Défis du Jubilé 2013

MD AD 515 – 2015

Ein Bericht von Bruno Thoma

Im Jahre 515 haben sich ein paar Mönche entschlossen, im wildesten Hinterland der Alpen einen Vorposten der Zivilisation zu errichten. Wirklich weit in die Wildnis hinein haben sie sich aber nicht gewagt, sondern haben direkt nach der Engstelle, welche das Wallis vom Genferseebecken trennt, an strategisch günstiger Lage mit einer Felswand im Rücken ihr Kloster errichtet. Das Kloster wurde im 939 mal von den Sarazenen geplündert, hat dies aber ebenso überstanden wie die Besiedelung des Wallis durch Alemannische Stämme mit gewöhnungsbedürftigem Dialekt im 9. Jahrhundert. Es hat bis heute Bestand und feiert im 2015 sein 1500-Jahr-Jubiläum. Im Hinblick darauf wird in den 10 Jahren davor der Défis du Jubilé durchgeführt, der gemütlichste Ultra der Schweiz, mit Start und Ziel in Saint-Maurice im Wallis.

Wer bei „Ultra“ und „gemütlich“ Zweifel hegt muss wissen dass es am Défis nicht einfach nur weniger verbissen zugeht als an anderen Läufen sondern dass es hier sogar möglich ist unterwegs an einem VP aufzuhören und dort im nächsten Jahr weiterzumachen. Zwei steile Streckenabschnitte dürfen auf Wunsch via Strasse umgangen werden, wenn sie einen zu schwierig dünken. Und im Ziel gibt es – statt Pasta und Recoverydrink – Raclette, Weisswein und Kuchen ( ab der zweiten Portion Raclette gegen Bezahlung, sonst wären die 30.- Startgeld ein sehr schlechtes Geschäft für die Organisatoren ).

Nachdem ich bei meiner ersten Teilnahme im 2011 einen ziemlich miesen Tag erwischte, mit Regen, teilweise knapp an Schneefall vorbei, Gegenwind, Rückenschmerzen und als Höhepunkt bei km38 einen beginnenden Krampf an Wade und vorne am Schienbein gleichzeitig habe ich beschlossen, einen zweiten Versuch zu wagen, um die schöne Strecke richtig zu geniessen.

Lauf

Die Streckenerfinder haben sich vermutlich gedacht, dass sie betreffend Schnee mit einer Route welche nur bis auf 1303m hinaufgeht in der zweiten Oktoberwoche eigentlich auf der sicheren Seite sein sollten. Dummerweise hat es am Donnerstag weit hinuntergeschneit, bis etwa 800m. Danach blieb gerade noch ein Tag Zeit um den Grossteil zu schmelzen und einen richtig schönen Matsch zu produzieren. Die Wetterprognose für Finhaut machte für Samstag deshalb eher Wunsch nach Winterschlaf als nach laufen.

Den ganzen Freitag hatte ich gehofft dass der Lauf abgesagt oder verschoben wird, aber nix da. Deshalb habe ich beschlossen, die beiden schwierigsten Stücke auf der Strasse zu umgehen, denn die Abstiege bei Mex und Finhaut haben es in sich, und der Umweg ist nur etwa 4km. Lieber etwas länger gemächlich abwärts als dieses Gestolpere im Schneematsch in der Schlucht von Finhaut.

Auf der Fahrt ins Wallis hat es bis Montreux durchgehend geregnet, erst im Wallis wurde es trocken. Kurz vor 7 Uhr besammeln sich die Läufer und werden vom Abt mit guten Wünschen auf die Strecke geschickt. Es ist noch stockdunkel, man sieht die Sterne und seinen eigenen Atem. Es geht kurz das Tal hinunter und dann den Hang hinauf. Für einige Läufer ist die Tatsache, dass es Mitte Oktober um 7 Uhr noch dunkel ist anscheinend neu, sie haben keine Lampe dabei und hängen sich an die dran die schlau genug waren eine mitzunehmen. Der grösste Dödel läuft dabei direkt hinter mir, entscheidet sich dann aber neben mir zu laufen und mich auf dem schmalen Waldweg an den Rand abzudrängen. Nach ein paar seitlichen Beinahekollisionen geht er nicht etwa nach hinten sondern nach vorne direkt in meinen Lichtkegel. Hauptsache er sieht was, aber ich sehe nur noch das wohin ich gerne kurz reintreten würde. Ich mache etwas langsamer, was er zum Anlass nimmt ebenfalls etwas kürzer zu treten. Zum Glück kommt bald ein Steilstück, und mit einem kurzen Zwischenspurt lasse das Problem hinter mir.

Langsam wir es heller, und man sieht die ersten schneebedeckten Bäume. Am ersten Posten in Vérossaz ist es frostig, aber bald steigt der Weg wieder an, und der Schnee kommt näher. Der höchste Punkt nach 800HM Aufstieg heisst Les Orgières, was irgendwie nicht sehr katholisch klingt. Aber seit ich kürzlich im Kanton Fribourg an einem Strassenschild „Arses“ vorbeigefahren bin und anschliessend durch die Ortschaft „Misery“ verstehe ich langsam wieso die Welschen etwas gegen Fremdsprachen haben.

Im schneebedeckten Wald geht es in eine Schlucht hinein, und nach einer sehr rutschigen Holzbrücke wieder hinaus in die Sonne. Bald kommt in Mex die nächste Verpflegungsstation. Nach Mex geht es brutal steil hinunter, meine Oberschenkel melden Überlast, und ein kurzer Blick auf die Uhr zeigt minus 40 Höhenmeter/min, was mein Gefühl bestätigt. Unten fällt mir ein dass dies eines der Stücke war welche ich eigentlich auf der Strasse hätte umgehen wollen, aber nun sind meine Oberschenkel halt bereits platt. Ein Stück weiter unten kommen mir die Läufer wieder entgegen welche mich abwärts überholt haben, sie haben einen Abzweiger verpasst, so dass wir etwa zu zehnt den Rest bis zur Verpflegung in Evionnaz laufen. Hier gibt es ein richtiges Kuchenbuffet, so dass ich gerne länger geblieben wäre. Nun geht es einige km das Tal hinauf. Unterwegs kommen wir an einem Wasserfall mit dem malerischen Namen „Pissevache“ vorbei. Man muss vermutlich schon ziemlich angetrunken sein bis man auf einen solchen Namen kommt, aber die Einheimischen scheinen richtig Stolz auf den Wasserfall zu sein, es gibt sogar ein grosses Hinweisschild an der Strasse. Am Boden liegen viele Marroni, die meisten aber bereits leer. So geht es eine Weile das Tal hinauf, bis es beim Elektrizitätswerk von Vernayaz in den Hang geht. Auf einer alten Naturstrasse geht es im Zickzack hinauf nach Salvan, die Strecke führt entlang der Zahnradbahn, welche Martigny mit Chamonix verbindet. Heute würde garantiert niemand mehr auf die Idee kommen eine Bahn hier hoch zu bauen, aber bei schönem Wetter ist dies sicher eine eindrückliche Fahrt.

Von Salvan geht es gemächlich im Sonnenschein weiter ins Tal hinein, und auf der gegenüberliegenden Seite lässt sich der Rückweg erahnen. Vorerst kommt aber noch ein Steilstück durch verschneiten Wald über den höchsten Punkt und dann hinab nach Finhaut zur nächsten Verpflegung auf dem Vorplatz der Kirche. Nach dem Bahnhof Finhaut geht die Route in die Schlucht hinunter, und ich biege ab und laufe der Strassen entlang hinunter zur Brücke bei Le Châtelaret und dann weiter via Strasse wieder hinauf zur Laufstrecke. Hier ist es schön sonnig und bestimmt angenehmer als in der Schlucht. Am Strassenrand liegt teils gefrorener Schneematsch, trotzdem sind noch Töffahrer unterwegs. Nach etwa einer halben Stunde komme ich hinauf zur Tête Noire. Dies ist die Stelle wo ich vor zwei Jahren fast einen beidseitigen Krampf gehabt hätte, und ich habe immer noch keine Antwort auf die Frage: Was macht man in einem solchen Fall? In die Schlucht hinunterspringen? Tarzan-Schrei bis sich der Krampf von selbst löst? Warten bis eine der beiden Sehnen reisst? Dieses mal fühlen sich die Unterschenkel OK an, also vorsichtig weiter nicht dass die noch auf blöde Gedanken kommen. Nun kommt nämlich der schönste Teil des Laufes, gemächlich durch den Wald das Tal hinunter. Teilweise schmiegt sich der Weg an die Felswand an, so dass es sich lohnt vorsichtig zu gehen. Bei km45 wird der Posten in La Crêta erreicht, von wo man einen tollen Blick in Richtung Les Diablerets hat. Danach geht es einen Kilometer auf Teerstrasse hinunter. Zu Beginn freut man sich über den schönen Belag, bis man realisiert dass dieser Teil nur geteert ist weil der Dreck sonst abrutschen würde. Ist etwa so steil wie von der Burg Reichenstein hinunter, und hier habe ich meinen Oberschenkeln so richtig den Rest gegeben. Clever wenn noch 25km fehlen, unten musste ich ein Stück gehen um die Muskulatur wieder zu beruhigen.

Im steten auf und ab geht es nun zum Rhônetal zurück. Oberhalb von Gueuroz steht man plötzlich an einer Wand: Hier geht es auf etwa 100m Luftdistanz 200m hinunter, schon im Zickzack aber trotzdem übel. Immerhin kann man sich hier nicht verlaufen, bzw. man kann schon aber dann ist man in 5 Sekunden im Tal unten. Am Posten in Gueuroz fragt mich der Zeitnehmer doch tatsächlich ob ich hier aufhöre und ist richtig erstaunt dass ich weitermachen will. Ob ich wohl so mies aussehe? Schnell etwas futtern und die Flasche auffüllen bevor der nochmals fragt. Nun geht es auf die anderen Talseite, bei Dorénaz wird die Rhone überquert, und dann teilt sich der Weg. Wer 2 Chamonix-Punkte will nimmt die Défi+ Variante, erspart sich damit 3 flache Kilometer und darf auf den nächsten 2km bis Allesse 500 Höhenmeter erklimmen. Für die anderen beginnt hier der Trott 14km das Tal hinunter bis Saint-Maurice.

Der Aufstieg nach Allesse hat es in sich, er ist gleichmässig steil und geht dermassen in die Waden dass jeder der keinen Höhenmesser hat schwört dass es mehr Höhenmeter seien. Ich werde von 2 Läufern überholt, die irgendwie noch deutlich fitter aussehen als ich. Sonst treffe ich unterwegs nur noch auf eine sich sonnende Eidechse und ein paar glotzende Kühe. Bei der Kontrolle oben im Dorf erhält man einen farbigen Bändel auf die Startnummer getackert und darf die Höhenmeter dann wieder vernichten. Die Sicht von oben ist wirklich schön, man sieht den Lac Léman, und das Ziel scheint bereits nah. Unten in der Ebene trifft man wieder auf die Strecke von Dorénaz her, und kurz darauf kommt der letzte Posten in Collonges. Nach der Überquerung der Rhône geht es dem Fluss entlang, und heute gibt es hier sogar Rückenwind. In den Minianstiegen meldet mein rechter Oberschenkel dass jetzt dann fertig lustig sei und beginnt schon mal etwas zu krampfen, so dass ich wie auf Eiern in Richtung Ziel laufe. Schliesslich geht es von der Rhône weg quer über den Talboden. Im kleinen Aufstieg vor Vérolliey riskiere ich einen Blick zurück und sehe dass zwei Läufer im Schnellzugtempo kurz hinter mir sind. Das kann es nun ja wohl nicht sein, 2km vor Schluss nochmals überholt zu werden. Ich stelle um auf Vollgas beziehungsweise was nun halt noch kommt. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die 2 Läufer abgehängt (gut 2min Vorsprung), einen Läufer eingeholt und ein paar harmlose Spaziergänger verängstigt die vermutlich gemeint haben ich sei auf der Flucht. Im Ziel wird meine Zeit von Hand notiert, duschen, umziehen, Raclette!

Fazit

Der Défis du Jubilé bietet durch seine interessante Mischung von flachen Abschnitten bis zu richtig steilen Rumpelwegen echtes Trail-Feeling. Die Strecke ist gut markiert und bietet schöne Aussicht auf die Berge und Täler. Man muss einfach aufpassen sich in den teilweise sehr steilen Abstiegen nicht zu verheizen. Wer die 2 Punkte für Chamonix nicht braucht kann sich den Umweg über Allesse sparen, ist nicht wirklich lohnend. Ich würde das nächste mal den D7 machen und auf diese Schlaufe verzichten.

Verpflegungsstellen sind ausreichend vorhanden und es gibt immer mal was neues, Schokolade, selbstgebackene Kuchen, diverse Guetzli etc. Man spürt jeweils dass es von Herzen kommt, das Angebot schlägt alle grauslichen Gels und klebrigen Riegel um längen. Es gibt auch schon relativ früh Cola an den VP, wobei sie an einem Posten vermutlich gemeint haben wir Läufer trinken das damit wir nicht einschlafen, dort gab es nämlich Cola Zero;-).

Wer einen nicht zu langen Lauf im Herbst sucht und eine Organisation erleben möchte die keinen Wert auf High-Tech und Show legt sondern einfach funktioniert und für einen symbolischen Beitrag das Maximum bietet sollte sich beeilen, denn diesen Lauf gibt es voraussichtlich nur noch 2x, nach 2015 ist Schluss.

Oktober 2013

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