21 km in Patagonien, ein unvergessliches Abenteuer im tiefsten Süden Chiles

Bericht von Silvia Brodmann und Jan Grütter

Alles begann damit, dass Jan und ich einen arbeitsbedingten dreimonatigen Aufenthalt in Santiago planten und ich des Trainings wegen nach einem Lauf in Chile Umschau hielt. Meine Recherchen ergaben, dass im Frühjahr nur ein Lauf stattfindet und zwar der „Patagonian International Marathon“, der über die Distanzen 63, 42, 21 und 10 km angeboten wird.

Naiv und ohne zu wissen, was da auf uns zukam, meldeten wir uns rasch entschlossen für den Halbmarathon im „Torres del Paine“ Nationalpark in Patagonien an. Die Anmeldung war jedoch, wie sich schon bald herausstellen sollte, noch der einfachste Teil des ganzen Unternehmens. Denn bereits bei der Bezahlung des Startgeldes fingen die Schwierigkeiten an.

Der 4-stündige Flug von Santiago nach Punta Arenas, der südlichsten Stadt in Chile, mit Zwischenhalt in Punta Montt und auch das Backpacker Hostel in Puerto Natales konnten wir mit Kreditkarte bezahlen, nicht jedoch den Lauf selbst. Dafür brauchten wir einen ganzen Sonntagnachmittag um über einen chilenischen Zahlungsdienst den geforderten Betrag überweisen zu können.

Nachdem noch einige Mails mit der zum Glück englisch sprechenden Camilla hin und her gingen – wir haben zuerst statt der US$ chilenische Pesos bezahlt, was wenigen Rappen entspricht – schafften wir es doch noch uns anzumelden.

In Chile angekommen mussten wir zusätzlich die 3-stündige Busfahrt von Punta Arenas nach Puerto Natales organisieren. Leider bekamen wir auf unsere in Englisch verfasste Mail nie eine Antwort. Auf Nachfrage eines chilenischen Arbeitskollegen stellte sich heraus, dass aufgrund mangelhafter Englischkenntnisse Mails, die nicht in Spanisch geschrieben sind, kurzerhand gelöscht werden. Mit seiner Unterstützung ist es uns dann gelungen je zwei Sitze für die Hin- und Rückfahrt zu reservieren.

Nach einer 10-stündigen Reise sind wir wohlbehalten in Puerto Natales, einer an einem Fjord liegenden Hafenstadt mit ca. 20‘000 Einwohnern, angekommen. Bei schönstem Wetter, jedoch winterlichen Temperaturen und eisigem Wind machten wir uns auf die Suche nach unserer Unterkunft, dem Hostel „The Singing Lamb“. Noch am gleichen Abend mussten wir unsere Startnummern beziehen und erhielten gleichzeitig die letzten Instruktionen. Leider war unsere Vorbereitung nur suboptimal, da wir der Holzofenpizza (anstatt Paste) und dem chilenischen Wein nicht widerstehen konnten. Immerhin gingen wir nicht allzu spät zu Bett.

Am nächsten Morgen ging es früh los. In Handschuhen, Daunenjacke und warmer Wollmütze marschierten wir in der Morgendämmerung zum Bussammelplatz. Nach 2-stündiger Fahrt durch eine faszinierende Landschaft, vorbei an Rinder- und Schafherden, Pferden und Guanakos (Lama) erreichten wir unseren Startplatz. Dieser befand sich im Niemandsland, umgeben von imposanten Schneebergen, nur erkennbar durch eine Reihe von Toitois. Entgegen der ursprünglichen Ankündigung fuhr der Bus mit unserem Gepäck sofort wieder los, anstatt bis zu unserem Start zu warten. Und somit mussten wir in kurzer Hose und dünnem Shirt ca. anderthalb Stunden in der Kälte ausharren. Zum Glück wurde doch noch ein Startzelt aufgebaut und ein gut gebauter Chilene leitete das Salsa ähnliche Aufwärmtraining. Noch während unserer Wartezeit passierten die ersten Läuferinnen- und Läufer des Ultra Marathons das Startgelände, angefeuert und beklatscht durch die Teilnehmer des Halbmarathons. Um 11 Uhr, bei bereits wärmeren Temperaturen, ging es endlich los.

Die Strecke war stark coupiert und damit ziemlich anstrengend zu laufen, wie sich im Nachhinein herausstellte. Die reine Höhendifferenz betrug etwas mehr als 300m, wobei wir effektiv mehr Höhenmeter absolviert haben, da es immer wieder abwärts ging. Wir liefen auf einem breiten Schotterweg, der gleichzeitig der einzige Zubringer zu den Lodges des Parks war. Dies hatte den unangenehmen Nebeneffekt, dass vorbeifahrende Begleit- und Gepäckfahrzeuge, wie auch die Carabineros grosse Staubwolken aufwarfen. Verpflegungsstände gab es nur wenige mit bescheidenem Angebot (auf 21 Km genau ein Stand). Das Wasser (keine isotonischen Getränke) musste jeweils in die eigene Trinkflasche abgefüllt werden, da es im Park aus Umweltschutzgründen verboten war Becher abzugeben. Auf der ganzen Strecke konnten wir keinen Sanitätsposten ausmachen und auch sonst war für Notfälle keine medizinische Betreuung vorgesehen. Dafür mussten wir im Voraus eine Erklärung unterschreiben, dass wir diesen Lauf auf eigene Verantwortung machen und uns der Risiken bewusst sind. Auch Duschzelte wurden nicht bereitgestellt. Nur zwei Duschen in Hotelzimmern standen den knapp 700 Läufern für einen Preis von ca. 10 Franken pro Person zur Verfügung.

Während Jan zügig loslief, ging ich das Rennen langsam an, da gleich vom Start weg die ersten Hügel zu erklimmen waren. Nach etwa drei Kilometern konnte ich mein Tempo steigern und merkte, dass sich das Bergtraining in Arosa bezahlt gemacht hat. Schon bald sah ich Jan in der Ferne und konnte zu ihm aufschliessen. Ich fühlte mich richtig gut und machte mir Hoffnungen auf einen Podestplatz, da letztes Jahr nur eine Frau in meiner Kategorie die 21 Kilometer absolvierte. Wenigstens einmal im Leben auf dem Podest!! Deshalb steigerte ich mein Tempo erneut und überholte Jan, der schon bald feststellen musste, dass er seine Trainingsergebnisse aus Arosa nicht umsetzen konnte. Dafür widmete er sich vermehrt dem Festhalten des Laufs in Bildern. Eine Zeitlang lief ich alleine bis Alejandra aus Uruguay zu mir aufschloss. Anstatt das Tempo beizubehalten wurden wir langsamer und plauderten miteinander. So erfuhr ich, dass sie auch in Santiago wohnt und im Software Business tätig ist. Ausserdem genoss ich immer mehr die mir unwirklich erscheinende Landschaft und verlor dabei mein Ziel, eine gute Zeit zu laufen, etwas aus den Augen. Nach einem langen und steilen Abstieg, der in die Beine ging, haben mich die letzten Kilometer stark gefordert. Dabei habe ich gar nicht bemerkt, dass Jan die ganze Strecke in Sichtweite hinter mir lief und ebenfalls mit dem Streckenprofil zu kämpfen hatte. Schlussendlich liefen wir beide fast gleichzeitig durchs Ziel.

Leider reichte meine Zeit von 2:19.40 (Jan 2:20.10) nicht für einen Platz unter den ersten drei, da dieses Mal mehr und auch sehr gute Läuferinnen unterwegs waren. Die Siegerin in meiner Kategorie lief eine Zeit von 2:00.06, während der erste in der gleichen Kategorie der Herren den Halbmarathon in einer Zeit von 1:30.52 absolvierte. Die schnellste Ultra Läuferin (USA) lief die 63 km in 5:49.13 (schnellster Mann, ein Südafrikaner, 4:24.28), während die schnellste Marathonläuferin, eine Chilenin, für die Strecke 4:04:04 brauchte (schnellster Mann, ein Chilene, 3:20.05).

Mein persönlicher Höhepunkt war jedoch das anschliessende „Asado“ (Barbecue). Bei strahlendem Sonnenschein und einer guten Flasche Wein genossen wir am offenen Feuer gegrilltes Lammfleisch mit Papas y Ensalada, begleitet von chilenischer Livemusik. Dabei sorgten unsere brasilianischen Läuferfreunde, die wir am Start kennengelernt hatten, für „buona onda“, eine ausgelassene und fröhliche Stimmung. Später an der Bar wurde unsere neu geschlossene schweizerisch-brasilianische Laufgemeinschaft mit einigen Cervesas ausgiebig gefeiert, weshalb wir fast den letzten Bus zurück in die „Zivilisation“ verpassten.

Trotz organisatorischer Mängel und sprachlicher Hürden bleibt dieser Tag für uns unvergesslich. Der anspruchsvolle Lauf in Patagonien kann jedem Läufer, dem es in erster Linie nicht nur um die Zeit geht, wärmstens empfohlen werden. Die Landschaft, das Licht und die besondere Stimmung sind einzigartig und kaum zu beschreiben. Die Bilder in meinem Kopf lösen auch heute noch unvergessliche Gefühle aus.

1 Comments

  1. Viva America del Sur! Ich beneide Dich um dieses schöne Erlebnis.

    Liebe Grüsse
    Dominik

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