Gopferamsterdammi

Amsterdam Marathon

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Vereinsreise 19. – 22. Oktober 2019

Die Exkursion zu den holländisch niederländischen Flachländlern, nachfolgend Flachmänner genannt, war sehr lehrreich. Insbesondere organisatorische Auffälligkeiten gaben öfters zu reden und stimmten noch öfterers nachdenklich. In diesem Aufsatz ist jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen nicht rein zufällig. Es war so. 

Organisation LSVB-Servicecenter

Unsere sieben Teilnehmer, waren in vier verschiedenen Hotels untergebracht. Bei so wenigen Reisenden, so eine Herbergenvielfalt zu generieren, das geht nur mit Flexibilität und Agilität, zeugt hingegen von organisatorischer Impotenz.

Unsere sieben Teilnehmer waren mit drei verschiedenen Verkehrsmitteln unterwegs. Deutsche Bahn, deutsche Autobahn und Koninklijke Luchtvaart Maatschappij, der flachmänner königlichen National-Airline KLM. 

Unsere sieben Teilnehmer bildeten eine äusserst homogene Gruppe. Ein Paradoxon eigentlich, betrachten wir Absatz eins und zwo. Beim ersten Treffpunkt stellten sich alle pünktlich zum Stelldichundsichein ein. Damit das klappte, half ein Trick. Der Treffpunkt hiess Bierhalle und dabei ging bei uns noch nie was schief.

Organisation Marathon

Siebzehntausend schrieben sich zum Marathonstart um  9 Uhr 30 ein.(Wieviele sich zum Halben und zum 10er zu späteren Startzeiten anmeldeten, weiss ich nicht, war zu faul für Recherche – musst selber googeln.)

Die Siebzehntausend hätten sich um 9 Uhr 15 im Stadion drinnen aufzustellen, danach täten sie keine mehr rein lassen. So gingen wir zeitig gegen 8 Uhr 50 zum Stadioneingang. Ein guter Plan, den wir verfolgten. Pünktlich um 9 Uhr 30 dann der Startschuss. Wir konnten gespannt mitverfolgen wie die Spitzenläufer aus dem Stadion hechteten. Allerdings nicht von drinnen, wir standen immer noch draussen, gleich neben der Strecke.

Weil, wir bewältigten in den letzten vierzig Minuten mörderische fünfzig von Metern Richtung Startlinie. Standen zwar draussen, waren aber in keinster Weise beunruhigt, denn ein pünktliches Erscheinen vor 9 Uhr 15 hatten wir schon weit vor 9 Uhr 15 als Witz erkannt. Wir nahmen es gelassen und sollten es sogar noch rechtzeitig in unseren Startblock schaffen. Nicht unwesentlich wenige schaften dieses Kunststück nicht. Versetzt‘ dich mal in die Lage des 3-Stunden-Läufers, der dann irgendwo im 4:30-Stunden-Block auf die Strecke muss. Das vergisst der am Besten und geht direkt wieder in die Bierhalle.

kein Vorwärtskommen Richtung Stadion

kein Vorwärtskommen Richtung Stadion

Was die armen 3-Stunden-Schweine, genau so wenig wie wir, nicht ahnen konnten war, auch unterwegs auf der Strecke wird’s ein riesen Chaos. Aber das kann ich jetzt noch nicht erklären, wir stehen ja immer noch draussen, vor dem Stadion und betreten endlich den Korridor in die Arena. Wer wie ich im Leben viel dämliches sah und hinterher zwecks Verarbeiten dämlich aufschreibt, hat ein breites Fell mit dicken Schultern. Aber dann das, im Korridor ist diese Tür und da passen 2 Personen gleichzeitig durch. Ich präzisiere und wiederhole, es gab nur den einen, diesen einzigen klitzekleinen Durchgang für siebzehntausend Läufer und den können genau zwei gleichzeitig passieren. Das ist so geil, das schreibe ich gleich nochmal hin: Es gab nur den einen, diesen einzigen klitzekleinen Durchgang für siebzehntausend Läufer und den können genau zwei gleichzeitig passieren. Gopferamsterdammi!

Es war wohl mein seltenst bescheuertes Pre-Race-Erlebnis. Und allen denen ich das schildere, die nerven mich dann immer mit dieser einten, selbigen Frage: „Wie oft fand dieser Marathon statt, zum ersten Mal?“ Nein, es war die vierundvierzigste Austragung – Gopferamsterdammi. Und jetzt im Ernst, gestartet bin ich ja noch nicht. Wüsste ich, was ich in vier Stunden wüsste, ich wäre wohl auch gleich mit dem 3-Stunden-Läufer vom 4:30-Stunden-Block in die Bierhalle saufen gegangen.

Endlich drinne auf dem Fussballfeld in unserem Startblock, ging es bald los. Wurde ja auch Zeit, diese Ansteherei hinter uns zu lassen. Jedenfalls, das dachte Anita. Sie kennt sich nicht so gut aus wie ich. Aber ich dachte das gleiche. Sind dann aus dem Stadion gehechtet, wie die Afrikaner vor zwanzig Minuten. Nur bei uns hat es viel weniger Platz als bei der kleinen Gruppe schwarzer Schnellläufern. Es gibt viel mehr langsame Weisse, als schnelle Schwarze – ganz einfach. Sturz- und Kollisionsgefahr auf jedem Meter. Die Strecke ist ein Flaschenhals.

Schon wieder gelogen. Der Flaschenhals kam nach 500 Metern. Verengung. Stillstand. Warten. Ausser die Zeit, sonst läuft nichts und keiner. Dann endlich geht das weiter. Ein, zwei Kilometer später wieder Flaschenhals im Flaschenhals. Stillstehen. 

Endlich, auch die zweite Strassenhälfte kann zum Laufen genutzt werden. Endlich mal angasen. Denkste „endlich“, nach fünfhundert Metern, das Läuferfeld hat sich schön in der Breite bequem Raum verschafft, um unproblematisch rennen zu können, da verengen die Absperrgitter der Flachmänner wieder auf nur die eine Strassenhälfte. Kannst ja vorstellen, was da los war.

Mit der Zeit kommen langsam die ersten 3-Stundenläufer wo nicht direkt in die Bierhalle gingen, bei uns an, aus ihren hinteren Startreihen. Kein Platz zum Überholen. Sie überholen. Sie nerven uns. Wir nerven sie. Alle nerven einander. Kriegst einen Ellenbogen ab, andere kriegen deinen Ellenbogen ab. Schlimmer geht nimmer.

Doch! Genau jetzt beginnen die ersten Trottel, die viel zu weit vorne eingestanden sind, mit ihrer ersten Gehpause – Gopferamsterdammi. 

Das geht so weiter. Drei Viertel der Streckenlänge war zu schmal. Im Fotoalbum sieht das nicht so aus, das liegt daran, weil Markus genau an einer untypischen Stelle stand. Ansonsten aneinander vorbei kommst manchmal im Gras, auf dem Gehsteig neben der Strecke, aber mehrheitlich gar nicht. Nun rege ich mich schon wieder ein halbe Stunde lang beim Schreiben darüber auf. Gopferamsterdammi.

Highlight

Von Kilometer 14 bis 20 führt die Strecke dem Fluss entlang, zum Wendepunkt und auf der Gegenseite zurück. Nicht viel Platz, aber etwas besser. Gute Stimmung. Dann sehen wir Leute mit Flyboards. Das sind so wie kleine Snowboards, wo man drauf steht. Durch den Rückstoss eines Wasserstrahls fliegt oder schwebt der oder die wo drauf steht, bis zehn Meter über dem Fluss. Das gelingt wegen eines Schlauches am Flyboard, in den mit einer Turbine Wasser vom Fluss hochgepumpt wird. In der Hand haben die Sportler eine Fernbedienung um den Rückstoss zu regeln. Gopferamsterdammi, ist das geil. Der Salto rückwärts, Salto vorwärts, oder seitwärts – alles mit dabei. Ich war begeistert. Das will ich auch. Erzähle begeistert am Abend Anita davon. Mit: „So ein Scheissdreck, die armen Fische!“, nimmt sie mir die einzige Freude des heutigen Tages. Ich ärgere mich vierzig Kilometer lang, habe einmal etwas positives zum Aufschreiben und dann kommt sie mir mit den Viechern mit Unterwasserkonfiguration.

Schneewittchen

Bei Anita im Hotelzimmer, gab’s ein gläsernes Bad. Gläsernes Scheisshäuschen inklusive. So haben die Flachmänner vom Hotelbett direkten Sichtkontakt auf ihre Flachfrau, wenn sie bei der Bescherung sitzt, und umgekehrt die Flachfrau auf ihr Scheisserchen. Fern sehen vom Hotelbett aus einmal anders. Ob du sehen willst, was du da siehst? Da musst du selber mit dir ins Reine kommen – ich kann da nicht helfen. Pfui Teiwel, immerhin ist Glas geruchsundurchlässig. Anstatt wie unser Schneewittchen Anita im gläsernen Sarg sich beobachtet zu fühlen beim – du weisst schon was – , da gefällt mir die Idee auf dem Flyboard weit besser.

Unser Schneewittchen ist allerdings nicht die einzige in Flachland. Um die kommst Amsterdam nicht herum. In ihren gläsernen, hochgestellten Särgen eingesperrt, sind sie, rot beleuchtet, in mehreren Strassen unübersehbar. Seelenlos, lebende Tote, teilweise hübsch wie Schneewittchen selber. Was diese Mädchen erleben? Aber wir gaffen, Männer gaffen, Frauen gaffen – alle gaffen. Ein Leben nicht viel mehr als des Giftapfels würdig. Weil Frauen- und Menschenwürde kommt nach dem Menschenrecht zum Gaffen, so einfach ist das.  Das ist die traurige Seite Amsterdams, was niemand zu realisieren scheint. Dieses Gewerbe mag seine Berechtigung haben, aber gleich eine Touristenattraktion draus machen?

Meist überwiegt das Sehenswerte. Die Grachten, die Hausboote, die alten, schmalen Handelshäuser. Je breiter die Fassade, je mehr Steuern musste man früher entrichten, drum wurde schmal, in die Höhe und möglichst in die Tiefe (räumlich, nicht vertikal) gebaut. So kommt’s zum typischen Stadtbild.

Die Fussgänger und Autofahrer sind hier zu unterst in der Nahrungskette. Bedroht, verfolgt und gehetzt von Radfahrern. Bist dauernd dem Velo-Terror ausgesetzt. Gefahrenpotential auf jedem Meter, wie heute Vormittag beim Marathon. E-Bikes gibt es nicht, Helmvorschrift auch nicht – alle halten sich dran. Man könnte meinen, die fahren nur so wie gestörte Säue, weil sie vom allgegenwärtigen Cannabis-Dunst, der aus den unzähligen Coffee-Shops strömt, bekifft durch die engen Gassen fräsen.

Wir bringen uns besser in Sicherheit – natürlich in einer Bierhalle.

Prost Gopferamsterdammi!

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in einer Bierhalle in Sicherheit

in einer Bierhalle in Sicherheit

2 Comments

  1. Klasse Bericht, habe den Amsterdam Marathon vor 7 Jahren nicht so in Erinnerung, da war die Tür noch ein Tor und glaube nur halb so viele Läufer.

  2. Gut war ich erst eine Woche später in Amsterdam. Kein Platz haben zum Rennen ist der absolute Stimmungskiller und geht gar nicht. Aber die Paramilitärischen Radfahrer (ohne Helm) sind immer unterwegs auch eine Woche später das kann ich bestätigen. Ich bin auch gelaufen (spaziert) hatte aber weniger Mitläufer und kam auch in den schmalen Gassen gut durch. Und was die Krachmacher auf ihren Boards betrifft bin ich voll bei Anita. Das braucht man so wenig wie eine Tür für 2 Personen und 17’000 Leuten die da durch wollen…

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