Frauenfelder Marathon

Zuckerwasser mit Kirsch

Es gibt nichts Gutes und nichts Schlechtes, erst unsere Gedanken machen es dazu!

Damit möchte ich meine Teilnahme am Frauenfelder Waffenlauf rechtfertigen. Wem das nicht reicht, der erinnere sich gefälligst ans Neue Testament, wo zitiert wird: Der, der noch nie gesündigt hat, der werfe den ersten Stein! Den ganz hartnäckigen Nörglern, kann ich garantieren, dass es meinen ehemaligen Vorgesetzten in der schweizerischen Milizarmee ziemlich jämmerlich schlecht werden täte, um nicht zu sagen kotzen müssten, wenn sie erfahren würden – was sie hoffentlich tun – dass ich freiwillig, in der Freizeit mit Tarnanzug durch die Gegend sprinte! Hauptleute und Leutnants die mich qualifizierten: Für alles fähig, aber zu nichts zu gebrauchen! Mich, der ganze Kompanien marschierender Füsiliere, die wegen meines – zugegebenermassen – lausigen Armeemotorrades spotteten, mit den Worten zum Schweigen brachte: Lieber schlecht gefahren, als gut marschiert!

Zum Thema: Der Frauenfelder Waffenlauf ist ein Marathon mit 520 Metern Steigung und Gefälle. Meistens eine attraktive und abwechslungsreiche Streckenführung von Frauenfeld durch das Thurgau nach Wil und retour. Gelaufen wird im leihweise ausgehändigten Tarnanzug, Runningschuhen und mit einem Rucksack. Der Rucksack ist den persönlich Anforderungen entsprechend – einige sehen ganz abenteuerlich aus – angepasst, verschnürt und gepolstert. Die Vorschriften beschränken sich lediglich darauf, dass die Packung mindestens 6,2 Kilo wiegen muss und es sollte ein Stück Metall da rauslugen, das so tut, als ob es ein Gewehr sei. Traditionsbewusste Läufer montieren sich auch gerne komplette Karabiner hinters Genick. Weil es sich aber nicht um einen Schönheitswettbewerb handelt, ziehe ich es vor, mit einem abgesägten Sturmgewehrlauf im Rucksack zu rennen, damit ich möglichst nahe an die Gewichtslimite komme. Im Zeitalter der Emanzipation starten auch Frauen, zudem Läufer aus dem Ausland: Österreicher, Deutsche und Engländer, letztere tragen zur Kämpfuniform ein dunkelrotes T-Shirt und spätestens bei Kilometer 30 haben ihre Köpfe dieselbe Farbe.

Kurz vor Wil meldet mir eine Frauenstimme: Hosenladen offen! Nicht oft, aber ab und zu, melden mir das die aufmerksam mitfiebernden Zuschauerinnen. Und wenn ich dann so als Waffenläufer, mit der Waffe laufe, habe ich Zeit zum grübeln und kann mir unlösbare Fragen stellen, wie zum Beispiel: Warum fällt das eigentlich nur immer dem weiblichen Geschlecht auf?
Sehr verehrte Damen, die Waffenläufer sind keine Chauvinistenzwiebeln – jedenfalls nicht alle – die zwei Drittel ihrer behäbigen Hirnwindungen, für Unfug in Zusammenhang mit dem Hosenschlitz nutzen.
Es ist so! Der neue Porsche Turbo sieht auch hässlich aus mit seinen grossen Lufteinlässen vorne dran. Was aber für den Porsche gut ist, ist uns Waffenläufern auch recht. Der offene Hosenladen dient zur Luftkühlung zwecks Leistungssteigerung und hat nichts mit der Brunftzeit im Oberbaselbiet zu tun! Zur Visualisierung: Ein Bild von des Porsches Kühlöffnungen. Ein Bild vom offenen Hosenladen kann man sich vor dem heimischen Spiegel oder beim nächsten Waffenlauf machen!

Beim Waffenlauf fällt auf, dass es, anstatt um persönliche Bestzeiten, eher um Traditionen geht. Da wird der 100., 150., oder 300. Waffenlauf, oder zum Beispiel der 10. oder 30. Frauenfelder gefeiert. Die haben dann so ein Fähnchen im Gewehrlauf, wo die Zahl drauf steht. Einige Teilnehmer begnügen sich mit nur ein, zwei Joggingtrainings pro Woche (!), um sich auf die 42 Kilometer vorzubereiten. Damit es nicht allzuwenig Trainingseinheiten sind, wird wöchentlich konsequent, am Stammtisch kompensiert. Das sind dann diewelchen, die sich in Wil inoffiziell mit einem Bier und einer Bratwurst verpflegen.

Bei der offiziellen Verpflegung wird einem, nebst dem gebräuchlichen, fantasielosen Angebot, bei Kilometer 32 Zuckerwasser mit Kirsch gereicht. Zuckerwasser mit Kirsch! Ich war fasziniert. Es schmeckte lecker, und wenn man weiss, dass Alkoholkalorien sofort ins Blut aufgenommen werden, um in die Muskulatur zum Verbrennen transportiert zu werden, ist es nicht einmal ungeschickt. Der Nachteil des Alkohols, nämlich eine verringerte Sauerstoffaufnahmefähigkeit des Blutes, habe ich erfolgreich ignoriert und ich werde das auch in Zukunft, bei dieser Gelegenheit, so handhaben.

Da, schon wieder: Hosenladen offen! Hmpf! Vielleicht sollte ich mir tarnfarbenen Unterhöschen zu Weihnachten schenken lassen, dann täte es nicht mehr so auffallen.

Ich wusste, wenn man sich beim Frauenfelder gut fühlt, braucht man sich nicht zu sorgen. Es wird sich noch ändern! In den letzten Jahren war das etwa so bei Kilometer 35. Ich gebe zu bedenken, dass die Leistung zu diesem Zeitpunkt, der eines gesamten Flachmarathons entspricht, ohne Gepäck notabene. Was jetzt noch folgt ist Supplement. Doch dieses Jahr war es anders. Das Zuckerwasser mit Kirsch zeigte sich von seiner besten Seite. Nicht dass ich jetzt besoffen gewesen wäre. Im Gegenteil! Mir lief es blendend bis zum Schluss. Wenn mir der Alkohol geholfen hat, dann muss ich mir direkt noch überlegen, ob ich nicht noch mit Rauchen beim Laufen anfangen soll. Dazu gibt es nämlich auch eine Geschichte. Beim Toggenburger Waffenlauf startete ich einmal ganz am Schluss des Feldes. Dabei stellte ich fest, dass es gottsjämmerlich nach Tabakdunst stank. Kurz umgeschaut und festgestellt, dass neben mir einer mit einer brennenden Brissago rannte. Wer sich jetzt nicht an die Birne greift, wohl nur, weil er oder sie nicht weiss, dass Brissagos dünne, lange, lausig stinkende Zigarillos sind. Das glaubt mir jetzt keiner, aber ich war dabei und hier steht es geschrieben! Es ist wahr! Basta!

Bei Kilometer 40 ist mein sorgfältig zusammengebautes Konstrukt, über die Frauen dieser Welt, in Sekundenbruchteilen zerstört worden, denn ein Mann bemerkte meinen offenen Hosenladen…
Ich bin Waffenläufer. Ich weiss nicht warum. Habe endlich, wie sich das für einen Soldaten gehört, ein Feindbild, nämlich von Frauen die den Männern auf die Unterwäsche schielen, entwickelt. Und jetzt kommt einer und macht mir alles zunichte!

Jedenfalls, wenn ich mich später – wieder einmal – mit meinem Siegerbier und den Gedanken über Sein oder Nichtsein! beschäftigen werde, muss ich, trotz der Gefahr als Fetischist abgestempelt zu werden, vielleicht doch die Anschaffung von tarnfarbener Unterwäsche in Erwägung ziehen, um nicht mehr aufzufallen. So quasi wie der tapfere Siegfried vom Geschlecht der Nibelungen, welcher durch die Tarnkappe (vielleicht war es ja Tarnunterwäsche o.ä.?), die er vom Zwergen Alberich ergatterte, unsichtbar sein konnte. Zudem war er durch das Bad im Blut des Drachens, nachdem er diesem die Rübe abgehauen hatte, unverwundbar. Was ihm ermöglichte, die wunderschöne, aber unbezwingbare Königin Brunhild, im Zweikampf zu besiegen, um ihr Herz zu gewinnen. Anstatt wie viele edle und tapfere Ritter vor ihm, der mächtigen Brunhild zu unterliegen und das Werben um sie, mit dem Leben bezahlten, wie es die blutgetränkte Erde Islands beweist.

Allerdings eroberte Siegfried die Brunhild uneigennützigerweise für Gunther, den Burgunderkönig, damit dieser nichts dagegen hat, wenn Siegfried der Kriemhild, Gunthers Schwester, an die Wäsche geht. Also doch wieder äusserst eigennützig! In Anbetracht der vollendeten Schönheit Kriemhildes, die mit ihrer aussergewöhnlichen Erscheinung auch alle anderen weiblichen Wesen auf der Welt ehrte, wollen wir aber, im Sinne Siegfrieds, ein Auge zudrücken.

(Merke: Obiges mag vielleicht verwirren, es steht aber so im Nibelungenlied, der hochmittelalterlichen Fassung der Nibelungensage um den Recken Siegfried, um das legendäre Rheingold, die unbezwingbare Brunhild, die Burgunden-Könige und deren Schwester Kriemhild deren vollendeten Schönheit und aussergewöhnlichen Erscheinung auch alle anderen weiblichen Wesen auf der Welt ehrt. So schön geschrieben, dass ich das gleich nochmal wiederholen muss.)

Sein oder Nichtsein?, stellt sich mir also die Frage. Präziser formuliert: Feind oder Nichtfeind?
Zum besseren Verständnis: Feind oder Nichtfeind?, a) bezogen auf mich und mein in sich zusammengefallenes Feindbild, b) in Anlehnung an Siegfried und Brunhild und c) die Erkenntnis der Evolution berücksichtigend, dass sich alle Frauen wegen den Männern und d) alle Männer wegen den Frauen seit je her fragen: Feind oder Nichtfeind?

Das will jetzt nicht heissen, dass ihr euch generell fürchten müsst, wenn ihr wieder einmal vom anderen Geschlecht argwöhnisch beobachtet werdet. Der Blick, möge er noch penetrant, dauerhaft oder hinterlistig sein, muss nicht in jedem Fall Feindschaft bedeuten.

Es könnte ganz einfach wegen deinem Hosenschlitz sein, der offen steht!

In der Hoffnung, euch weitergeholfen zu haben

Happy Trails – Dätti

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Das Nibelungenlied (die ersten von über 2000 Versen/Strophen)

Uns ist in alten mæren wunders vil geseit
Von helden lobebæren, von grôzer arebeit,
von föuden, hôchgezîten, von weinen und von klagen,
von küener recken strîten muget ir nu wunder hœren sagen.

Uns wird in alten Erzählungen viel Wunderbares berichtet:
Von Berühmten Helden, grosser Mühsal,
von glücklichen Tagen, Festen, von Tränen und Klagen,
vom Kampf tapferer Männer könnt ihr Erstaunliches erfahren

Ez wuohs in Búrgónden ein vil édel magedîn,
daz in allen landen niht schœners mohte sîn,
Kriemhild geheizen: si wart ein scœne wîp.
dar umbe muosen degene vil verlîesén den lîp.

Es wuchs im Burgundenland ein junges Edelfräuleine heran,
so schön wie keine andere auf der Welt.
Kriemhild hiess sie. Später wurde sie eine schöne Frau,
um derentwillen viele Krieger ihr Leben verlieren sollten

Der minneclîchen meide triuten wol gezam.
ir muoten küene recken, niemen was ir gram.
âne mâzen schœne sô was ir edel lîp.
der juncvrouen tugende zierten ándériu wîp.

Dies liebenswerte Mädchen musste man gern haben.
Tapfere Männer umwarben sie, niemand konnte ihr böse sein.
Ihre unbeschreibliche Schönheit und ihre Vorzüge
ehrten zugleich auch alle anderen Frauen

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