, koş!

LSVB-Ausflug am 21. Oktober 2001: Lausanne. Mustafa Madak beendete den Marathon in 3 Stunden 09. Er ist offiziell 52 Jahre alt, inoffiziell 54. In Anatolien nimmt das die Behörde nämlich ganz genau. Du bist dann geboren, wenn dich dein Vater meldet und wenn er halt erst nach zwei Jahren einmal zufällig in der Bezirkshauptstadt beim Einwohnermeldeamt vorbei geht, dann bist du halt nicht 1947, sondern – in unserem Fall – am 5. Januar 1949 zur Welt gekommen. In der Sache gibt es unterschiedliche Aussagen. Wie das genau war, daran erinnert sich auch Mustafa nicht, der war noch zu klein. Genaue Recherche aus allerlei Gründen unmöglich. Es bleiben in der Sache unzählige Rätsel. So auch der Mustafa heisst nicht Mustafa, nämlich Mehmet heisst der. Und nicht Madak, aber Polatli. Und um die letzten Klarheiten zu beseitigen: Mustafa ist 1948 geboren, Mehmet exakt 1947-1949.

Wenn sich dein Hausarzt ärgern könnte, weil du nicht solltest, aber trotzdem Langstrecke läufst, dann rennst du halt mit Künstlername inkognito. So machte es Mehmet, aus Mehmet ward Mustafa, aus Jahrgang 47-49 ward 1948. Habe ich auch schon gemacht. In St. Wendel war’s, Halbmarathon: Andy Razimotti. Nicht dass mein Orthopäde beleidigt gewesen wäre, weil ich da mitlief. Aber ich war dermassen untrainiert und wollte auf weitsichtige Weise verhindern, dass mich jemand vom LSVB auf der Rangliste finden können würden täte. Hat prächtig funktioniert. So wie der Postversand aus St. Wendel klappt. Alle Jahre liegt in meinem Briefkasten die Ausschreibung der nächsten Austragung, adressiert an Andy Razimotti, Lauwil/Schweiz. Razimotti übrigens in Anlehnung an Ramazotti, wohl gemerkt nicht Eros, sondern das Getränk Ramazotti. Das ist gar nicht so weit her geholt. Carlo Pedersoli wählte seinen Künstlernamen nach seinem Lieblingsschauspieler Spencer Tracy: Spencer. Und zum Vornamen wählte er Bud, weil Carlo Pedersolis Lieblingsbier war Bud(weiser). Bud(weiser) Spencer, wie geil ist das denn?

Meinen Jahrgang musste ich auch schon mal faken. Beim Lauwiler Dorflauf die Distanz drei Runden, aber ab einer gewissen Alterskategorie durfte man da früher nur noch zwei Runden sprinten; ich wollte aber drei. Also machte ich mich jünger. Übrigens, eine einmalige Gelegenheit zur Verjüngung habe ich mal ausgelassen. Adressänderung bei der BILLAG, ein Duell am Telefon gegen die geballteste Ladung komprimierter Inkompetenz mit intellektueller Minimalkonfiguration. Nach zehn Minuten den gebrochenen Nerven nahe, war ich im Computer-System endlich von Allschwil nach Lauwil umgezogen. Doch dann kam die letzte Frage. Kein Scheiss, was jetzt kommt ist wahr. Besser du setzt dich erst hin. Das dümmste aller blinden Hühnern fragte… Achtung: jetzt ganz stark sein… Sie wollte wissen, ob das Geburtsdatum gleich bleiben täte! (Und ich Trottel sage ja.)

Zurück zu Mustafa. Mehmet Polatli war im 2001 in etwa so alt, wie ich heute. Wir liefen gemeinsam in Lausanne unter die 3 Stunden 10. Ich, heute so alt wie Mehmet damals, bräuchte eine Stunde länger. Gut, Mehmet prästiert das auch bei weitem nicht mehr, aber erstens ist er 68 oder 70 Jahre alt und zweitens hat er zwei künstliche Kniegelenke. Mehmet speicherte im 2012, schon arg von Arthrose gezeichnet, 21 Resultate in unsere Datenbank rein. 2013 20 Resultate. 2014 – die Arthrose arg schlimm – 30 Läufe absolviert. 2015 litt er so immens an Knieschmerzen, dass man ihm beim Laufen nicht zuschauen mochte. Es sah so schlimm aus, aber Mehmet lieferte unter grossen Schmerzen 30 Resultate ab, mehr wie jeder andere beim LSVB. 2016 folgte seine Künstlerpause und unser Leiden beim Hinsehen wurde endlich erlöst, denn Mehmet kriegte seine längst fälligen, künstlichen Kniegelenke. 2017 ist er bereits wieder vorne mit dabei in der Kategorie meiste Läufe beim LSVB. Dies‘ Jahr lief Mehmet 17 Resultate ein. Das Letzte stammt aus Frauenfeld. Da nicht der 10-Kilometer-Lauf, der Halbmarathon war’s auch nicht, Dede… ich meine Mehmet lief die ganzen 42 Kilometer.

Dede, so wird bei den Aleviten der Imam oder Priester genannt. Mehmet ist einer. Die Türken die das wissen, rufen ihn Dede. Was jetzt der Imam bei der hiesigen Aleviten-Gemeinde genau tut, kann ich nicht sagen. Jedenfalls es ist eine sehr angesehene Persönlichkeit. Ein Zeremonienführer, einer der sich um die Gemeinde kümmert und die ist im Raum Basel verdammt gross. Weil die Türken nicht alle so Sportskanonen sind wie Dede, wird schon mal der einte oder andere Patient vom Kardiologen. Rein zufällig kenne ich den obersten Kardiologen im Unispital Basel. Wird da ein Alevite notfallmässig eingeliefert, fängt dieser Kardiologe an mit Schwitzen. Er weiss, in den nächsten Stunden kriegt er einen Anruf von Dede, der in der Sache zum Rechten schaut. Nicht dass der berühmte Arzt Angst vor Dede hätte, schweisstreibend für ihn sind die schwierigen Versuche, das zugegebenermassen schlechte Deutsch Mehmets am Telefon zu interpretieren.

Der Imam in allen verschiedenen moslemischen Glaubensrichtungen stammt in direkter Linie von Propheten Mohammed ab. Mohammed hatte mehrere Kinder, anscheinend aber nur eine Enkelin die das Erwachsenenalter erreichte. Der Stammbaum nach ihr verzweigte sich anderthalb Jahrtausende lang in die Breite, bis ins Jahr 1949, als ganz hinten in einer dieser Linien, ganz hinten in Anatolien ein Hirte oder Bauer auf dem Einwohnermeldeamt ein Bübchen namens Mehmet-Ali, der 2 Jahre vorher geboren wurde, registrieren liess.

Ein Priester der Aleviten geht als Vorbild durchs Leben. Aber als Moslem ist bei Ramadan Langstrecke laufen doof. Du darfst nämlich tagsüber nicht essen, weil es ist ja Fastenzeit. Vor fünfzehn Jahren rannten wir von Aarau nach Liestal. Das sind 40 Kilometer. Es war Ramadan. Die 40 Kilometer kann man so auch nicht stehen lassen, denn dieser Aufsatz handelt ja von Dede. Dede lief auf nüchternen Magen erst von Pratteln nach Liestal, mit uns im Zug nach Aarau und erst dann kamen die geplanten 40 dazu. Imam hin, Ramadan her, oberhalb Hersberg war Dede platt. Ich gab ihm einen Mars-Riegel. Den ass er. Und Mohammed wird Dedes Unschärfe beim Ramadan zu verkraften gewusst haben. Seine Tagesleistung war der eines Nachfahren vom Propheten allemal würdig.

Zu viert in Ümraniye, das ist ein Stadtteil Istanbuls mit 2/3 Million Einwohner, gingen wir zwecks Bier in die Quartierkneipe. Dede hatte für uns die LSVB-Marathonreise nach Istanbul organisiert, war aber gerade nicht mit uns unterwegs. Die Einheimischen schauten mit stechendem Blick und vor allem misstrauisch, aber immerhin: wir kriegten Bier. Tags darauf die selbe Übung, allerdings unsere ganze Reisegruppe mit dabei und die Kneipe rammelvoll. Die Blicke waren nicht weniger misstrauisch, aber viel zahlreichere stech-blickende Augenpaare – und kein Platz für vier, geschweige denn alle zwölf von uns. Bis als letzter, wie immer zurückhaltend und unscheinbar Dede durch die Türöffnung trat. Ich muss zugeben, was dann geschah machte uns sprachlos. „Dede!“ Der Wirt kam zur Tür, küsste seine Hand, andere auch. Es war überwältigend. Die Kneipe voll, aber wenn du einen Dede mit dabei hast… Der Chef wies die Gäste an Platz zu machen. Die drei an die Bar. Zwei weitere an einen anderen Tisch. Drei andere sollen an jenen Tisch und die restlichen verteilten sich freiwillig, damit wir uns mitten drin an einer grossen Tafel gemeinsam hinsetzen konnten. Ab sofort wenn wir wieder dieses Lokal besuchten, egal mit oder mit ohne Dede, nur mit Sonderbehandlung und nur mit ohne Misstrauen. Wegen des Handkusses braucht keiner extra nach Istanbul zu fahren, man beobachtet die gleiche Respektbekundung, wenn man mit Dede in der Region das Lokal eines Aleviten betritt.

Die Wirtschaftslage in Hinteranatolien war und ist nicht das Gelbe vom Ei. Zudem – Aleviten sind geografisch und kulturell nahe den Kurden. Da kommt es auch schon mal zu Repressionen. Aus solchen Gründen wanderte Dede irgend wann mal da aus und in die Schweiz ein. Unsportlich, aber mit Asthma behaftet. Sein Arzt kannte die Lösung: Sport! Und Mehmet ging zum Sport. Jetzt rate mal: Fahrrad? Joggen? Schwimmen? Nein – Kampfsport! Nicht das von mir als Kampfsport bezeichnete Nordic Walking, weil sich die Sportler mit Stecken bewaffnen, aber immerhin mit Laufen verwandt wäre. Nein! Dede ging zum Karate.

Erst später folgte Laufsport und eine Karriere, die ihresgleichen sucht, begann. Klar, es gibt schnellere Läufer, aber mit einer Marathonbestzeit von unter drei Stunden hat Dede seinen Platz im Walhalla des Laufsports. Er ging auch schon mal samstags nach Zürich Bekannte besuchen – zu Fuss! Absolvierte Waffenläufe. Letztes LSVB-Wintertrainingslager (notabene 3/4 Jahr nach Montage künstlicher Scharniere in beiden Beinen) der einzigste der das volle Pensum von 130 Kilometer zurücklegte. Die zwei beiden künstlichen Kniegelenke lachten bei der Operation: „Hey, easy – bei einem 70-Jährigen, da können wir eine ruhige „Gelenk“-Kugel schieben!“ Dieser Schuss ging im wahrsten Sinne des Wortes nach vorne los.

Dede verläuft sich auch mal gerne. Sagt er, er wüsste wo man sei, dann werde ich nervös, weil er meint lediglich zu wissen, nicht da zu sein, wo man sein sollte. Einmal im Hunsrück unterwegs. Langstrecken-Etappenlauf. Geld, Handy, Trinkbehälter, Streckenbeschrieb mit Kartenausschnitt und Notfallzettel auf Mann waren Vorgabe der Übungsleitung. Obwohl im Forst des Schinder Hannes unterwegs, ein Dede läuft mit ohne alles. Und – wie angedeutet, verfehlte um 200 Meter unseren Mittagsrasttreffpunkt; er lief einfach weiter. Was nu? Das ist jetzt kein Witz: Dede hat uns im Hunsrück verloren. Er wusste nicht wo er war. Er wusste nicht wohin er sollte. Er kannte den Namen unseres Hotels nicht. Mit ohne Geld. Mit ohne Ausweis. Kein Telefon. Nix zu trinken. Sprachkenntnisse eher mit Händen und Füssen als mündlich. Dann gestürzt und eine Böschung runter gerollt. Nun fanden ihn zwei Deutsche.

Die drei konnten sich insofern verständigen, dass Dede mit deren Telefon in die Schweiz anrief. Er wies – ich meine sein Sohn war’s – an, sich auf der Webseite vom LSVB kundig zu machen, in welcher Ortschaft, in welchem Hotel unsere Laufgruppe abends übernachten täte. (Was damals galt, ist noch heute so: Bist du in Not, brauchst dringend Rat, dann ist www.lsvb.ch für dich parat.) Wir schauten jedenfalls doof aus der Wäsche, als wir am späteren Nachmittag im Etappenhotel ankamen. Denn da sass Dede mit dem älteren deutschen Ehepaar auf der Hotelterrasse bereits beim Bier und sie hatten eine Gaudi. Per lederausgestatetem Luxus-Cabriolet wurde er zum Hotel chauffiert. Das ältere deutsche Ehepaar verbarg in keinster Weise, dass sie mit Dede einen abwechslungsreichen, unvergessenen Nachmittag erleben durften – nichts ahnend, die ganze Zeit mit einem Dede verbracht zu haben.

Teşekkür Mehmet – alias Mustafa – Dede, Imam der Langstrecke. Koş!

5 Comments

  1. Sehr toller Bericht. Und an die Aktion im Hunsrück kann ich mich noch lebhaft erinnern.
    Und die Blumen für Basel-Lugano gebe ich gerne an Xavi weiter, denn der hat den Bericht geschrieben. Ich war in diesem Fall einfach nur der Intranet Redakteur, der das veröffentlicht hat.

  2. Wir haben so viele Trouvaillen im Verein, wow!
    Und zum Glück immer einen Schreiberling, der diese sichtbar macht wie hier Andy zu Mehmet, im November Christoph zum Marathon Man, im Oktober Jan zu Basel-Lugano etc. Danke euch und weiter so!

  3. Hört sich ja wirklich an wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht, aber wer Mehmet (und Andy) kennt, weiss, dass es wahr ist!
    Toller Bericht!

  4. Hoy Andy, da hast du ein weiteres Mal ein Musterstück deiner Erzählkunst abgeliefert. Châpeau!!! Mehmet ist und bleibt eine ganz spezielle Persönlichkeit. Du hast ihn wirklich treffend charakterisiert. Woher hast du denn all die Daten und Hintergründe?
    Ich gratuliere dir zu diesem aussergewöhnlichen Bericht, bei welchem ich beim Lesen einige Male laut herauslachen musste.
    Für das neue Jahr wünsche ich dir viel Glück und weitere solcher spannenden und lebhaften Berichte.
    Happy stories.

    Reini

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