Marathon du Vignoble d’Alsace

Der Alptraum hat einen Namen

Ein radikaler Anlass der Extraklasse, der eine aussergewöhnliche Vorbereitung fordert. Kein Trainingsplan findet sich im Internet, der hier anwendbar wäre. Es braucht einen Spezialplan, um den Marathon du Vignoble d’Alsace in Molsheim durchstehen zu können. Die mörderischen Anforderungen an den Wettläufer lassen sich vage zwischen den Zeilen in der Ausschreibung herauszulesen.

Kilometer  2 – Dorlisheim:        Bretzel & Sylvaner
Kilometer  5 – Mutzig:            Kougelhopf & Pinot Blanc
Kilometer  9 – Molsheim:          Choucroute & Riesling
Kilometer 14 – Ergersheim:        Tarte flambée & Rosé
Kilometer 18 – Dahlenheim:	  Saucisses grillées & Pinot Blanc
Kilometer 21 – Scharrachbergheim: Stolle confiture & Pinot Gris
Kilometer 26 – Marlenheim:        Pâtes & Pinot Noir
Kilometer 29 – Wangen:            Saucisses & Riesling
Kilometer 31 – Taenheim:          Fromage Munster & Gewürztramiener
Kilometer 37 – Dangolsheim:       Pâté en coûte & Pinot Gris
Kilometer 39 – Avolsheim:         Pain d'épices & Muscat
Kilometer 41 – Molsheim:          Mignardises & Crémant

Summa summarum ist bei Zielankunft eine Promille Restalkohol vergorener Traubenstärke im Blut kaum nennenswert. Und die Sauwettervorhersage droht mit 35 Grad im Schatten. Dass der Schatten auf dem Parcours durch nordelsässer Weinhänge nicht ums Verrecken ein Faktor sein wird, weil die Rebe eher ein Niederstammgemüse ist, versteht sich von selbst.
Bei der Vorbereitung nichts dem Zufall überlassend, haben wir dienstags nach dem Laufen immer fleissig in der Stadionkneipe Rankhof weiter trainiert. Lecker mit Bieren geübt. Nicht ganz dasselbe wie mit Wein, aber die Intensität und Anzahl Intervalle stimmten auf jeden Fall. Wir waren also parat und die Vorfreude zu diesem Gourmet- und Landschaftslauf riesig.

Pünktlich ertönte der Startschuss in Dorlisheim. Los ging’s, ab in die Geographie, in die Weinberge. Zwischen Reben hoch und runter, entlang baumgesäumter Flüsschen, durch mittelalterlich Stadttore im nördlichen Elsass. Es ist heiss; der Durst wird stärker. Zum Glück, denke ich, die Degustation wird so nur noch genüsslicher. Schliesslich, da vorne, ein Sonnenschirm. Der Weinstand bereits in Sicht, aber doch noch weit weg. Ich werde schneller, Durst und Lust grösser. Es gibt da ja auch frische Bretzel, hab‘ ich gelesen, drum das vorsätzliche Weglassen des Frühstücks im Hotel taktisch völlig richtig. Der Verpflegungsstand kommt immer näher. Bin fast da. Endlich, und …

Im Moment wo ich die Auslage sehe, trifft mich der Schlag. Ein Dutzend leergesoffener Flaschen, eine rollt auf dem Tisch hin und her. Die Helfer sind gehässig. Die Bretzen? Weggefressen. Da liegen nur noch angebissene Reste rum. Ich sehe wie Reto mit seinem Narrenkäppi schadenfreudig, kauend vom Stand wegläuft. Verdammter Mist, wir sind zu spät. Er hat eine Schneise der Verwüstung quer durch den Verpflegungsstand gefräst. Wie damals im Trainingslager durch das Tortenbuffet in der Konditorei von Ettenheim. Da sieht’s nach jedem Hurricane im amerikanischen Mittelwesten weniger bedenklich drein. Noch schlimmer wiegt: alles leer gesoffen! Ich kriege Schweissausbrüche vor Zorn. Mir wird schlecht. Kotzübel!

Ich öffne die Augen.

(?)

Schweissgebadet, betrachte ich die Zimmerdecke. Immer noch im Bett, erwache ich aus einem Alptraum der jämmerlichen Sorte. Nur geträumt. Aber schlecht ist mir immer noch. Das gestrige Abschlusstraining in der Rathauskneipe von Molsheim enthielt anscheinend zu viele Einheiten mit Fleur de Bière[1]!

In einer Stunde beginnt der Marathon. Aufstehen, duschen und noch drei Kilometer zu Fuss nach Dorlisheim zum Start gehen. Noch nie war mir vor einem Marathon die Strategie so eindeutig klar und bewusst wie heute: Passiere was wolle, ich muss vor Reto bei der Verpflegung ankommen!

Dass ich mir in dieser Verkleidung (links im Bild) saublöd vorkam, versteht sich von selbst. Als ich aber den Dreizipfelgemützten sah, ging’s mir schlagartig besser. Graziella trägt den Wetterverhältnissen angepasst hawaiianisch.

Pünktlich zehn Minuten zu spät ertönte der Startschuss. Zuvor fand ein Interview vom Regionalfernsehen mit unserem Technischen Leiter statt; das mag die Verzögerung erklären. Ansonsten verhält sich’s, auf dem Weg zur ersten Verpflegung, wie im geschilderten Traum. Da angekommen gibt’s ausreichend Sylvaner und Laugenbretzel, denn wir sind vor Reto am Ausschank. Darauf wird geprostet.

Wir laufen weiter. Graziella und ich. Reto ist nicht im Sichtfeld, weil hinter uns, aber in Hörweite. Akustisch kontrollieren wir die Distanz zu ihm, unserem gefährlichsten Widersacher. Allerdings, je wärmer es wird, je leiser wird er.

Einige Weinbergdurchschreitungen weiter erreichen wir Mutzig. Kougelhopf und Pinot Blanc. Wir sichern uns ein Glas und stossen an.
Reto läuft – der Alptraum hat einen Namen – als Till Eulenspiegel. Weiss-rot-blaues Käppi mit Glöckchen an den Zipfeln, blaue Laufklamotten und knallrote Birne. Der Wein scheint unmittelbar unter seiner Mütze zu verdampfen, so heiss ist’s ihm, wie allen anderen auch. Es ist erst halb zehn, aber schon achtundzwanzig Grad!

Molsheim wird bei Kilometer 10 zum ersten Mal durchlaufen. Es gibt Sauerkraut mit Riesling. Und ab geht’s nach Egersheim. Flammenkuchen mit Äpfel und Zimt frisch vom Ofen, dazu Rosé. Eulenspiegel hat langsam Mühe die Pace zu halten. Er dreht im oberen Drehzahlbereich. Langsam fühle ich mich sicherer. Teilweise von der Feuerwehr, oft von Privatleuten werden Wasserschläuche zu Duschen umfunktioniert. Unumgänglich bei dieser feuchten Affenhitze; es sollte aber zu wenig sein.

Bereits 18 Kilometer gespurtet, als unverschämter Grillduft vom Posten in Dahlenheim den Riechbolzen reizt. Kräuterbratwurst und Pinot Noir. Im Plan steht zwar Pinot Blanc, mir scheissegal und zwei Gläser kühlen Rotwein geschlürft. Die Bratwurst, etwas vom Besten was diese Zunft hergibt, drum fast eine ganze verspiesen. Unglaublich wie gut ein feingehacktes Kalb im Darm einer Sau schmecken kann. Mir geht’s immer besser.

Christa legt Rolf flach. Auf der Liege lässt er sich sein verletztes Knie in unnatürliche Positionen biegen, um uns nachher weismachen zu wollen, dass das wohl getan hätte. Ich nicke und denke: „Schon ziemlich besoffen!“

Was übrigens die Zusammensetzung des Verpflegungsplanes angeht, da gibt’s unterschiedliche Aussagen. Das hat a) damit zu tun, dass sich die Franzosen auf ihrer Homepage selber nicht einig sind, b) ist mein Erinnerungsvermögen so, wie wir es nicht einmal unserer hässlichsten Schwiegermutter wünschten. Man rechne c) die Hitze dazu und d) Ablagerungen von Traubensaft in der Hirnrinde. Da gibt’s unvermeidlich Abweichungen.
Nachträglich scheint aber eine recht gute Rekonstruktion gelungen zu sein. Und, wo’s genau Rosé gab und wo Pâté en croûte, ist auch nicht wirklich wichtig. Hauptsache es gab! Manchmal von Frauen in ortsüblicher Tracht serviert. Teilweise waren die Gewänder mit eleganten Stickereien züchtig bis zum Hals besetzt. Andere Trachten provozieren mit raffinierten Korsetts, die leider vergeblich drohten, gewaltige Busen oben aus den Dekolletés platzen zu lassen. Da wurde es teilweise schwierig, den Reto auch noch im Auge zu behalten. Ich kann ja nicht überall aufpassen!

Pinot Gris und Stolle au Chocolat in Scharrachbergheim. Halbmarathon und 0,5 Promille sind erreicht. Thermometer die diese Hitze aushalten, messen 35 Grad. Zwölf Uhr mittags. Mir geht’s wie Gary Cooper in High Noon. Mit Grace Kelly abhauen wäre auf jeden Fall schlauer. Doch der Depp blieb und kämpfte weiter – so ich. Das beweist einmal mehr, Helden werden nicht aus Mut und Ehre zu dem was sie sind. Es ist Blödheit.

Je älter, je blöder! Fällt’s mir ein, wie mich meine Mutter zu qualifizieren pflegte. Meine folgerichtigen Einwände, dass sie mir 24 Jahre voraus habe, machte sie wild, trotzdem: Sie war machtlos. Denn ihr Mich-verhauen-wollen scheiterte damals nicht an ihrem Willen, sondern an der Antrittsschnelligkeit und der darauf folgenden Endbeschleunigung, was später meine einzigartige Läuferkarriere begründen sollte.

Bei Marlenheim kann ich noch nicht besoffen gewesen sein, denn ich realisiere, dass dieser Weisswein nicht der angedrohte Pinot Noir ist. Serviert mit einem leichten Teigwarensalat mit frischen Tomaten von der Gutsherrin persönlich. Jetzt ist’s richtig heiss. Bei jedem Wassertrog muss Kopf, Hals und Arme gekühlt, unter jeder Dusche angehalten werden. Mit den nassen Hosen laufe ich mir zwar langsam einen mittelprächtigen Wolf, aber das ist das kleinere Übel.

Wangen, Kilometer 29: eine hervorragende Kräuter-Salami dazu Riesling. Danach zwei g’scheite Steigungen. Oben an der zweiten gibt’s die dringend benötigte Stärkung: Münster-Käs und Gewürztraminer. Die Pâté en croûte in Dangoldsheim war leider schon weg. Unsicherheit, ob Reto abgekürzt hat und jetzt vor uns läuft, wird mit Pinot Gris ertränkt.

Unterdessen ist die Situation so liederlich, dass die Sanität anderthalb Dutzend Läufer ins Spital einliefern musste. Nicht alkoholisiert, aber hitzegeschlagen. Der Organisator lässt mitteilen, dass das Rennen abgebrochen sei. Was keiner so richtig wahr haben will. Alle laufen weiter. Denn es ist heiss und wir haben Durst und es steht noch Crémant d’Alsace auf dem Menu. Bei Avolsheim gab’s den ausserplanmässig, weil anscheinend der Muscat schon leer war. Am Stadtrand von Molsheim, die letzte Degustation, nochmals ein Cüpli mit Crémant und Gelée-Konfekt vom Zuckerbäcker.

Für ein angeblich abgebrochenes Rennen herrscht immer noch reges Treiben. Anstandslos wird auf der Zielmatte die Zeit[2] gemessen und vor allem endlich! Denn nach all dem Wein, ist die Lust auf ein kühles Frischgezapftes nicht wegzuleugnen. Nach Empfang des Finisherpreises, einer Flasche Riesling – wie einfallsreich –, geht’s zielstrebig zum Bierstand.

Tout de suite, trois bière!!!, denke ich, formuliere aber: S’il vous plaît, trois bière!

Was bei mir mit dem Alptraum mit Namen Eulenspiegel begann, endete bei einigen mit dem Alptraum namens Hitzschlag. Von 434 Marathon-Säufern[3] sahen nur 382 die Ziellinie. Viele mussten mit der Ambulanz, zwecks stechen einer Infusionsnadel abtransportiert werden. Allerdings muss ich gestehen, so rot wie heute, war meine Rübe in diesem Leben noch nie.


  • [1] Gerne von Frauen getrunkener gebrannter, parfümierter Bierbrand. Pfui Teiwel! Wahrscheinlich erfunden um Schweissfüsse zu desinfizieren.
  • [2] Marathonbestzeit plus 2 ¼ Stunden!
  • [3] Dazu kommen 700 Halbmarathonläufer und 1000 bei den Kategorien 10K und Staffel.

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