Depesche vom Aarelauf VIII

Schlimmer geht nimmer

Ende Mai unterbrachen wir den Lauf entlang der Aare, von ihrer Mündung bei Koblenz bis auf die Handegg im Haslital nach 289 Kilometern. Damals lag noch Schnee am Grimsel und das letzte Stück bis zum Oberaargletscher war unpassierbar. Das wird heute nachgeholt; wir machen den Sack zu.

Erst mal idyllisch, leicht coupiert und eher gemächlich über die alten Säumerpfade auf der gegenüber liegenden Talseite, als da wo der Sonntagsverkehr den Pass hoch und runter rauscht.

Bald ist fertig mit lustig. Die Höhenmeter bis zum Grimsel Hospiz erhellen schon mal optisch beeindruckend das Dunkel in unserer Birne. Das sieht nicht gut aus – nein das sieht übel aus. Schlimmer geht nimmer, da müssen wir hoch.

Auf die Minute genau wie wir, trifft das Postauto beim Grimsel Hospiz ein. Heute kommt die Post im Oldtimer, das macht Freude, jedenfalls bis der Pilot das Posthorn betätigt. Das Trommelfell vermeldet: schlimmer geht nimmer.

Als der Hörsturz abklingt und der Postillion aus seinem Führerstand grinst, wird schnell klar: schlimmer geht immer. Das Grauen hat einen Namen: ’s Tresi vom Simplon. Seine speziellen Fähigkeiten wurden schon bei früherer Gelegenheit auf lsvb.ch protokolliert.

Plötzlich können die Ladies auch schnell, gehetzt von Tresi im Posti. Letzterer war rein zufällig da oben auf Hochzeitsfahrt unterwegs.  Der Vollständigkeit halber: Ich war mit Tresi in der Rekrutenschule – und überlebte. Das ist am Simplon wie ein Ritterschlag. Wenn mich im Wallis einer nicht kennt, dann bringe ich diese Geschichte. Dafür ernte ich ehrfürchtige, misstrauische Blicke. Aber anwesende Einheimische bestätigen dem Misstrauischen das Unglaubliche stumm nickend, will heissen: „Der hat die RS mit Tresi überlebt!“ Für meine Zeche brauche ich hernach den ganzen Abend nicht mehr aufkommen – bin jetzt Blutsbruder. (Blutsbruderschaft im Wallis passiert durch Alkoholpromille im Blut gemeinsam verkosteter Johannisberg-Flaschen.)

Ein emotionaler Moment, unverhofft kommt der Oberaargletscher ganz hinten im Tal in Sicht. Ein letzter Single Trail in Blickrichtung rechts vom See und wir werden das Ziel erreicht haben. Nach insgesamt 308 Kilometern sind wir bei der Quelle der Aare angelangt.

Hier fliesst der grösste Schweizer Fluss aus dem Gletscher hervor. Beim Zusammenfluss mit dem Rhein bei Koblenz wird die Aare um die 25 Prozent mehr Wasser führen als erstgenannter, trotzdem wird von da an die Aare Rhein genannt.

Ja wo iserdenn? Anders gefragt: Wie kurz ist kalt?

Das Wasenseeli am Simplon hat 7 Grad Wassertemperatur, beziehungsweise mit anderer Messtechnik ist es 2 Zentimeter kalt.

Am Oberaarsee: Kein Thermometer dabei? Kein Problem. Die Alternativ-Messung zeigte 4 Zentimeter an, ergibt also 14 Grad Celsius. Kindergeburtstag, damit kann man später nicht angeben. Dabei dachten wir, nach den ersten 500 Gletscheraare-Metern gäbe das heute ein LSVB-Badekälterekord.

Eigentlich wäre das Projekt jetzt beendet, aber ein Suplement am Sonntag liessen wir uns nicht nehmen: zum Gelmersee. Und vor allem die spektakuläre Fahrt mit der Gelmerbahn, der steilste Standseilbahn weltweit, runter zur Handegg. Ganz unten zur Talstation läuft’s flach aus. Das meinst auch nur du, das Auslaufende da unten ist nämlich ebenfalls sausteil. Nur – hier oben ist die Bescherung viel verreckter. Und in Bildmitte sieht man, dass das Gefälle nochmals aus der Sicht nach unten weg kippt. Wer Höhenangst hat, hat leicht schlechte Karten. Wer keine Höhenangst hatte, hat danach auch eine. Aber eins ist sicher: schlimmer geht nimmer.

Hier geht’s zum Album aller Bildern dieser Reise.

So war der epische LSVB-Aarelauf 2017, powered by dätti@lsvb(Tor)tours.ch

To be continued… Demnächst in diesem Theater…

Denn nächstes Jahr Ende April folgt eine Fortsetzung: von Basel nach Zermatt (powered by Kurt Bieri).

So far, so good and happy trails

3 Comments

  1. Danke für diese schönen eindrücklichen Bilder.
    Da habe ich wirklich etwas verpasst.

  2. Für die paar Zentimeter so viele Kilometer zu machen ist verrückt! – Aber super schön. Danke an dieser Stelle an Andy und der Verpflegungscrew für das Organisieren und Verpflegen. Ich habe die Kilometer mit euch genossen. The show must go on…

  3. Basel-Zermatt? Da will ich mit!!! Bis dahin muss ich wieder rennen können.

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