Interview mit Peter Jud

Jud Peter Jud Peter

Wie kamst du zum Laufen?
Peter (lacht): Eigentlich weiss ich es fast nicht mehr.

Ist es schon länger her?
Peter: Nein, es ist nicht so lange her, ich begann vor fünf Jahren zu laufen. Plötzlich hatte ich diesen Bewegungsdrang, zuerst rannte ich alleine.

Hast du dir ein Paar Laufschuhe gekauft und bist losgelaufen?
Peter: Ja genau, ich begann zu laufen und ich setzte mir die Teilnahme am Stadtlauf als Ziel. In der Vorbereitung merkte ich, dass es viele Leute gibt, die sich kennen und dass es auch Laufvereine gibt. So meldete ich mich beim LSVB an.

Nahmst du an einem offiziellen Stadtlauftraining teil und wurdest so auf den LSVB aufmerksam?
Peter: Ja, das war zwei Wochen vor dem Stadtlauf. Der Stadtlauf war übrigens mein erster Lauf!

Worin besteht für dich der Reiz des Laufens?
Peter: Das ist ganz komplex und hat sich auch verändert. Am Anfang war es der Bewegungsdrang und ich wollte auch etwas für meine Gesundheit tun. Dann entdeckte ich schnell, dass es mehr ist. Ich begann mich dafür zu interessieren, was zwischen dem Kopf und dem Körper abgeht. Ich spürte, dass ganz interessante Dinge passieren, die weit über die Gesundheit oder über das Draussensein hinausgehen. Das interessiert mich jetzt immer mehr.

Also sozusagen das Zusammenspiel zwischen Körper und Hirn?
Peter: Vielleicht ist es etwas komplizierter. In unserer Gesellschaft unterscheidet man immer die zwei: Kopf und Körper. Das ist aber eigentlich nur eine Idee, die vielleicht mit der Wirklichkeit nicht so viel zu tun hat. Wenn man sich intensiv bewegt, merkt man, dass sich da noch ganz andere „Sachen“ abspielen. Zum Beispiel, dass der Körper selber eine Erinnerung hat, darum kann man ihn ja trainieren. Was passiert, ist schwer zu beschreiben, weil das in unserer Kultur nicht so eine Rolle spielt, da wir Kopf und Körper immer trennen und nicht als Einheit definieren.

Sag uns etwas über die Trainingsgestaltung
Peter: Die ist sehr unterschiedlich, je nachdem was ich mir für Ziele stelle. Jahrelang machte ich einen Frühlingsmarathon. Mit dem Vorbereitungsprogramm begann ich im Dezember mein Training zu steigern und trainierte meistens im Februar und März sehr intensiv. Ich merkte, dass es für mich besser ist, wenn ich im wöchentlichen Training möglichst langsam laufe eher weniger schnell als Gruppe zwei und dafür Tempoläufe alleine mache und zwar auf der Bahn mit der Stoppuhr. Nach dem Marathon machte ich mehr oder weniger bei den Vereinstrainings mit, nicht viel mehr.

Trainierst du nach einem Plan?
Peter: Ja, wobei ich den selber mache, indem ich irgendwie aus Büchern selber etwas zusammenstelle. Man muss da flexibel sein, und das machen wozu man Lust hat, sonst ist die Motivation nicht so da – gerade im Februar, wo das Wetter nicht so lässig ist. Im Moment bin ich auf der Suche nach neuen Zielen, von da her trainiere ich nicht wahnsinnig viel. Ich probiere einfach ins Vereinstraining zu kommen – wobei ich in den letzten Monaten nicht so oft kam. Aber ich möchte wieder regelmässig am Dienstag und Donnerstag mitmachen.

Läufst du lieber alleine oder in der Gruppe?
Peter: Ich achte darauf, dass ich neben dem Vereinstraining auch alleine laufen gehe. Longjogs an Wochenenden mache ich meistens alleine. Ich finde das sehr wichtig, dass man das macht, weil man wirklich auf sich hören und auch seinen Gedanken nachhängen kann. In der Gruppe ist es kurzweiliger, man lernt viele Leute kennen. Ich mache eigentlich beides sehr gerne.

Wie viele Kilometer läufst du pro Jahr?
Peter: Schwer zu sagen, aber ich meine zwischen 2’000 und 2’500 Kilometer.

Führst du Buch darüber?
Peter: Meistens (lacht)

Du hast ein Lauftagebuch, das du ab und zu benützt?
Peter: Also wenn ich mich auf einen Lauf vorbereite, dann schreibe ich sehr genau auf. In der Erholungsphase oder wenn ich für die Gesundheit laufe, dann gibt es Lücken, dann finde ich es auch nicht so wichtig.

Was gehen dir für Gedanken durch den Kopf beim Laufen?
Peter: Das ist ganz unterschiedlich. Natürlich kann man das was einem während dem Tag beschäftigt, irgendwie ein wenig aufarbeiten und „verdauen“. Ich glaube, dass machen die meisten. Aber am schönsten ist es, wenn ganz eigene Gedanken auftauchen, die nur beim Laufen entstehen. Das finde ich je länger je mehr das Interessante. Ein ganz interessantes Erlebnis hatte ich an meinem ersten Ultramarathon in Davos im Frühling 2005. Ich studierte während den ersten zwanzig-dreissig Kilometer an etwas herum. Als es anstrengender wurde und sich eine gewisse Erschöpfung bemerkbar machte, hörte ich auf zu denken. Am Tag nach dem Lauf merkte ich, dass ich irgendwie doch weitergedacht habe während dieser Zeit, plötzlich war wie ein Ergebnis vom Nachdenken da, das gar nicht bewusst war.

Das lief unterbewusst ab?
Peter: Ja, das ist wieder so ein Begriff der zu unserer Kultur passt. Da räumen wir alles ein, das man weder dem Kopf, noch dem Körper zuordnen kann. Es gibt eben mehr und es gibt etwas dazwischen, das in so Momenten funktioniert. Es ist ja auch so, dass es eigentlich gar nicht so klar ist, ob wir wirklich nur mit dem Kopf denken. Wenn man genauer schaut, ist es ziemlich klar, dass es nicht stimmt.

Läufst du manchmal mit Musik?
Peter: Nein, nie. Das könnte ich mir irgendwie nicht vorstellen. Also ich habe es noch nie ausprobiert. Ich glaube der Rhythmus des Laufens ist etwas ganz Wichtiges. Ich kann mir nicht vorstellen, den Rhythmus der Musik, der ja ständig wechselt, und den Rhythmus des Körpers zu kombinieren. Mir reicht der Rhythmus des Körpers, der Herzschlag und die Atmung, das finde ich sogar wichtiger als die Bewegung der Beine.

Welches sind bis heute die speziellen Ereignisse im Verein?
Peter: Da gibt es einige. Viele tolle Erlebnisse hatte ich in den Wintertrainings in der Nacht. Manchmal hatte es Schnee oder es gab einen Wetterumschlag auf dem Gempen. Solche Erlebnisse können recht tief gehen. Andere Erlebnisse sind auch besondere Gespräche die man führte. Speziell finde ich, wenn man als Streckenposten – sozusagen als Aussenstehender – Leute beobachten kann, wie sie laufen. Da lernt man viel über das Laufen.

Was sind deine sportlichen Höhepunkte?
Peter: Was zeitlich am wenigsten weit zurückliegt ist der Davoser, wo ich die 78 Kilometer im Frühjahr absolvierte. Sehr gut in Erinnerung ist mir mein schnellster Marathon. Das war der Zürich Marathon im 2004. Es lief mir sehr gut und ich war nachher wochenlang in einem Stimmungshoch. Da stimmte irgendwie alles.

Was ist für dich das Besondere an einem Wettkampf?
Peter: Ich mache gar nicht so gerne Wettkämpfe. Daher mache ich auch wenige, ich brauche nicht eine lange Liste von Teilnahmen. Was mich stört ist, wenn es einen Rummel und ein „G’stürm“ hat, wenn man um den Startplatz kämpfen muss. Was ich auch nicht mag sind viele laute Zuschauer. Für mich ist ein Rennen fast ein meditatives Erlebnis, deshalb mache ich auch keine kurzen Läufe mehr. Im Prinzip könntest du ganz auf Wettkämpfe verzichten und „nur so“ laufen gehen.

Nimmst du an Wettkämpfen teil, um dich mit anderen zu messen?
Peter: Einerseits ist ein Lauf organisiert, es hat Verpflegungsposten und Markierungen, andererseits ist es das Kollektiverlebnis, das schön ist. Das Messen mit andern war mir am Anfang meiner Laufkarriere wichtig, weil man eine Messlatte haben will. Jetzt ist es in den Hintergrund getreten.

Was ist deine Motivation fürs Training?
Peter: In den ersten Jahren war es das Schnellerwerden. Man setzte sich gewisse Ziele, einen Lauf in einer bestimmten Zeit zu erreichen. Heute ist das Ziel, dass ich so „zwäg“ bin, dass ich lange Läufemachen kann.

Welche Punkte sollte der Verein unbedingt weiterführen?
Peter: Es gab über Jahre hinweg eine gewisse Öffnung in Richtung Breitensport. Das hat jedoch schon vor meiner Zeit begonnen und wird wahrscheinlich auch noch weiterentwickelt. Das ist eine Tendenz, die ich sehr gut finde. Das sollte man unbedingt weiterführen, doch man müsste sich auch mal die Konsequenzen überlegen.

Was wäre verbesserungsbedürftig?
Peter: Der Verein ist ein wenig ein Durchlauferhitzer: die Leute kommen zum Verein und nach ein paar Jahren treten sie wieder aus. Ich glaube, das betrifft eher die Leute, die Laufen als Breitensport betreiben und nicht den Zeiten hinterher rennen. Gerade die bleiben häufig nicht und da müsste man sich fragen warum. Im Moment schadet das dem Verein nicht, da es durch den Laufboom immer wieder Neue gibt. Aber wenn dieser boom nicht auf die Dauer anhalten sollte, dann wird es wichtig acht zu geben, dass die Leute bleiben. Der Verein sollte dann auch für Leute attraktiv sein, die keine Spitzenzeiten laufen wollen. Die grosse Masse der LäuferInnen sollte man ernster nehmen. Im Vereinsheft und auch auf der Internetseite ist sehr viel die Rede von jeweils denselben zehn-fünfzehn Läufern, die sehr gute Resultate erzielen. Das finde ich ok, sie haben diese Anerkennung verdient. Aber all die andern im Verein, die diesen Verein im Wesentlichen tragen, die kommen gar nicht vor und das finde ich schade. Zwar gibt es ab und zu Erlebnisberichte, das finde ich gut. Aber im Zentrum sind eigentlich immer nur die Spitzenresultate und das hat mit der Realität im Verein nicht viel zu tun.

Gibt es Punkte, die dir überflüssig erscheinen?
Peter (überlegt): Nein, das kommt mir nichts in den Sinn.

Was ist deine Meinung zum Internet und zum Vereinsheft?
Peter: Ich finde es ganz toll, dass es für den Verein so etwas gibt. Für die Grösse unseres Vereins ist das eine ausserordentliche Leistung, dass man das hat. Den Internetauftritt finde ich sehr gut gemacht, er ist meine Hauptquelle für Informationen. Aber auch der Trainingsplan aus dem Vereinsheft ist etwas, das zuhause auf dem Schreibtisch liegt. Ich finde beides sehr gut und wichtig. Ausser vielleicht die Kritik wie bereits erwähnt, dass die Spitzenzeiten zuviel im Mittelpunkt stehen. Man müsste sich überlegen, was ist den andern wichtig und was möchten sie lesen, wie könnte man mehr auf sie eingehen.

Meinst du nicht auch, dass es daran liegen könnte, dass man die Zeiten meldet?
Peter: Für sie sind die Zeiten gar nicht so wichtig. Ich denke, wenn sie wirklich daran interessiert wären an dieser Art von Kommunikation innerhalb vom Verein, dann würden sie das auch tun. Viele vergleichen wohl ihre Zeiten mit denen der Spitzenläufer und denken: Oh, bin ich schlecht! Vielleicht haben sie fast Hemmungen ihre Laufresultate mitzuteilen. Obwohl die Anstrengung vielleicht sogar grösser ist, als für jemanden, der sehr gut trainiert ist. Das ist immer eine Frage: Wie bringt man die eher Stillen dazu, sich auszudrücken? Das ist längerfristig ein Auftrag, den man im Verein ernst nehmen müsste.

Was hast du dir für dieses Jahr vorgenommen?
Peter: Eigentlich noch nichts (lacht). Es ist sehr schwierig, weil ich nicht genau weiss, was sich bei mir beruflich verändert. Da ist alles noch offen, von daher habe ich Mühe mir Ziele zu setzen. Gerne möchte ich wieder einen Marathon laufen, aber ein wenig später, vielleicht gegen Mai. Wenn es irgendwie möglichist, möchte ich einen Ultra machen, das wäre sehr schön. Dazu braucht man aber auch viel Zeit zum Trainieren ϑ

Was hast du für Hobbys?
Peter (grinst): Eben viele, die Konkurrenz zum Laufen ist gross. Ich habe mit Yoga begonnen, weil ich erfahren möchte, was zwischen Kopf und Körper passiert. Es ist eine Ergänzung zum Laufsport. Ich mache sehr gerne Reisen, vor allem nach Osteuropa und Zentralasien. Ich lese sehr viel, Kino ist mir sehr wichtig und Fussball.

Ehrlich? Zuschauen oder aktiv spielen?
Peter: Nein, nicht aktiv. Ich gehe sehr viel ins Stadion, an FCB Matches.

Was möchtest du sonst noch sagen?
Peter: Der Laufsport und meine Zeit im brachten mir sehr viel. Ich habe das Gefühl auch persönlich grosse Fortschritte gemacht und vieles dazugelernt zu haben. Aber jetzt bin ich an einem Punkt angelangt, wo ich sehe, dass es mehr gibt. Ich beobachte im Laufsport eine gewisse Einseitigkeit. Meiner Meinung nach ist dies auch ein wichtiger Grund ist für die vielen Verletzungen, die man im vom Verein mitbekommt. Das ist aber nie ein wichtiges Thema und das finde ich schade. Ich habe das Gefühl, da stimmt etwas nicht. Viele betreiben den Sport exzessiv und einseitig auf der Jagd nach Minuten. Für mich ist das Thema der nächsten Jahre mehr Harmonie.’

Danke für das interessante Gespräch. CC

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