Ironman Italy

Präambel

Zu dieser Unternehmung liegen bereits äusserst interessante, individuelle Erlebnisberichte zweier Teilnehmenden – Anna Zehnder und Nicola Pini – vor. Der gemeine, sportbegeisterte Leser mag bei diesen präzisen, persönlichen Leistungsschilderungen überfordert und skeptisch gewesen sein. Darum folgt vom LSVB-Service-Center die vorliegende, abschliessende Zusammenfassung, eine Betrachtung aus der nötigen Distanz, mit sachlichen Bewertungen vorliegender Resultate.

Hänsel und Gretel, die gingen in den Wald und Nicola und Anna, die gingen an die Adria – aber ihre Geschichte ist kein Märchen: hier folgt ein Heldenepos.

Mein allererster

Mein allererster Triathlon, der fand in Cervia, bei der zweiten Auflage des Ironman Italy, statt. Wenn Ironman dabei steht, dann heisst das Triathlon für echte Kerle. Nicht die olympische geviertelte Übung, sondern die Langdistanz. Wer nachmisst kommt auf 3,86 Kilometer Schwimmen (im Meer, Wellen drum schwieriger), 180,2 Kilometer Rennradfahren (Windschattenfahren verboten) und zum Schluss 42,195 Kilometer laufen (auch mühsam). Das Ganze bei den handelsüblichen Temperaturen an der Adria im September – um nicht bei 27 Grad zu sagen – rundet die Bescherung eindrücklich ab. Wie gesagt, für echte Kerle, Ironmen und Iron-Ladies genannt. Drum dachte ich mir gleich, ich mach‘ da nicht persönlich mit. Der LSVB ist durch Anna und Nicola adäquat vertreten – das müsste reichen. Die können das viel besser. Meine Teilnahme soll sich aufs Betreuen beschränken. Dann fällt mir ein, die zwei beiden sind schnell, werden aber den ganzen langen Tag unterwegs sein. Schon tue ich betreuen bereuen.

Cervia liegt in der Emilia-Romagna – oberhalb Rimininini. Ich wusste sofort Bescheid. Tavullia ist auch in der Gegend. Tavullia ist die Heimat von Valentino Rossi – auch ein echter Kerl. Am Samstag steht Triathlon, am Sonntag ein MotoGP-Rennen im Kalender. Und falls ich mich nach meiner Durchhalteübung beim Betreuen bereuen bereits wieder auf den Beinen halten können sollte, werde ich am Sonntag nach Tavullia fahren. In Rossis Restaurant „Da Rossi“ essen, danach nebenan in Rossis Bar „Da Rossi“, mit Rossis Fan-Club, Rossis Motorradrennen am TV anschauen. Obwohl mich da keine Sau kennt, ich bin einer von ihnen. Ein T-Shirt mit der neongelben 46 reicht dazu. Drum ganz spontan und eigennützig hörte ich mich zu Nicola sagen, dass ich als Coach mit ihnen zum Triathlon fahre.

Damit ich Ahnung bekomme, Nicola soll mir mal seine Marschtabelle mitteilen:

  1. Schwimmen 65 Minuten (Bin mal die Seedurchquerung bei Wäggis geschwommen. Gut 3 Kilometer, knapp vor dem Absaufen nach 110 Minuten ans Ufer gekrochen.)
  2. Rad 5 Stunden (5 Stunden im 30er-Schnitt schaffte ich auch schon, aber ohne zuvor zu schwimmen. Nicola plant in der gleichen Zeit 30 km mehr und nachdem er zuvor eine Stunde lang, doppelt so schnell wie ich, nicht absoff.)
  3. Laufen 3 Stunden 15 Minuten (Auch das schaffte ich schon. Aber nicht nach 5 Stunden Rennrad fahre. Nach 5 Stunden Rad bin ich 30 km von Nicola entfernt und tot. Näher der letzten Ölung, als dem Gedanken mich auf allen Vieren, geschweige denn zweibeinig weiter zu bewegen.)

Ich ging von etwa 10 bis 12 Stunden aus. Er kommt jetzt und sagt gut 9 Stunden an. Erst bin ich höchst beeindruckt. Doch allmählich wurde ich neidisch und war beleidigt. Zurecht! Denn meine obigen Leistungen in Klammern waren alles Einzeldisziplinen zu meinen besten Tagen. Er macht alles miteinander und viel besser und schneller.

Von Anna kannte ich keine Marschtabelle. Aber im Nachhinein betrachtet, lässt sie mich genau so alt aussehen wie ihr Kollege.

Iron-Lady Anna

Sie stammt aus Biel, verfranste sich irgendwann nach Basel um Medizin zu studieren und ist gelernte Ruderin. Sie kam wegen des Lauftrainings zum LSVB, um sich für Triathlons frisch zu halten. Unsere Eiserne Lady bestreitet zum ersten Mal einen Wettkampf auf der Langdistanz. Sprint-Triathlons und Ironman-Halbdistanz hat sie schon ein paar beisammen, technisch hat sie’s also drauf. Doch hier steht ihr das doppelte Übel bevor, drum hat sie schon ein wenig Schiss – übrigens völlig zurecht.

In ihrer Haut stecken? Da steckt besser sie selber drin – nein danke! Mut ansaufen könnte helfen. Gute Idee, ich begann umgehend beim Pool-Wirt Anna Mut anzutrinken. Angesichts der Grösse ihrer Sorge dauerte dieses Manöver bis spät in die Nacht. Dann schwankte ich aufs Zimmer, legte mich hin und war bewusstlos. Nur, Annas Nervosität bestand fort, trotz meinen selbstlosen Bemühungen ihr Mut an- und Furcht wegzusaufen. Obwohl ich mein Bestes gab, bei diesem Thema muss ich mich noch steigern. Na dann: Prost!

Ironman Nicola

Er stammt aus Biel, verfranste sich irgendwann nach Basel um Medizin zu studieren und ist gelernter Ruderer. Das kam mir irgend wie bekannt vor. Da merke ich, das habe ich oben schon aufgeschrieben. Aber so war’s.
Nicola kennt die Zwillingsschwester einer Cousine von der Freundin des Vetters einer Freundin von der Drillingsschwester von Sandrine. Wie das genau war, frag‘ mich nicht, bei Abgottspons verlor ich schon öfters die Übersicht. Aber so kam er mit Sandrine in Kontakt. Dieselbige empfahl ihm dann den LSVB (Laufen Schwimmen Velofahren Basel) und da ist er heute. Wie gesagt, er kam nach Basel studieren. Seine Ruderkollegin Anna folgte ihm ins Studium nach und auch zum LSVB. Zum Triathlon musst du schon ein bisschen parat sein. 10 bis 12 Trainings die Woche, meint Nicola: Laufen, Rennrad, Schwimmen und Kraft. Ganz auf Augenhöhe mit mir: Laufen, Bike, Kraft und dann noch die paar Wirtshausbesuche geben bei mir auch zwölf Einheiten. Wir unterscheiden uns insofern, dass Nicola die ersten drei Disziplinen äussert intensiv bewirtschaftet – ich die vierte.

Schwimmen: Australian Exit

Nach 2 Kilometer nehmen die Triathleten den Australien Exit. Das heisst, die müssen da einen kurzen Landgang laufen und gleich wieder rein ins Meer und zu Ende schwimmen. Landgang kenne ich von Zeiten, als ich zur See fuhr. Und bei der Handelsmarine ist Landgang schon lustig (andere Attribute wären passender, kann ich aber nicht hier hinschreiben, sonst bricht wieder die Brandung der Welle der Empörung über die gebrochene Lanze des LSVB-Präsidenten), aber was der Landgang beim Schwimmwettkampf bringen soll, ist mir schleierhaft.

Die Adria war gemäss Reglement 0,3 Grad zu warm für den Einsatz von Neopren-Anzügen. Trotzdem war es erlaubt, weil: Quallenalarm. Blöd dabei, Gesicht, Hände und Füss‘ sind ungeschützt, aber Indianer und Ironmen kennen bekanntlich keine Schmerzen. „Nach einer halben Stunde kraulen, brennt der Quallenstich an der Hand fast nicht mehr.“, weiss Nicola zu berichten. Und Anna erfuhr zuvor beim Briefing, die Quallen täten schon sehr schmerzen, aber der Marathon hinterher noch viel mehr.

Qualleninvasion, da kenne ich mich aus. Einmal an der Strasse von Messina bei Affenhitze gleich rein ins herrliche Wasser. Beim ersten Meter sehe ich diese Giftbeutel durch die Schwimmbrille. Mir wurde bewusst sehr tapfer sein zu müssen. Drum Affe hin, Hitze her, nix wie raus hier. Beim Strandwirt gibt es auch Kühlung.

„Papperlapapp Quallen! Bin ich am Meer, gehe ich schwimmen!“, deklarierte Graziella. Von wegen Papperlapapp in Konjunktion mit Quallen: seit diesem Nachmittag geht die nur noch baden bei mehreren unabhängigen, übereinstimmender Zeugenaussagen Einheimischer, dass im Umkreis von 100 Kilometern, die letzen drei Monate keine Nesselviecher gesichtet wurden. Sie hat’s auf die schmerzhafte Tour gelernt, hat es Quallen, immer tapfer sein und direkt mit mir zum Strandwirt.

Radfahren: 2 Runden

Zuerst geht es ab ins Hinterland der Romagna, an den Becken vorbei wo Meersalz gewonnen wird. Flamingos haben hier ihren natürlichen Lebensraum. Nebst Flamingos, leben tausende andere Vögel in diesen Salzwasserbecken. Ich überlege, zehntausend Vögel scheissen wochenlang jeden Tag zehntausend Mal ins Salzbecken. Eine Schnepfe nicht, sie leidet an Verstopfung. Der Reiher gleicht das aus, er hat Dünnpfiff und scheisst gleich fünf Mal hinter einander. Irgend wann ist alles Wasser verdunstet. Salz und Vogelschiss bleiben zurück, werden zusammen gerecht, in lustige Döschen abgefüllt und teuer verkauft. Der gemeine Sternekoch schwört auf Fleur de Sel weil es nicht so ordinär schmeckt wie herkömmliches Tafelsalz. Du weisst jetzt warum. Na dann: Mahlzeit!

Nach ein paar Städtchen erreichen die Sportler die Hügel eines Weinbaugebietes. Da geht es den Berg hoch zum Wendepunkt in Bertinoro. So steil wie Sau, dass du locker neben Nicola und Anna mitlaufen kannst. Das heisst, ihr Tempo liegt bei 10 km/h. Wer Ahnung vom Rennradfahren hat, weiss selber, wie steil 10 km/h sind. Wer keine Ahnung vom Rennradfahren hat, der weiss es jetzt halt immer noch nicht.

Danach führt die Schlaufe zurück an die Küste. Nicola spulte bei dieser 180-km-Übung ein unglaubliches 38er-Stundenmittel ab. Torsten der Mathematiker, Johannes der Statistiker rechnen und denken: „Ja, wie jetzt? Den 10er-Schnitt aufwärts machst du abwärts locker wett.“

Auch wenn die viel besser rechnen wie ich: das stimmt so nicht. Hohe Geschwindigkeiten erreicht man abwärts, bis zum Bremspunkt vor der ersten Kurve. Besser man trifft diesen. Falls nicht, bewegst du dich für die nächste halbe Stunde mit Null Stundenkilometer vorwärts. Dann geht’s wieder sehr schnell, denn du bist mit der Ambulanz unterwegs. Schlussgefolgert: Nicola musste im Flachen mit bis gegen 45 km/h bolzen, um die 10 km/h vom Berg zu kompensieren.

Wenn ich mir all diese Triathlonisten betrachte, fängt’s mir ein wenig an zu stinken. Die haben ein Six-Pack, wo bei mir ein One-Pack thront. Die haben ein Waschbrett, ich da die Wäschetrommel. Die haben Muskeln an Stellen, da gibt es bei mir noch nicht mal Stellen. Einige kommen dann auch noch mit offenem Brustreissverschluss daher gefahren oder gerannt. Damit sich die Zuschauerinnen ungehindert satt sehen können. Das gelingt allerdings nicht. Die werden nicht satt. Wollen dem Waschbrett an die Wäsche. Sie glotzen je länger je mehr. Derweil steh‘ ich direkt neben einer Blondine, ziehe den Bauch ein, so fest und lange bis ich blau anlaufe. Doch zu mir schaut die nicht, andere auch nicht, eigentlich gar keine.

Zu meinem Glück kann man das nicht generell so sagen. Nicht wenige der Sportler haben ganz „normale“ oder sogar übergewichtige Staturen. Unspektakulär, teilweise so unspektakulär, dass es für einen Triathleten dann schon wieder äusserst spektakulär daher kommt. Man gerät beim Zusehen in einen gewissen Konflikt mit dem Gewissenskonflikt, welcher Sportler ist jetzt mehr zu bewundern, der Waschbrettler oder der Doppelzentner? Doch die kritische Frage, was bei dieser Wampe das teure Scheibenrad hinten noch bringt, dürfen wir nicht ungestellt lassen.

Bei den Triathlonösen ist für mich der Sachverhalt genau so überraschend. Sportlich durchtrainiert bis auf die Knochen, Gewicht-optimiert, mager und zu dünn – eher selten. Mal eine mollige. Meist aber eine weibliche Figur, Kurven wo sie hingehören – tipptopp, kann man nicht meckern. Bei Anna kommt der sympathische Seeländer-Dialekt dazu, er trommelt das Fell mit dem Hammer sanft gegen Ambos und Steigbügel, bis es da ankommt, wo’s als charmant ankommt, wenn’s ankommt.

Marathon: 4 Runden

So, jetzt kommt meine Spezialdisziplin. Die vier Runden empfinde ich persönlich als Vorteil, hoffentlich sehen das Anna und Nicola auch so, denn nur sie müssen in Cervia durch die Stadt, Altstadt und entlang des Lungomare laufen. Sie können sich die Viertel schön einteilen, kennen die Verpflegungsstellen, wissen wo man so tun muss, als ob man noch lächeln könnte, weil ich da stehen werde, um Fotos zu schiessen.

Alex Zanardi, ehemaliger Formel1-Pilot, seit einem Champ-Car-Unfall beinamputiert (beide Beine), kommt im Rennrollstuhl daher gebrettert. Ihn sah ich schon am Berg bei Bertinoro, da mit dem Hand-Bike und zwar ziemlich in der vordersten Gruppe der Radler. So lernen wir, ohne Hilfe unterer Gliedmassen schwamm der bei den Spitzenleuten, kam mit den ersten aus dem Wasser. Da übrigens von zwei Betreuern in die Wechselzone zum Hand-Bike getragen. Unterdessen beim Marathon hat er erstmals einen Vorteil; jetzt hat er’s einfacher als die Läufer.

Blöd, Nicola sehe ich gar nie beim Laufen. Blöd gelaufen. Denn er war erheblich schneller auf dem Rennrad als gedacht. Drum längst vorbei, als ich ihn an der Strecke abpasse. Hingegen Anna kam regelmässig vor meine Linse. Erste Runde: locker, nix vom Radfahren und Schwimmen davor anzumerken. Zweite Runde: lächelnd. Dritte Runde: etwas zäher. Vierte Runde, Kilometer 35, jetzt schaut sie endlich auch so aus der Wäsche, wie ich nach drei Stunden Marathon. Nur, sie ist ja nicht drei, sie ist unterdessen über zehn Stunden unterwegs.

Schluss und am End‘ sind Anna und Nicola überglücklich im Ziel und beide als überglückliche Zweitplatzierte ihrer überglücklichen Kategorien. Die 16 Stunden-Limite um Lichtjahre unterboten. Ironman ist relativ simpel: 15h59m59s = maximale Arbeitszeit, danach ist Feierabend. Wer 16 Stunden 0 Sekunden unterwegs war, um nicht zu sagen 1 Sekunde zu langsam, hat keine Zeit aber DNF in der Rangliste für Did Not Finish notiert. 2500 Sportler waren gemeldet. Einige sind erst gar nicht angetreten. Einige gaben auf. Nicht wenige verpassten die 16-Stundenmarke, so knallhart wie bitter. Trotzdem kamen unglaubliche 2069 Finisher-T-Shirts an den Mann und die Frau.

Fast wäre das der perfekte Tag geworden, wenn nur nicht beim Qualifying zum Grand Prix von Aragon (Spanien) Valentino Rossi vom Töff gefallen wäre. Jetzt muss der morgen von ganz hinten starten. Dieser Schuss ging nach hinten los. Letztlich ging auch noch bei Nicola ein Schuss nach rückwärts – eine Granate mit Schubumkehr, so ein gewaltiger Schuss nach hinten war das. Als ich den später treffe, hat er so ziemlich die Schnauze von Sport, körperlicher Anstrengung und Bewegung im Allgemeinen voll. Laufen und LSVB können ihm – durchaus nachvollziehbar – erst einmal. Will nichts davon hören, doch bei der Siegerverehrung kriegt er den Hinweis auf die grösste sportliche Herausforderung seines Lebens. Er hat sich für den Ironman der Ironmänner auf Hawaii, für die Weltmeisterschaft 2019 qualifiziert. Das Ganze dann bei den handelsüblichen Temperaturen am Pazifik im Oktober – um nicht bei 40 Grad zu sagen – rundet die Bescherung eindrücklich ab.

In diesem Sinne: Aloha Hawaii!

Iron-Lady Anna: zweiter Rang in der Kategorie, 662. over all

Schwimmen WZ1 Rad WZ2 Laufen Total
1h00m54s 6m41s 5h47m27s 5m28s 4h14m53s 11h15m23s

Ironman Nicola: zweiter Rang in der Kategorie, 79. over all

Schwimmen WZ1 Rad WZ2 Laufen Total
1h00m08s 6m15s 4h47m36s 3m17s 3h33m25s 9h30m41s

 

2 Comments

  1. LSVB Kleinanzeigen:
    Mehrere Packungen Fleur de Sel günstig abzugeben.

    • Liebe Katja: Im Sinne eines professionellen Web-Auftritts, magst du uns bitte noch die feil gebotenen Geschmacksrichtungen mitteilen (Schnepfe, Reiher, Strandläufer, Flamingo, Wendehals, Sumpfmoorhuhn, Salinene-Mitarbeitender, weiter Vögel wie Tiefflieger etc.)? Danke für deine Kooperation. Wir werden dann deine Ware zielgerichtet promoten.

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