Jungfrau-Marathon(s)

Doppelt gemoppelt!

Wollte ich hier vom Rennen eines Oberbaselbieter Wurzelstolperers berichten, dann wäre die Berichterstattung beendet, kaum hat sie begonnen, denn ich hatte am Samstag den jämmerlichsten Lauf absolviert, seit ich den Trick mit dem aufrechten Gang begriffen habe.

Weil es sich aber um den Jungfrau-Marathon handelt, ist trotzdem ein Berichtchen angebracht. Am Sonntag bin dann gleich nochmals gelaufen. Diese Möglichkeit bot sich, weil zum zehnjährigen Jubiläum zwei Läufe ausgetragen wurden. Um von Anfang den Wind aus euren Segeln zu nehmen, das hat damit zu tun, um die beschränkten Startplätze für die Läufer zu verdoppeln und nicht etwa, um die Startplätze für die beschränkten Läufer zu verdoppeln!

am Samstag:

Altbundes-Ogi hat sich als Ehrenstarter in Szene gesetzt. „Freude herrscht!“, hat er gerufen und dem Mikrophon erzählt, wie toll wir Läufer seien usw. bla – blablabla. Aber immerhin gehört er zum erlauchten Kreis grosser Sprücheklopfer, die es schafften, durch einen Ausruf, seinem Fall die herrschende Freude, Unsterblichkeit zu erlangen, so quasi auf der Ebene von JFK: „Ich bin ain Bölinää!“ oder Churchill: „No sports!“

Hätte ich wohl als schlechtes Omen deuten müssen, von der SVP auf die Strecke geschickt zu werden. Jedenfalls bin ich ab wie eine Rakete mit Rückenwind und Heimweh und beim Kilometer 10 lief ich mit 2 Minuten Vorsprung zur Zwischenzeit meines schnellsten Flachmarathons vorbei. Wenn einem so etwas während eines Lauf auffällt, dann kann das zwei Gründe haben. Entweder man ist sensationell gut drauf, oder man ist ein Riesenarmleuchter. Man glaubt zwar immer an ersteres, aber zu 99 Prozent bewahrheitet sich letzteres. Und früher oder später kommt man sich vor, wie wenn einem der Blitz beim Scheissen trifft und man büsst dafür, zu schnell gestartet zu sein.

Durch Volksfest-ähnliche Atmosphäre, mit Kapellen, Guggenmusik, Spalieren mit Kuhglockenschwenkern. Wie alle Jahre fasziniert mich das Publikum in Gsteigwiler. Ein kleines, abgelegenes Bauerndorf, wo die gesamte einheimische Bevölkerung für Stimmung sorgt. Dieses Jahr haben die Gsteigwiler noch einen draufgesetzt. Sie haben ein Festzelt aufgebaut. Mit aufgebaut meine ich auf die Strasse drauf gebaut, damit sie bei schlechtem Wetter im Trockenen dem Lauf beiwohnen könnten. Weil aber diese Festhütte grösser als die Strasse war, kam man daran nicht mehr vorbei. Auch kein Problem: Die Marathonstecke führte nämlich mitten durchs Bierzelt, na dann Prost.

Dann gibt es natürlich Alphornbläser und wieder Guggenmusik. Traditionsgemäss der Dudelsackbläser auf der Moräne und wenn die Hausfrau in Lauterbrunnen kein Instrument besitzt, dann steht sie halt mit zwei Pfannendeckeln am Strassenrand um Stimmung zu machen. Am meisten erstaunte mich aber der Fahnenschwinger in Wengen. Ich, an seiner Stelle, wäre ausreichend damit beschäftigt, mir nicht ständig die Fahne an die eigene Rübe zu hauen, doch dieser Alpenbewohner zählte während dem Fahnenschwingen noch lautstark die vorbeirennenden Läufer, Frauen und Männer getrennt wohlgemerkt, um ihnen den Zwischenrang mitzuteilen.

Ein weiteres Highlight in Wengen war Ändeli, der mir von seinem Bier abtrat, aber selbst mein geliebtes Doping zeigte keine Wirkung nicht. Bei Kilometer 36 hat Miriam ein wenig blöd geschaut als sie mich überholte. Das habe ich zwar kommen sehen, aber im Moment war ich auch überrascht, weil ich mich gerade mit Philosophieren ablenkte, mit Fragen wie „Sein oder nicht sein?“ oder „Wessen dämliche Idee das wieder einmal war?“. Zudem gab es eine Menge komischer Gestalten zu bewerten.

Amerikaner:
Zur Jubiläumsausgabe des JM konnte man eine Wunschstartnummer drucken lassen. Ein Amerikaner, der „I need beer!“ als Wunschstartnummer trug, hatte alle und vor allem meine Sympathien auf seiner Seite.

Holländer:
Das kann ich vom Holländer, der laufend mit dem Handy telefoniert, natürlich nicht sagen. Apropos, die Niederländer, die wo von sich behaupten, bei ihnen seien die Berche eben, die erkennt man am Tragen eines orangen Hemdchens, oft noch eines orangen Höschens dazu, die ganz guten haben noch ein oranges Käppi auf und wenn ihr denkt, man kann das nicht toppen, dann liegt das an eurem mangelnden Weitblick, denn es gibt, dazu passend, noch orange Laufschlappen inklusive Socken.

Belgier:
Das habe selbst ich noch nie gesehen, dass sich zwei Läufer während eines Rennens in die Wiese zum Sonnen legen. Belgier tun das.

Japaner:
Stoppen. Fotoapparat auspacken. Sich im Dreiviertel-Profil zum Eiger hochschauend von einem Zuschauer fotografieren lassen. Fotoapparat einpacken und weg.

Auf der Moräne, so bei Kilometer 40 läuft Matthias Hüppi auf mich auf und bei einem Verpflegungsposten überholt er mich. Nun ist es äusserst dümmlich, wenn man hinter einem Prominenten läuft, denn man hört hundert Mal Bravo! Hopp! Und wie gut und wie super der Hüppi oder der Matthias ist, aber keine Sau interessierte sich für mich. Keiner-liebt-mich-Stimmung kommt auf. Nachdem ich von Hüppis Spiessrutenlauf genug gesehen hatte und sogar das Verhaltensmuster der Zuschauer so gut kannte, um vorauszusagen, ob jetzt als nächstes ein Hopp Hüppi oder Bravo Matthias fällig ist, überholte ich ihn wieder.

Im Ziel herrschte erst einmal Panik. Ich hatte kein Geld dabei und mit Ändeli, der wo Geld dabei hätte, keinen Treffpunkt vereinbart. Ich war also so, rein virtuell, immer noch 42 Kilometer von Bier entfernt, obwohl ich direkt neben dem Zapfhahn stand. Nun zeichnet sich ein gutes Team durch die vereinte Intuition jedes einzelnen Mitgliedes aus, um das gemeinsame Projekt erfolgreich zu beenden. Und wie beim Basket Ball, wo sich die Spieler mit dem No-Look-Pass finden, so haben wir zwei uns gefunden, ohne uns zu suchen. Uns gegenseitig auf die Schultern geklopft und einander erzählt, wie gut wir sind. Das war zwar alles gelogen, aber die, die uns belauschten, konnten das ja nicht beurteilen und mit jedem Bier wurden wir eh noch besser.

Nun ist der heutige Lauf ziemlich in die Hose gegangen und wir mussten uns, wegen meiner misslungenen Strategie, dringend beraten. Ändeli, mein langjähriger Betreuer, hat sich an die graue Vorzeit, als es der Vorzeit graute, zurückerinnert und mir ein Konzept präsentiert, wie ich es bei meinen grossen Erfolgen gelebt habe. Das Fazit lautete: Back to the roots! Und unsere Wurzeln liegen nun mal in Bier, Wein, deftigem Essen, Single Malt und Zigarre.

am Sonntag:

Zum Start mit Muskelkater und müder Birne, die der hinkenden Motivation auch keine Abhilfe bot. Das mit dem Single Malt als Absacker war womöglich doch nicht das Gelbe vom Ei. Bei der Startaufstellung: Alle happy und voller Tatendrang, ausser mindestens einem mit grüner Startnummer und einer Leck-mich-am-Jungfraujoch-Miene. Grüne Nummer bedeutet Start Samstag und Sonntag. Wie gesagt, der Jungfrau-Marathon ist ein Volksfest auf 42 Kilometer Länge. Das Panorama und die Strecke ist schon okay, aber das Beste beim Jungfrau Marathon ist das Publikum. Das beste Publikum der Welt. Stundenlang stehen die Leute an der Strecke, lesen deinen Namen unter der Startnummer, sprechen dich persönlich an und flippen teilweise fast aus. Sie helfen mit Essen und Getränken aus und hie und da mit einem Spässchen. Es ist beeindruckend mitzuerleben, was die Leute alles für die Idioten, die am Berg hochlaufen, machen.

Heute ging’s dann gemächlich nach Lauterbrunnen, bevor es wieder überhängend in die „Wand“ geht. Und immer die Ambience geniessen. Die Zuschauer nehmen teilweise war, dass ich zum zweiten Mal laufe (grüne Startnummer!) und gehen, zur Genugtuung meiner Profilierungsneurose, speziell darauf ein. In Wengen wieder der Fahnenschwinger, aber heute laufe ich so weit hinten, dass er nur noch die Rangierungen der Frauen mitteilt – verständlicherweise, denn wen interessiert schon der tausendundzwiebelundneunzigste Läufer? Gestern war’s super Wetter, heute noch besser. Zu warm zum laufen, aber perfekt für die Zuschauer und die machen den Anlass zu dem was er ist und deshalb ist das gut so.

Und hoch zur Moräne, am Eiger-Gletscher vorbei. 1999 und 2000 war der Eiger-Gletscher im Nebel, aber beide Male konnte ich die Gletscherabbrüche hören. Ich hoffte natürlich, ich würde dieses Jahr dieses Naturspektakel sehen können; dem war nicht so. Nicht dass ich das nicht schon einmal gesehen hätte, das war wo ich noch ein jung‘ Bübchen war.

Wo ich noch ein jung‘ Bübchen war, das war um die Zeit, als Clint Eastwood und George Kennedy auf der Scheidegg den Film „Eiger Sanction“ drehten oder Reinhold Messner und Peter Habeler in Rekordzeit die Eigernordwand durchstiegen. Remember?

In „Eiger Sanction“ steigt eine Seilschaft durch die Nordwand der Nordwände. In einer Szene, fällt ein Bergsteiger ins Seil und bleibt genau vor einem Stollen in der Eiger-Nordwand hängen, wo er sich dann in Sicherheit bringen kann. Der mitdenkende Zuschauer, fasst sich an die Stirn und hält es für einen schwachsinnigen, hollywoodtanischen Drehbuchsautoreneinfall. Mit Nichten, in der Eiger-Nordwand gibt es tatsächlich diese „Fenster“ und zwar sind das Zugänge zum Tunnel der Jungfraujochbahn. Und tatsächlich sind diese Fenster bei den Bergsteigern bekannt, um sie in Bergnotsituationen zu nutzen und dazu gibt es auch eine Geschichte, die da stimmt, wie alles was in diesem Bericht steht.

Wie gesagt, ein Bergsteiger in Bergnot arbeitete sich zum Zugang der Jungfraubahn in der Eiger-Nordwand durch und begann den Fussmarsch im Tunnel talwärts. Nun liegt es in der Natur der Sache, dass zum Zeitpunkt des Tunnelbaus, um die vorletzte Jahrhundertwende, mit rudimentären Mitteln gearbeitet wurde und drum so wenig Fels wie nötig aus dem Berg gehauen wurde. Das hat zur Folge, dass die Jungfraubahn knapp, mit Ach und Krach und Müh und Not, in den Stollen passt, wie in das Kondom mit Ach und Krach und Müh und Not, derwelche reinpasst, der dazu bestimmt ist da reinzupassen. Wie nun der vom Berg genötigte Steiger zu Tal marschierte, kam ihm ein Zug entgegen. Kein Witz. Leicht vorstellbar, wie sich der Berg-Absteiger, sich in Sicherheit geglaubt, im Überlebenskampf wiederfand. Es ist mir nicht bekannt wie, aber der Alpinist hatte sich wohl irgendwie und dermassen mit dem Rücken gegen die Wand gepresst, dass er sich am Zug vorbei und zum Ausgang mogeln konnte – was hoffentlich in einem Kondom nicht passiert, dass sich etwas zum Ausgang durch mogelt.

Also, es gab keinen Gletscherabbruch. Bei einem Verpflegungsposten halte ich ein Schwätzchen mit den Helfern, die mir berichten, dass noch nicht viele vorbeikamen, die zweimal gestartet sind. „Das liegt daran, „vermelde ich, „dass nicht viele so dämlich sind!“

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