Die Nacht der Nächte

Bieler 100 Kilometer-Lauf

Ein weiterer Gastbeitrag in Dättis-Corner. Christoph Schori erzählt so eindrücklich sein Abenteuer, dass es jederman beim Lesen gleich selber miterlebt.

Ziele

Es war am Vereins-Brunch im “Schällenursli”, wo ich einen berühmten Kollegen fragte, was denn so sein nächstes Laufziel sei. Laufziele sind wichtig, damit wir wissen, auf welches Ziel wir alle hinlaufen. Er sagte, der Bieler 100er und er sagte das so normal wie andere Leute über Biersorten reden. Ich fragte nach, ob er grad von 100km zu Fuss gesprochen habe, also laufend, ganz am Stück und ohne schlafen. Er bejahte, sagte, er sei seit vielen Jahren regelmässig beim Bieler am Start, erreiche aber nicht immer das Ziel… na Bravo, ein Lauf für Verrückte, Nachtaktive und chronische Optimisten. 2 Jahre später stand ich selber beim 60. Bieler 100er am Start.

Blitzstart

Melanie Beyeler (euphorisch), Roland Droll (fokussiert) und Andy Dettwiler (korrektes Dress) sind auch da, Roland steht vorne im Pulk, wir drei (zu weit) hinten.

von Melanie gepushed

Ich tripple nervös auf dem regennassen Asphalt herum, nervöser als an anderen Starts, weil ich niemals zuvor sechs Monate lang auf ein Datum hin trainierte. Werde ich hier am Start stehen, vielleicht ordentlich wegkommen, aber das Ziel (wie der berühmte Kollege) nach 100 km gar nie erreichen? Um 22 Uhr geht’s los und ab und Melanie ist dicht hinter/neben mir und vor uns sehen wir doch wirklich Wanderer (“Warum wandern die denn schon ab Start”) und Melanie meint, das sei ja unter aller Sau und wir ziehen an und slalomen uns durch hunderte von Menschen. Beim Laufen denkt Mann klarer: hast noch 97k vor dir, lass stecken, teile deine Energie ein, du weisst, Melanie checkt in Kirchberg (nach 56k) aus, geht duschen und nimmt den Shuttlebus zurück nach Biel, du aber stehst dann alleine bei km 57 und ohne Saft. Sie sagen, nach Kirchberg gehe es erst richtig los.

Kannst mich mal

Die Nacht der Nächte ist subtropisch, kaum Mondlicht, nur wenig Sterne, auf dem Weg durch Dörfer und Wälder fühlt es sich gut an, gut mein Pace, die Schuhe und gut mein Rossmagen, Taschenlampe und frische Klamotten sind im Kleidersacktransport nach Kirchberg, jetzt brauch ich das alles überhaupt nicht, km 42 (Etzelkofen) kommt schneller als erwartet, dann das Schild 50km (vor Zauggenried), Wahnsinn, die Hälfte ist geschafft und du läufst noch rund und hebst kontrolliert die Beine, so wie Piero es auf der Bahn kürzlich gezeigt hat. In Kirchberg (km 56) herrscht ausgelassene Feststimmung, gefühlte 99% steigen hier aus und in den Shuttlebus, du gehst da jetzt an allem vorbei und in die Turnhalle, holst deinen Kleidersack, ziehst dich um, bittest um Melkfett, bedankst dich artig und schaltest dann deine Taschenlampe an. Die können mich mal mit ihrer Festlaune zmittst in der Nacht und im Gaggo, so verlockend mit all der Verpflegung und Melanie läuft jetzt ein, wo ist Andy, nicht mehr gesehen, hoffentlich nichts passiert, wir gratulieren einander, wünschen uns alles Gute und ich laufe weiter.

Ho Chi Minh-Pfad

Gleich nach Kirchberg wird der Weg zum Waldweg, sie nennen den Ho Chi Minh-Pfad (“Der Pfad diente während des Vietnamkriegs als logistische Unterstützung des Nordens für die im Süden kämpfende Nationale Front für die Befreiung Südvietnams.” Wikipedia). Der Trail zieht sich flach und direkt neben der Emme entlang, drainiert das Emmental und rauscht später in Luterbach in die Aare. Ich höre den Bach rauschen wie verrückt, er hat viel Wasser und der Wald ist noch dunkel, aber so dunkel auch wieder nicht, weil es ja seit dem Start in Biel dunkel ist und weil es um vier Uhr früh halt noch nicht dämmert.

über die Holzbrücke ins Städtchen Aarberg einlaufen

Die Taschenlampe ist jetzt richtig richtig, die Beine hätten Piero nicht gefallen, sie werden langsam müde und sauer und wollen nicht mehr so spritzig über die vielen Wurzeln hüpfen und ich auch nicht und es beginnt langsam zu dämmern. So fühlt es sich also an, der Bieler 100er. Jetzt geht es also richtig los.

Ach, Arch

Freunde sind wichtig, sie geben dir im Leben Halt, gehen mit dir durch dick und dünn und stehen am Samstag Morgen zB. in Arch (bei km 80). Freund wartet auch dort seit weiss nicht wann, weil man als Ultra nicht im Minuten oder Sekunden denkt und seine Ankunft (5 – 6 Uhr? 6 – 7 Uhr? Gar nie?) nicht sooo genau voraussagen kann und weil vor Arch noch Bibern liegt und zwischen den beiden sich ein sanftes Hügelein in den Weg stellt. Ist man oben am Hügel, darf man gleich wieder nach Arch runter, und zwar lässt du dann “die Beine einfach rollen“, das sagt Graziella im Training, Beine rollen lassen meint, locker aus den Hüften heraus und nicht steif auf den Fersen (besser Mittelfuss) landen, das kostet sonst nämlich (Brems-)Kraft und die habe ich jetzt nicht mehr so viel und es bremst trotzdem und es tut weh in den Oberschenkeln und auch sonst kann ich die aufgehende Sonne(-nenergie) nicht mehr richtig in Schub umwandeln. Ich bin müde und will mich hinlegen. Freund und ich umarmen uns kurz, er sagt, ich sähe gut aus, ich sage nicht so viel, er meint, er habe richtige Zombie Gestalten vorbei hinken sehen, ich denke mir, genauso fühle ich mich auch, er meint, ich müsse jetzt noch einen Halben laufen, er warte am Ziel auf mich, ich sage, ich komme, ganz sicher, ich laufe grad los und wir umarmen uns nochmals zum Adieu. Noch 20km.

Halben

Nach exakt 9 Std und 01 Min (Movescount, Suunto) seit dem Start in Biel sehe ich die Aare (gleich nach Arch), jetzt läufst du nur noch flach einen Halben (Marathon), bist bald in Büren an der Aare, aber jetzt wird es richtig hart, wärmer auch, weil die Sonne langsam kommt, der Schlaf will auch kommen, ich versuche die Schritte kleiner zu machen bis sie so klein sind, dass ich gehen muss. Ok, das machen Ultras so, eher aufwärts zwar, aber Scheiss drauf, ich darf bei km 82 auch mal gehen, die anderen machen das auch. So laufe ich (mit Gehpausen) meine 15 bisher härtesten km bis zur Brücke bei Port (da lief ich gestern Abend nach dem Start in Biel schon mal rüber), die Brücke erkenne ich, weiss, das Ziel ist jetzt bald da, das Ziel nach 100km, auf die du hintrainiert hast, viele km und Stunden mit und ohne LSV stecken da drin, Freund wartet im Ziel, den willst du aufrecht laufend antreffen, da sind Kameras, die Medaille und das Bier, also los, verdammt.

Ziel

Ende gut, alles gut!

Von Port nach Ziel sind es lächerliche 3 km, die zerbeisse ich, schlucke sie, lasse sie links liegen und denke an die letzte Linkskurve mit dem Zieleinlauf, eins-zwei-drei-vier, eins-zwei-drei-vier, ich sehe dieses Zielbild vor meinem inneren Auge, dabei bin ich noch gar nicht in Biel, immer noch Vorort, jetzt, jetzt sehe ich den Bahnhof, da steht dieses berühmte letzte Schild „99km“, nicht ganz hundert, nicht ganz am Ziel, nicht ganz real das alles, ich habe den Tunnelblick, einen unendlichen Durst, keinen Hunger, ich will trinken, nur trinken, in einem Brunnen liegen mit frischem Quellwasser, Wasser, es ist bald geschafft, da vorne stehen die ersten Zuschauer, verschlafen zwar, aber sportlich winkend, sie sprechen französisch, Biel ist bilingue, Biel ich komme, da vorne stehen Vaubans, die stellst du am Stadtlauf in der Freien Strasse auf, nicht drüber stolpern, eins-zwei-drei-vier, eins-zwei-drei-vier, noch 500 Meter, du hörst die Ansagen des Speakers, weiter, weiter, gleich sagt er deinen Namen an, noch 100 Meter, da ist die Linkskurve, ich laufe, laufe nach 11 Stunden 26 Minuten und 100km ins Ziel, ich bin im Ziel, Medaille am Hals, bitte weiter gehen, da vorne gibts Getränke, Freund ist da, ich bin auch da, ich kann es gar nicht verstehen, sehe ihn an, wir umarmen uns, sind beide am Ziel.

5 Comments

  1. Gratuliere Dir herzlich! Du schreibst so authentisch, so direkt, da werden meine letztjährigen Erlebnisse und Leiden aufgefrischt als wäre es gestern gewesen… Mit einem Wort: Eine super Leistung und toller Bericht von Dir!

  2. Einfach nur tolle Leistung. Hut ab!

  3. Herzliche Gratulation, Christoph! Toll, und ein toller Bericht. Jetzt muss ich mich doch mal mit dem Gedanken auseinandersetzen, denn wie Du es eindrücklich beschrieben hast, ist es eine saumässige Herausforderung, die man irgend wann einmal annehmen muss/soll/darf/will. Gute Erholung kann man heute vermutlich immer noch wünschen, oder?

  4. Wow, so gut geschrieben, da liest und leidet man regelrecht mit. Das Team der Verrückten, Nachtaktiven und chronischen Optimisten wächst – herzliche Gratulation!

  5. Gratulation, super Leistung und super Bericht!

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