Frauenstreiktag

Melanie Beyeler hat zu diesem Ereignis bereits ausführlich berichtet. Allerdings litt wegen ihrer Bescheidenheit die Objektivität ein wenig. Als Ergänzung folgt jetzt der Expertenbericht:

Die 100 km von Biel

Der Frauenstreiktag wird nächste Woche statt finden. Dann hat Melanie keine Zeit, darum demonstrierte sie letzten Freitag, nachts in Biel. Wer das gesehen hat, der weiss, der Frauenstreiktag wird nicht annähernd so eindrucksvoll werden, wie die Demonstration von und mit Melanie.

Mehrere Herren vom LSVB versuchten sich die letzten beiden Jahre beim Bieler 100er. Geschafft haben das nur drei:

  • Christoph Maier 2017 (Simon Biere auch, war aber noch kein LSVB-Mitglied)
  • Roland Droll und Christoph Schori 2018

Bei diesen beiden Gelegenheiten hat ein halbes Dutzend LSVBler aufgegeben oder sich unterwegs umentschieden. Starter beim 100er können unterwegs in die Ultramarathon-Kategorie wechseln und nach 56 Kilometer in Kirchberg ranglistenberechtigt ins Ziel laufen.

Umentscheiden, Entscheidung klingt nach Verantwortung übernehmen, Übersicht, Weitblick, nach souverän und selbstständig. Aber nicht im Kontext mit dem Bieler Nachtlauf. Die waren einfach nur fix und fertig, Ende Gelände und der Fahnenstange. Umentscheiden steht hier für Weichduscher und Warmeier. Sie liefen, quasi beim 100er durch den Hinterausgang bereits nach 56 Kilometern ins Ziel. Ich weiss das genau, mir gelang das Kunststück sogar als einzigem in beiden Jahren. Mein Entschluss: nie mehr 100er, darum letzte Woche beim 56er eingeschrieben. Melanie trat beim 100er an.

Sie sagte, ich könne sie ja ein wenig begleiten. Ein schöner Plan, ich geb‘ den Richard Gere bei Pretty Woman, unterstütze sie nicht ungern. Nichtsahnend, dass es sich um den vorgezogenen Frauenstreiktag handelt, einer Demonstration powered by Beyeler.

Kurz nach dem Start kriege ich wohlverdiente Bedenken. Nicht wegen Melanie, Angst um mein Vorhaben und teile ihr besorgt mit, wenn wir so weiter machen, wären wir 20 Minuten schneller in Kirchberg, als sie im letzten Jahr. 2018 lief sie den 56er in 5 Stunden 34. Das nahm ich mir für dieses Jahr im besten Fall vor, aber nie im Leben 5:15, ich bin doch nicht bescheuert.

Jaja, sie wisse das … [Was jetzt? Dass wir zu schnell unterwegs sind, oder dass ich bescheuert bin?] … , aber es laufe ihr gerade so gut. Wenn ich jetzt bei ihr dran bleibe, bekomme ich Probleme. Was tun? Keine Ahnung. Mal Anita per SMS vorgewarnt: „Melanie spinnt!“ Vorgesehen war, dass Anita ab Kirchberg mit dem Velo Melanie begleitet und ich von da Anitas Auto nach Biel bringe.

Endlich bei Kilometer 10 wird Melanie vernünftig und macht deutlich langsamer, ich auch. Wir trennen uns. Sie lässt sich zurück fallen. Bei Regen joggen wir durch die Dörfer. Trotzdem herrscht in der ersten Nachthälfte mancherorts Festbetrieb. Die Leute sitzen in Partyzelten, unter Vordächern, treiben uns an und spülen dabei ihre wohlverdiente Bratwurst mit wohlverdienten Bieren runter. Diese Stimmung tut gut und begleitet einem in der Nacht.

Ab Kilometer 30 bin ich – Melanies Anfangsgeschwindigkeit sei dank – langsam kaputt. Bei Kilometer 38 steht unverhofft Anita da. Das war schön. Es half immens in dieser, meiner traurigen Lage. Sie wollte wissen, wie’s mir geht. Ich weiss nicht mehr was ich erwiderte, kann mir aber verstellen, wie ich dabei aus der Wäsche schaute. Die Kombination von meiner Aussage und meinem Aussehen quittierte Anita mit besorgtem Blick: „Aber gell, das mit dem Auto in Kirchberg klappt schon?“

Wie weiter? Ein Rat meines Chefs fällt mir ein: auf die innere Stimme hören. Der will jetzt aber nicht hören, was ihm meine innere Stimme gerade mitteilt. Sonst wäre ich am Montag arbeitslos.

Ich trabe vor mich hin. Das Leben macht keinen Sinn. Lebe ich noch? Wo bin ich? Wie heisse ich? Was mache ich? Ein sanftes Klopfen auf den Rücken bringt mich zurück in die Realität. Melanie. Begeisterung, Euphorie und stolz bin ich auf sie. Mensch ist sie schnell und schön sie wieder dabei zu haben. Das dachte ich, aber nicht für lange.

Ich kann fast nicht mehr rennen, bin aber immer noch gut in der Zeit. Und sie sieht nicht so aus, als täte sie in 8 Kilometer bei Kilchberg den LSVB-Herren-56K-Schwachstrom-Notausgang nehmen. Die läuft durch – man sieht es in ihrem Blick und an ihrer Körpersprache.

Begeisterung, Euphorie, Stolz, dieser Gemütszustand änderte ziemlich rasant, als ich versuchte ihr zu folgen. Das hiess, ich musste eine Minute schneller laufen als eben noch. Das musst du dir mal auf der Zunge vorstellen. Sie läuft heut‘ Nacht fast doppelt so weit wie ich und macht mir hier und jetzt den Pacemaker. Sie: absolute Weltklasse. Ich: unterwegs im Tal der Tausend Tode. Ich habe gezählt, das Tal der (mindestens) Tausend Tode war’s. Und da sag‘ einer, ich könne nur bis 3 zählen. Zwischen Jegenstorf und Kilchberg liegt es.

Leise sage ich meinen Leitspruch auf: „Du musst den Körper quälen, sonst quält er dich.“

Mein Körper antwortet: „Leck mich am Arsch!“

Ein Bild, zwei Geschichten. Er: unterwegs „im Tal der Tausend Tode“. Sie: zeigt dem Vereinsmeister den Meister.

Nix übertrieben, es gibt Zeugen. Wie gesagt, Anita bei Kilometer 38 und im Ziel in Kirchberg traf ich Sandrine. Frag‘ die beiden. Meine Schönheit war restlos verpufft. Bin nicht im Entferntesten mehr auf Augenhöhe mit Richard Gere.

5 Stunden 30 benötigten wir, also immer noch 4 Minuten schneller als Melanie im letzten Jahr. Ich bin jetzt fertig. Sie hat erst gut die Hälfte und ist schon wieder weg, investierte keine Zeit, um ein frisches T-Shirt anzuziehen. Anita übergibt mir die Autoschlüssel und fährt mit dem Fahrrad hinterher. Ich habe Feierabend, bin vorerst raus aus der Nummer …

… Biel morgens um 6 Uhr. Hinlegen klappte nicht, zu nervös wegen den beiden Nachtschwärmerinnen. Auf dem Tracker sehe ich, sie sind bereits in Arch, Kilometer 80. Jetzt spinnen sie zu zweit. Das will ich sehen.

Schönheits-Check: Habe Säcke unter den Augen wie Schwalbennester. Da hilft nur eins, die Visage hinter der ganz grossen Sonnenbrille verstecken. Das passt tipptopp, denn auf den Regen nächtens folgt ein wunderschöner Samstag Morgen. Ich fahre nach Büren an der Aare, verberge was keiner sehen soll mit Ray Ban und mache wieder den Richard Gere. Es funktioniert. Dann kommen schon die Hauptdarstellerinnen, Pretty Woman hoch 2. Anita strahlt wie bei ihrem ersten Schultag. Melanie, keine Ränder unter den Augen, macht Sprüche, nicht mal schwitzen tut sie.

In Biel ging die Demonstration Beyeler eindrücklich zu Ende. Sie wurde vierte in der Kategorie und lief exakt fünf Stunden nachdem wir uns in Kirchberg trennten mit 10 Stunden 30 Minuten ins Ziel. Da kriegten einige Freudentränen: Anita, Richard Gere, Ray Ban und ich.

Schau’s dir an: Nachdem sie 100 Kilometer durch die Nacht – in der Nacht der Nächte – rannte, kam Melanie durch den Zielbogen und wirkte, als würde sie eben beginnen.

Zieleinlauf

Vom LSVB waren noch zwei weitere Demonstranten unterwegs. Ganz unverhofft stand plötzlich Rolf Tschudin neben uns im Starterfeld. Die rote Startnummer entlarvte ihn als 100 Kilometerläufer. Rolf gab bekannt, er habe hundert Franken dabei. Seine Idee, damit von einer Festwirtschaft zur nächsten zu gehen. Schon klar, der kennt sich aus, es ist seine zehnte Teilnahme.

Auch Patrick De Sousa beendete erfolgreich. Er begann vor zwei Jahren mit dem Laufen. Ein Jahr später der erste Marathon. Noch ein Jahr später – es ist ja ganz logisch und normal – kann es nur ein 100 Kilometerlauf sein. Insofern haben die drei die LSVB-Erfolgsquote gegenüber den letzten beiden Jahren um 200% gesteigert. Gratulation.

Selbst wer eine feuchte Zündschnur hat, weiss unterdessen, dass mir Melanie sympatisch ist. Da verkündete sie ihren Plan fürs 2020: Anita werde den 100er bestreiten, ich solle mit Anita mitlaufen und Melanie möchte sich dann als Velo-Coach bei uns beiden fürs 2019 revanchieren.

Eben war sie mir viel sympatischer, so ein Scheissplan ist das!

2 Comments

  1. Ich bin ja langjähriger Leser von Andys Berichten und habe ihn ja auch dazu überredet dass wir Dättis Corner auf der Webseite ins Leben rufen. Eins ist mir aufgefallen, je beschissener ein Rennen für Andy verläuft, desto besser ist der Bericht hinterher. Somit gratuliere ich Melanie nicht nur zu ihrer super Leistung sondern auch zur Idee den Dätti nächstes Jahr auf die 100 km zu schicken. Dann komm ich nach Biel und stelle mich an die Strecke. Sprüche reissen!

  2. Superleistung von Melanie. Glückwunsch!
    Ich werde das auch mal versuchen. Irgendwann. Vielleicht.

    Schönster Nebeneffekt von Melanies Demonstration: Dätti haut wieder in die Tasten. So geht Expertenbericht!

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