Ausdauersport kann gefährlich werden

20.05.2018 – NZZ am Sonntag: Ausdauersport kann gefährlich werden

Studien zeigen, dass ein zu intensives Training im mittleren Alter das Herz schädigt. Gefährden Velofahrer und Marathonläufer ihr Leben? Von Michael Brendler

Dieses Rennen war nur etwas für die Härtesten der Harten. Das Race across the USA zog sich über endlose 140 Tage und quälende 5000 Kilometer. Das kann nicht mehr gesund sein, dachte sich vor drei Jahren Jeffrey Lin, damals Sportkardiologe am Massachusetts General Hospital in Boston, und checkte 10 der 12 Teilnehmer vor und nach dem Rennen gründlich durch.

Anmerkung der LSVB-Redaktion:
Vorsicht Verwechslungsgefahr, es gibt mehrere ähnliche Extremsportanlässe in Amerika:

  1. Race Across America: Radrennen, Zeitlimite 12 Tage
  2. Run Across Americ: Das ist die Übung, die unser ehemaliges Vereinsmitglied Martin Wagen vor etlichen Jahren gewann. 70 Tage laufen, täglich zwischen 40 und 90 Kilometer (es liegen keine Tippfehler vor und einen Ruhetag dazwischen gab es auch nicht.
  3. Race Across The USA: laufen 140 Tage (wöchentlich 1 Ruhetag), 35 Kilometer täglich

Die Studie beschäftigt sich mit dem Race Across The USA.

Der Blutdruck hatte abgenommen – das war aber auch das einzige positive Ergebnis. Nicht nur die Blutfett- und Entzündungswerte waren schlechter geworden. Wer schon in Kalifornien mit ersten Risikofaktoren für eine Atherosklerose ins Rennen gegangen war, hatte, in Maryland angekommen, mehr Verschlüsse und Cholesterineinlagerungen in den Herzkranzgefässen. Das galt für fünf der Sportler. «Unsere Ergebnisse legen nahe», so der Forscher im «Journal of the American College of Cardiology», «dass sehr intensiver Ausdauersport nicht etwa Atherosklerose verhindert, sondern die Entstehung einer koronaren Herzkrankheit manchmal eher beschleunigt.»

Ab 45 Jahren geht es los.

Das ist überraschend, gilt doch der Ausdauersport eigentlich als ideale Prävention von Bluthochdruck und Herzinfarkt. Lins Studie deutet nun an, dass intensives Training auch schaden kann. Herzrhythmusprobleme, berichteten Forscher auf dem letzten europäischen Kardiologenkongress, sollen sogar bei bis zu jedem dritten reiferen Rennradler, Läufer und Triathleten auftreten. «Wahrscheinlich geht es gnadenlos ab 45 Jahren los», sagt Hans-Georg Predel, Leiter des Instituts für Kreislaufforschung und Sportmedizin an der Deutschen Sporthochschule Köln.

Unter dem ständigen Druck, seine Leistungskraft zu steigern, beginne das überforderte Herz Bindegewebe in seine Wände einzubauen. Das isolierende Fremdmaterial stört den Fluss der Elektronen, die an die Muskelzellen den Befehl weiterleiten, sich für den Herzschlag zusammenzuziehen. Die Folge: Das Organ stolpert über Zusatzschläge oder macht ungeplante Pausen. In den Vorhöfen, in denen sich das von Lunge und Körper zurückströmende Blut sammelt, kann das resultierende Chaos sogar dazu führen, dass diese kaum noch koordinierte Bewegungen zustande bringen. Sie flimmern nur noch funktionsuntüchtig vor sich hin.

Welchen ungeheuren Belastungen das Organ ausgesetzt ist, sieht man bereits bei jüngeren Ausdauersportlern. Ab einer Laufdistanz von 60 bis 70 Kilometern pro Woche oder vergleichbaren Anstrengungen beginnt die Pumpmuskulatur in der Regel zu wachsen. Teilweise ist ein solches Sportlerherz doppelt so gross wie das eines normalen Menschen. Gleichzeitig klopft das grössere Herz nur noch halb so schnell, weil es pro Schlag mehr Blut ausspuckt. Auch leichte Rhythmusstörungen wie kurze Leitungs-Blockaden gehen mit der Zunahme der Muskelmasse einher: Er habe schon Sportler vorübergehend auf der Intensivstation verschwinden sehen, weil die Kollegen die Auffälligkeiten im EKG missinterpretiert hätten, erzählt Jürgen Scharhag vom Zentrum für Prävention und Sportmedizin der Technischen Universität München. Dabei seien sie in der Regel völlig harmlos.

Auf lange Sicht steckt das Herz die Belastungen allerdings wohl weniger gut weg. Vor fünf Jahren veröffentlichten schwedische Forscher eine Studie, in der sie das Schicksal von mehr als 50000 Skilangläufern bis zu 16 Jahre nachverfolgten. Die meisten hatten ihr bestes Athletenalter hinter sich. Alle Probanden waren das 90 Kilometer lange traditionelle schwedische Vasa-Rennen gelaufen. Wer fünfmal oder häufiger teilgenommen hatte, litt um 30 Prozent häufiger als ein Debütant unter Vorhofflimmern. Dieses ist nicht nur mit einem massiv erhöhten Schlaganfallrisiko verbunden, das Blut wird zudem weniger effizient durch den Körper gepumpt. Auch andere Rhythmusstörungen traten umso wahrscheinlicher auf, je häufiger und schneller jemand die Loipe bewältigt hatte.

Unsportlichkeit ist riskanter

Dass Sport gesund ist, stellten auch die schwedischen Forscher nicht infrage. Nur scheint es irgendwann einen Punkt zu geben, an dem das Hobby gesundheitsgefährdend werden kann. Im vergangenen Jahr versuchten Forscher, diesen Punkt zu definieren. Anhand der Daten von 55000 Joggern ermittelten sie eine Höchstdosis für ein lebensverlängerndes Laufen von 4,5 Stunden, 50 km und 6 Trainingseinheiten pro Woche.

Wer mehr leiste, bringe sich deshalb aber nicht unbedingt automatisch in Lebensgefahr, sagt der Kardiologe Paul Thompson vom Hartford Hospital in Connecticut (USA). «Riskant wird die sportliche Überlastung langfristig wahrscheinlich vor allem für diejenigen, die ihre Probleme schon mit zum Training bringen», glaubt er. Oder aufgrund einer genetischen Veranlagung besonders anfällig sind. Auch die schwedischen Daten relativieren die Bedrohung – wenn man genauer hinguckt. Denn im Vergleich zu inaktiven Zeitgenossen gelang es selbst den erfolgreichsten und ehrgeizigsten Skilangläufern, ihr Sterberisiko im Untersuchungszeitraum zu halbieren. Was auch damit zu tun haben könnte, dass letztlich nur einer von 37 Herzrhythmusstörungen erlebte. In einem sind sich deshalb fast alle Wissenschafter einig: Unsportlichkeit bleibt die riskanteste Lebensweise.

«Wenn du unbedingt viel trainieren möchtest – lass dich nicht abhalten», sagt Thompson. «Aber wenn du Brustschmerzen, Rhythmusabweichungen oder ungewöhnliche Schwächephasen bemerkst, ignoriere nicht die Warnzeichen.» Auch der beste Sportler sei nicht immun gegen Herzkrankheiten.

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