Maria Campos

Das Interview wurde geführt von Christa Willin (Mai 2012)

Maria, ich freue mich sehr dass Du Zeit gefunden hast für ein Gespräch! Bitte, stelle Dich doch uns einfach mal vor: wer Du bist, woher Du kommst, was Dich in die Schweiz geführt hat… erzähl’ einfach!
Maria: Also, ich bin Maria Campos, bin Brasilianerin und bin in Basel seit 2008 dank meiner Arbeit. Bereits in Brasilien habe ich für die Firma gearbeitet und bin in die Schweiz versetzt worden. Ich bin Ingenieurin für Chemie, ich liebe Chemie und meine Arbeit – aber meine grosse Leidenschaft war immer der Sport. Ich war immer begeistert vom Laufen, speziell seit ich nach Basel kam. Selber mit Laufen begonnen habe ich einige Monate davor. In Brasilien habe ich vorwiegend sehr viel Gymnastik und Fitness gemacht.

Im 2008 reiste ich nach Chicago und lernte dort die Freundin eines Freundes von mir kennen. Wir gingen viel zusammen spazieren, und sie sagte mir dass sie auch laufe. Sie wollte dass ich sie mal begleite, aber ich dachte dass ich dazu nicht fähig sei. Ich war sicher, „laufen das ist nichts für mich!“ Sie aber sagte, dass ich das ganz sicher schaffe, ich müsse nur mal beginnen. Und hat mich zum joggen mitgenommen. Bald mal schon machte ich meine ersten 5 km und war dabei schneller als meine Freundin! Aus den 5 km wurden sehr bald meine ersten 10 km.
Dann einige Monate danach fand ich meine Stelle in Basel. Zurück in Brasilien, um den Umzug vorbereiten, lief ich wieder mal 10km. Als ich dann im Oktober 2008 nach Basel kam, erzählte mir ein Freund vom Basler Stadtlauf. Ich hörte, dass es gemeinsame Vorbereitungs-Trainings gebe. Ich suchte immer nach einem Training in einer Gruppe – anfänglich trainierte ich alleine hier in Basel, aber das war mir zu langweilig. Ich wollte eine Gruppe, und über das Stadtlauf-Training lernte ich den LSVB kennen. Mir gefiel die Art des Trainings und auch der Verein selber, und da wollte ich mitmachen. Es war für mich auch eine Gelegenheit, Leute kennen zu lernen. Ich kannte ja noch gar niemanden als ich hierher kam, und dann zunächst nur die Leute von meiner Arbeitsstelle.
Heute ist der LSVB für mich sehr speziell. Man könnte sagen, er ist meine Familie – meine Schweizer Familie. Da sind mir die Türen geöffnet worden für viele Freundschaften und viele Aktivitäten hier in der Schweiz, darüber bin ich sehr froh.

Maria Campos

Maria Campos

Der Freund, der Dir vom Stadtlauf erzählt hatte – war das jemand von der Arbeit?
Maria: Ja, das ist richtig. Er konnte leider nicht mitrennen, da er infolge eines Skiunfalls verletzt war und übrigens noch immer darunter leidet. Er kann nach wie vor nicht rennen. Aber er empfahl mir den Stadtlauf. Das war genau was ich wollte, und so kam ich zu meinem ersten Lauf in der Schweiz – und konnte damit gleich meinen ersten Monat hier feiern! 🙂 Das war sehr schön!

Um ein wenig von Deiner Arbeit zu sprechen: was exakt machst Du, was ist Deine Aufgabe?
Maria: Ich arbeite in einer deutschen Firma als Regional Marketing Manager für Pigmente, vor allem Druckfarben-Pigmente. Diese werden eingesetzt beispielsweise für Tapeten, Laminatböden, und sonstige spezielle Sachen – neben den Pigmenten die für Lebensmittel, Medikamente etc. gebraucht werden. Ich betreibe das Marketing für diese Pigmente hier in Europa. In der Firma arbeite ich seit drei Jahren, aber davor habe ich in Brasilien schon für dieselbe Firma gearbeitet, also alles in allem jetzt 6 Jahre. Ursprünglich war das die Ciba, die aber vor einigen Jahren von der BASF übernommen wurde. Das heisst, heute arbeite ich für die BASF.
Marketing gefällt mir sehr, ich liebe es herauszufinden wo Notwendigkeiten und Bedarf bestehen, und so Ideen für neue Produkte finden. Besonders gerne mache ich auch die Kataloge der Produkte, um diese vertreiben und den Kunden verkaufen zu können.

Das heisst Du gehst dann auch zu den Kunden um ihnen die Produkte zu präsentieren und vorzustellen?
Maria: Ja genau. Gerade letzten Februar hatten wir ein solches Event.

Und in welcher Sprache läuft das denn ab?
Maria: In Englisch! Nein, auf Deutsch ginge das gar nicht. Ich könnte knapp beginnen und müsste dann sagen „so, mein Deutsch reicht genau bis hier, ab jetzt geht’s in englisch weiter“. Aber ich habe noch immer die Hoffnung, dass ich eines Tages besser deutsch spreche. Ich möchte das unbedingt! Auch wenn ich sagen muss, das Leben ist ziemlich kurz um deutsch zu lernen… 😉

Naja, ich denke wenn Du in der Schweiz bleiben möchtest, dann wirst Du wenig Wahl haben…
Maria: Ich muss einfach mehr Mut haben, ich schäme mich zu sehr.

Also hör mal, wenn ich es wage mit Dir in meinem kümmerlichen Portugiesisch zu sprechen, musst Du Dich bestimmt nicht schämen deutsch zu sprechen!!
Maria: Naja… Also betreffend meiner Arbeit war es das eigentlich. Was ich hier in Europa ganz toll finde – und auch deswegen möchte ich in Europa leben – ist, dass die Leute hier gut trennen können zwischen der Arbeit und dem Privatleben. In Brasilien ist das sehr anders, da durchmischt sich das sehr und das ist gar nicht gut.

Was meinst Du damit, wie muss ich mir das vorstellen?
Maria: Kunden telefonierten mir zu jeder Tages- und Nachtzeit, ausserhalb jeglicher Bürozeiten, auch an Feiertagen, Sonntagen, ganz frühmorgens… So hatte man alles zusammen, das war nicht angenehm.
Hier kann ich diese Trennung vollziehen. Wenn ich von der Arbeit weggehe und meine Bürotüre schliesse, bleibt die Arbeitswelt dort. Wenn ich in der Freizeit ins Training oder ins Fitness gehe, dann ist dort diese Welt. Und zuhause habe ich mein Privatraum. Das ist für mich eine neue Erfahrung. Das bedeutet für mich Lebensqualität, und die ist hier in Europa, gerade in der Schweiz, sehr hoch. Im Sommer zum Beispiel die Trainings: So zwischen 17 und 17.30 Uhr verlasse ich den Arbeitsplatz, und dann um halb sieben, sieben springe ich bereits irgendwo in Muttenz Dorf und dann in mitten von Pflanzungen, im Wald, mitten in der Natur, in einer wunderbaren Umgebung – und das eigentlich sozusagen wenige Meter von zuhause entfernt. Das bedeutet für mich hohe Lebensqualität. Auch die gute Luft, die hohe Wasserqualität, gute öffentliche Verkehrsmittel, all das trägt sehr dazu bei, ist sehr wichtig für mich und tut mir sehr gut. Die Lebensqualität hier ist wirklich eine andere!

Du hast glaube ich in São Paulo selbst gelebt, in der Stadt? Aber Du kommst von ausserhalb von São Paulo, wenn ich mich recht erinnere?
Maria: Ja, ich bin in Santo André aufgewachsen, aber die Stadt gehört zur Agglomeration von São Paulo, es sind ungefähr 20km Distanz. Ich habe immer dort gewohnt, habe zwar in der Stadt meine Ausbildung gemacht und auch gearbeitet, aber ich bin immer gependelt. Allerdings angesichts des enormen Verkehrs hat mich das oft 1½ bis 2 Stunden Weg gekostet! Auch abends oder am Wochenende ist man für den Ausgang eigentlich meistens nach São Paulo gefahren. Das Angebot ist einfach sehr viel besser, hat auch die viel besseren Einkaufsmöglichkeiten. Obwohl Santo André eine Stadt von 700’000 Einwohnern ist, findet man sehr vieles da nicht, und muss dafür eben nach São Paulo rein. São Paulo ist eine riesige Stadt, wie New York, Paris, Rom oder London, aber es ist sehr problematisch, und ich würde Basel für kein São Paulo mehr eintauschen!
Basel bietet mir alles das ich mir wünsche. Es gibt hier alles, man findet alles und vor allem alles in der Nähe da die Stadt nicht gross ist. Für mich ist es einfach perfekt! Deswegen möchte ich auch nicht zurückkehren nach Brasilien. Lebensqualität ist für mich etwas sehr wichtiges, und auch die Menschen. Ich finde, dass die Menschen hier Werte haben, die sehr dem entsprechen wie ich erzogen worden bin. Meine Eltern gaben mir Werte mit wie Ehrlichkeit, Respekt und Charakter – und ich finde, dass ich das hier in der Schweiz wieder finde, diese Werte entsprechen mir, und das ist mir sehr wichtig. Ich mag die Schweizer sehr, ich finde das sind Menschen mit einem guten Herz!

… das hören wir natürlich gerne!
Maria: Ja, aber es ist wahr! Die Schweizer und auch die Deutschen. Ich habe das jetzt wieder gesehen als ich im Spital war, ich hatte viele schweizer und deutsche Krankenschwestern, aber die Schweizer sind anders. Ich mag die Deutschen auch sehr, aber die Schweizer sind einfach ruhiger. Ich denke, das liegt auch am Klima hier und an der Landschaft, die Berge… ich denke das trägt dazu bei dass die Schweizer ruhiger sind. Das ist wohltuend.

Kommen wir zum Laufen. Wie hat sich das dann entwickelt? 2008 hast Du den Stadtlauf gemacht – und wie ging’s dann weiter?
Maria: Ich habe mir immer Ziele gesetzt. 2008 hiess das Ziel ganz einfach „Laufen“. Für 2009 setzte ich mir zum Ziel, bis Ende des Jahres meinen ersten Halbmarathon zu gelaufen zu haben. Den machte ich dann im Mai, den Drei-Länder-Lauf. Es ging mehr schlecht als recht, aber: ich machte ihn und habe mein Ziel erreicht. 2010 wollte ich dann meinen ersten vollen Marathon laufen. Aber Anfang 2010 verletzte ich mich dann im Training und konnte eine ganze Weile nicht rennen.

Was war passiert?
Maria: Ich erlitt eine Zerrung in der Hüftmuskulatur, und mit rennen ging gar nichts. Aber ich hatte mich bereits für den Mannheimer Marathon eingeschrieben, der Mitte Mai stattfinden sollte. Ich machte Physiotherapie und sagte mir immer „Du wirst diesen Marathon laufen! Du wirst diesen Marathon laufen!“ Aber 3 Wochen vor dem Marathon konnte ich noch immer nicht laufen. Ich ging weiter zur Therapie… kurz, schliesslich lief ich den Marathon!

In Mannheim?!
Maria: In Mannheim!!

Ohne Training?
Maria: Mit extrem wenig Training. Ich brauchte ungefähr 4h 12 min dafür, also noch eine einigermassen vernünftige Zeit. Ich war sehr glücklich damit – und ich habe hier begriffen, dass man einen Marathon nicht mit den Beinen, sondern mit dem Kopf läuft!! Egal welcher Marathon. Wenn es im Kopf stimmt, dann ist es weniger entscheidend wie viele Kilometer du trainiert hast. Marathon ist 80% Kopf und 20% Beine.
So habe ich mein Ziel 2010 schon im Mai erreicht. Aber – die Sache mit dem Marathon hat mir gefallen und ich wollte noch mehr. Mit 10km und 15km konnte ich nicht mehr viel anfangen – Marathon bietet viel mehr Abenteuer! Und Emotion! Es ist wie eine Prüfung, und wenn das Ziel erreicht ist werden viele Emotionen frei.
So lief ich dann im Herbst 2010 auch den Manor Run-To-The-Beat, das war fantastisch, ein toller Marathon mit tollen Resultaten!
Seitdem konnte ich keinen Lauf mehr laufen so um 10-15km, das macht mich jeweils nervös und gereizt.

Auch nicht im Training?
Maria: Doch im Training ist das für mich ok, ich liebe die Trainings, an denen will ich schon weiter teilnehmen! Das gibt einerseits die Ausdauer und Widerstandsfähigkeit, andererseits ist es auch die Kameradschaft im Training die mir gefällt. Aber bei den Läufen… in den kleinen Läufen gibt es oft viele Teilnehmer die nicht oder wenig trainiert sind, die dann auch nicht wissen wie man sich zu verhalten hat und dann für Durcheinander sorgen, das finde ich nicht toll. Ich laufe viel lieber Marathon.
Für 2011 hiess mein Ziel, meine Marathonzeit zu verbessern. Ich nahm teil am Prag Marathon, der ja als Vereinsreise organisiert worden war. Ich konnte meine Zeit auch wirklich verbessern und lief ihn in 3h 42min. Zudem machte ich meinen ersten Bergmarathon, den Jungfrau-Marathon. Somit hatte ich mein Ziel für 2011 erreicht. Ich lief dann aber nochmals einen Marathon gegen Ende Jahr, Maratona del Ticino in Tenero, wo ich zusammen mit Valérie Meyer hinging. Sie machte den Halbmarathon und ich den ganzen. Das war auch wunderschön und hat mir sehr gut gefallen.
Mein Ziel für 2012 war, die 42km-Marke zu sprengen und mal 45 bis 50km zu laufen – mit dem Ausblick, wer weiss, irgendwann mal die 100km zu erreichen.
Aber dann habe ich Ende 2011 erfahren, dass ich eine Operation machen muss, zum Glück nichts Schlimmes, man hat gesehen dass es um einen Geburtsfehler geht. Eine meiner Nebenschilddrüsen befand sich nicht dort wo sie sollte, sondern hat sich einen andern Platz gesucht – aber damit sie nicht in Zukunft Probleme auslösen kann, musste sie entfernt werden.
Das Problem wurde im Rahmen einer Osteoporose-Prävention gefunden. In meiner Familie ist das Problem Osteoporose sehr ausgeprägt, und so war ich diesbezüglich recht besorgt. Im Rahmen der Vorsorge-Untersuchungen ist die Sache mit der „verrutschten“ Nebenschilddrüse entdeckt worden, und auch ein Knoten der weg musste, der aber zum Glück gutartig war. Die Operation war am 22. März, zum Glück lief alles bestens. Das einzig schlimme daran ist, dass ich 2 Monate nicht rennen darf. Mein Brustkorb musste geöffnet werden, und das braucht nun einfach Zeit um richtig zu verheilen.
Mein ursprüngliches Ziel von 45-50km habe ich nun auf 2013 verschoben. Jetzt will ich mich konzentrieren auf den Rio-Marathon im Juli konzentrieren, um alles andere kümmere ich mich nicht jetzt.

Du willst den Rio-Marathon rennen?
Maria: Ich hoffe es wirklich. Wenn mit den physischen Bedingungen alles hinkommt. Mindestens den Halbmarathon will ich laufen. Er ist sehr speziell. Ich war letztes Jahr in Rio, und wir sind mit dem Taxi einen Teil der Strecke abgefahren – fantastisch, wirklich wunderschön! Es lohnt sich wirklich und so hoffe ich dass ich bis dahin soweit parat bin dafür.
Ja und dann werde ich einfach mit den Trainings weitermachen, um dann 2013 die Ziele wirklich erreichen zu können.

Das wünschen wir Dir sehr! Wie sieht es neben dem Sport aus, gibt’s noch andere Lieblingsbeschäftigungen?
Maria: Ich lese sehr gerne. Aber es ist schon so, meine Leidenschaft ist Sport und Fitness. Ich gehe nicht unbedingt gerne aus, Disco, Bars etc. sagt mir gar nichts. Ich bleibe lieber zuhause. Dann lese ich – ich wünschte ich hätte noch mehr Zeit zu lesen.

Was denn so?
Maria: Universal-Literatur. Im Moment lese ich gerade Don Quixote, ein fantastisches Buch, das mich immer wieder zum lachen bringt. Im Spital musste ich sehr aufpassen, vor allem mit der frischen Narbe, nicht zu sehr zu lachen…. die hätten mich wohl alle für verrückt gehalten…. Ansonsten liebe ich zum Beispiel die griechischen Sagen und überhaupt die antiken Werke, ich bin ein absoluter Anhänger von Victor Hugo, von ihm habe ich schon in Brasilien sehr viel gelesen. Ich mag auch sehr die portugiesische Literatur, vor allem Eça de Queiroz; bei den Brasilianern Guimarães Rosa, und in jüngern Jahren war Jorge Amado einer meiner Lieblingsschriftsteller.
Aber, wie gesagt, meine eigentliche Leidenschaft ist Fitness. Wenn ich nicht im Vereinstraining bin, dann findet man mich im Fitnesscenter. Eigentlich ist das nicht wirklich gut, weil das Sozialleben schon darunter leidet. Manchmal ruft mich eine Freundin an und sagt, komm wir gehen heute Abend aus zum Nachtessen oder so – dann sage ich meistens ab, weil ich im Fitness nichts verpassen will, sei es Muskeltraining oder irgendwelche Gruppenangebote. Ich halte es nicht aus wenn ich weiss dort wäre etwas gelaufen und ich habe es verpasst. Deswegen sage ich den Ausgang meistens ab.

Ja aber Du kannst ja auch nicht den ganzen Tag im Fitness verbringen, irgendwann ist ja auch das Training fertig und dann hast Du Zeit um Dich mit Freunden zu treffen….
Maria: Ja, nur bin ich dann meistens zu müde, wenn ich heimkomme will ich ausruhen und mag nicht mehr gross weggehen. Wie ich sagte, das Sozialleben leidet wirklich darunter, das ist die Kehrseite. Aber: das ist nun mal meine grosse Leidenschaft im Leben! Ich habe aber meine Leute dort im Fitness, die ich ja auch regelmässig treffe und wo sich Freundschaften entwickelt haben – die sich dann eben einfach dort abspielen.

Dann hast Du also bereits drei Familien: Deine in Brasilien, die LSVB-Familie und die Fitness-Familie… 🙂
Maria: Es sind sogar vier! Da ich nämlich 2 verschiedene Fitnesszentren besuche, das Fitnessplus und das Fitorama. Aber der Verein ist meine grösste Schweizer Familie. Man könnte sagen, der Verein ist die Familie, im Fitness sind es mehr meine Bekannten. Im Verein finde ich was ich einen „sportlichen Geist“ nenne. Man begegnet sich mit viel Respekt, niemand urteilt über andere, das ist wirklich toll. Ich habe noch nie einen Streit mitbekommen aus Eitelkeit oder Der-Beste-sein-wollen, wie ich das bei andern Vereinen oder auch im Fitnessbereich schon erlebt habe. Niemand fühlt sich als etwas Besseres oder Höheres als der andere. Jeder einzelne hat seinen Rhythmus, der respektiert wird. Was ich sehr geschätzt habe, als ich frisch von Brasilien und neu zum Verein gekommen bin: es gab keinerlei Form von Vorurteilen oder Diskriminierung, von keiner Seite aus. Man hat mich mit offenen Armen empfangen als die Person die ich bin, es spielte keine Rolle dass ich nicht Deutsch kann… man hat mich einfach akzeptiert und aufgenommen!

Bleiben wir beim Verein: Du hast ja schon erwähnt, dass der Verein für Dich sehr wichtig ist. Aber gibt es auch Wünsche an den Verein?
Maria: Der LSVB ist eine sehr gute und vor allem sehr offene Gruppe, aber ich finde der Verein müsste noch mehr für sich Werbung machen in der ganzen Nordwestschweiz. Ich finde wir sind extrem regional – man findet den Verein eher per Zufall. Ich denke, man sollte an jeder Laufveranstaltung der Region jemand haben, der auf den LSVB aufmerksam macht und ihn vertritt, Fotos zeigt – so würde man noch mehr Zulauf erhalten und die Bekanntschaft erweitern.
Ansonsten finde ich generell die Leute im Verein sehr nett – aber es gibt ein paar darunter, die im Training mit ihrem Verhalten die Sicherheit anderer gefährden. Bei gewissen Überholungsmanövern zum Beispiel, rennen sie dem andern gleich direkt vor die Füsse ohne zu schauen, oder so ähnliche Manöver – diejenigen machen sich überhaupt nicht bewusst, dass sie so Unfälle provozieren könnten. Darauf sollte mehr Gewicht gelegt werden, das fände ich wichtig. Wir sind eine Gruppe, niemand ist hier alleine, und Sicherheit sollte oberstes Gebot sein. Es besteht Verletzungsgefahr, und wenn hier nicht jeder auf den andern Rücksicht nimmt dann geht es nicht. Hier finde ich dass der Verein diese Leute mal „an den Ohren nehmen“ und sie darüber orientieren sollte, wie man sich zu verhalten hat ohne andere zu gefährden.
Und was ich auch ganz toll fände, wenn der Verein mehr Vorträge anbieten würde. Zum Beispiel über Marathonvorbereitung, oder über Sport-/Trainingsernährung… – es gibt so viele interessante Themen die von Bedeutung sein könnten. Auch medizinische Themen – z.B. Osteoporose bei den Frauen; warum nicht einen Arzt einladen den Frauen das Thema Osteoporose näher bringt. Aber alleine rund ums Laufen – wie kann ich mein Training verbessern, etc. etc. Und ich habe immer eine Vision, dass der Verein quasi sein eigenes Stammhaus haben könnte. Jedes Jahr gibt es diese Diskussionen, wie wir unser Vermögen verteilen wollen, das „zuviel“ ist auf dem Konto – Schuhe für jedes Mitglied und andere Vorschläge. Ich finde, der Verein müsste sich nicht so viel Gedanken darüber machen. Da könnte man wirklich in eine Lokalität investieren, wo man dann zentral alles beieinander hätte. So würden auch Probleme, wie wir sie im St. Jakob hatten mit den Garderoben, nicht entstehen. Mit einem eigenen Haus wäre dieses Problem bereits gelöst. Dort könnte man auch die GV’s durchführen, die ganze Administration, aber auch Festanlässe, Nachtessen oder eben Vorträge…
Natürlich bräuchte der Verein noch mehr Mitlieder dass sich so ein Vorhaben voll lohnt – aber das könnte ein Ausblick für die weitere Zukunft sein.
Auch ein weiterer Gedanke ist mir kürzlich gekommen. An unseren Läufen, sei es Run-to-the-beat, Stadtlauf etc., kommen immer Superläufer aus Afrika, laufen, holen sich das Preisgeld ab, und Tschüss!! Ich finde, anstatt nur zu kommen und abzuräumen und quasi zu profitieren, könnten gerade die etwas zurückgeben, indem sie eben z.B. Vorträge geben, z.B. über Trainingsformen oder ähnliche Dinge, oder mal ein Training anleiten oder so etwas.

Bleibt die Frage, ob diese Leute wirklich fähig wären auch wirklich etwas in einer Form weiterzugeben und zu vermitteln, die für alle gewinnbringend wären. Ich denke da an Weltklasse Musiker, die aber unfähig sind wirklich zu unterrichten und ihr Wissen und Können andern auf gute Weise weiterzugeben…
Maria: Ja, das mag stimmen – trotzdem, es sind ja doch einige solcher Läufer immer da, und ich fände einen Austausch gut und wichtig.

Ja, ich sehe schon Du strotzt vor Ideen – vielleicht solltest Du Dir mal überlegen im Vorstand mitzuarbeiten? 🙂
Maria: Nein, das nicht, aber ja ich finde es gäbe noch viele Möglichkeiten etwas zu tun. Ich mag diesen Verein wirklich sehr, und alles was er bereits bietet, auch die Reisen… – es herrscht ein sehr gesundes und wohltuendes Klima hier! Es gefällt mir auch dass die Leute die kommen wirklich trainieren wollen. Niemand kommt einfach um rumzuhängen, oder um hier jemanden für eine Beziehung zu finden… das erlebe ich öfters mal im Fitnesscenter, dass Leute kommen weil sie jemanden kennen lernen wollen. Ich habe den Eindruck, die Leute kommen weil sie das Training ernst nehmen und trainieren wollen. Das gefällt mir. Seit ich hier bin, hat mir der Verein wirklich sehr viel gegeben, durch die Freundschaften, auch bezüglich der Integration, und natürlich fürs Training selbst! So bin ich sehr glücklich hier zu sein. Ich hatte auch das Bedürfnis, dem Verein etwas zurückzugeben. Die Reise die ich nun organisiere nach Rio ist für mich nun eine Gelegenheit dazu.

Ich weiss auch schon ganz viele, die sich darauf sehr freuen, und die Dir sehr dankbar sind dass Du das angezettelt hast! Ich denke ich habe keine weiteren Fragen… gibt es noch etwas was Du gerne sagen willst?
Maria: Ich bin glücklich dass ich auf diesem Wege nun mal sprechen konnte in meiner Sprache – ich würde gerne noch viel mehr mit den Vereinsmitgliedern reden, aber die Sprache steht mir einfach noch oft im Weg. Nun konnte ich mal etwas mehr sagen, gerade auch was ich am Verein schätze, das hat mich sehr gefreut!

Ich bin sicher dass das gar nicht so ein riesiges Problem wäre, sondern dass alle sich freuen würden, mehr mit Dir zu sprechen, und die nötige Geduld hätten um die Sprachschwierigkeiten zu überwinden! Halte es doch einfach wie damals mit dem Laufen: erst 5km, dann 10, und dann ein Marathon – das lässt sich bestens auch auf die Sprache übertragen. Du musst nur einfach mal beginnen… 🙂 Maria, danke dass Du Dir die Zeit genommen hast für dieses Gespräch! Weiterhin gute Besserung und Erholung und wir freuen uns wenn wir Dich im Training wieder begrüssen dürfen! 🙂

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